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Schwere Jungs in der Vorlesung: Ein Staatsanwalt als Saalkönig

Von Thomas Machoczek

Rate mal, wer der Verbrecher ist: Ein Bochumer Kriminologe konfrontierte seine Jurastudenten mit Ganoven und unbescholtenen Bürgern. Zur Urteilsfindung, so das klare Ergebnis, taugt die äußere Erscheinung überhaupt nicht.

Ob es am schwarzen Pulli gelegen hat mit dem großen "Stüssi"-Aufdruck? Am zerwühlten grauen Haar? Oder war doch irgend etwas in seinem Blick? Heinrich, der Proband mit der Nummer 11, ist jedenfalls ein schwerer Junge - da sind sich die angehenden Juristen im Bochumer Hörsaal sicher. Jeder zweite von ihnen macht auf dem anonymen Fragebogen, den er vor der Vorlesung erhalten hatte, unter Heinrichs Namen ein Kreuz und sortiert ihn so bei den Straftätern ein.

Was am Mittwoch im Hörsaal folgenlos blieb, hätte im Gerichtssaal allerdings fatale Auswirkungen. Denn: Heinrich Wehrland ist mitnichten Straftäter, er ist Staatsanwalt. Gemeinsam mit zwölf weiteren Freiwilligen, darunter vier tatsächlichen Verurteilten, hatte er sich zu einer anonymen Gegenüberstellung im Rahmen der Vorlesung "Kriminologie I" bereit erklärt. Die Schlussfolgerung des Experiments ist ebenso einleuchtend wie bedeutsam: Einen Zusammenhang zwischen Aussehen und Verbrechen gibt es nicht.

"Verbrechervisagen" gibt es nicht

Schon seit 27 Jahren versucht der Kriminologe Hans-Dieter Schwind, mit diesem Experiment die Wahrnehmung künftiger Richter, Staatsanwälte und Verteidiger zu schärfen. "Kann man in der kurzen Sequenz einer Hauptverhandlung ein Urteil über einen Menschen fällen?", fragt er eingangs. Er erhielt bisher jedes Mal den Beweis, dass dies nicht möglich ist. Er weiß aber auch, dass Vorurteile in jedem von uns wohnen.

"Nummer 9 ist auf jeden Fall ein Banker", entfährt es der Jura-Studentin Julia Miskevec, als die Spekulationsrunde eröffnet wird. Aber später wird sich Nummer 9 als pensionierter Polizeibeamter entpuppen. Kommilitone Robert Nober hält Startnummer 4 für einen Zuhälter, im Zivilberuf Taxifahrer - und erwischt damit den Leiter der Vollzugsanstalt Werl. Stefan Scheibel sinniert etwas vorsichtiger: "Betrüger kann ja jeder sein."

Selbst die kurze Vorstellungsrunde liefert keine brauchbaren Indizidien. "Ich heiße Jürgen, ich jogge gern und sammle Musikgeräte", sagt Nummer 7. Verbirgt sich dahinter nicht schon kriminelle Energie? Jeder Dritte im Hörsaal denkt so. Und damit landet der Kölner Regierungspräsident Jürgen Roters, prominenter Gast an diesem Morgen, unversehens auf Platz 5 der experimentellen Verbrecherstatistik.

Der Professor wird zum Conférencier

Schwind moderiert die Vorstellungsrunde im Stil eines routinierten Conférenciers. Als einige der Gäste auf dem Podium "Rätsel lösen" und "Lesen" als ihre Hobbys nennen, kommentiert er lakonisch: "Lesen wird aber oft genannt. Manche von Ihnen haben ja auch richtig viel Zeit dafür."

Im letzten Jahrhundert hatte der italienische Kriminologe Cesare Lombroso die Idee, dass Äußerlichkeiten Aufschluss über den Charakter geben. Später bedienten sich die Nationalsozialisten seiner Theorie. "Heute ist das Thema tot", sagt Professor Schwind. Nach der unheilvollen Erfahrung mit der Rassenlehre würde hier zu Lande wohl niemand mehr ernsthaft wagen, Straftat und Aussehen direkt miteinander zu verknüpfen.

Trotzdem: "Immer wenn ein Gewalttäter nach längerer Suche festgenommen wird und Bilder vom ihm zu sehen sind, heißt es, man müsse sich wundern, dass so einer nicht schon vorher gefasst wurde", klagt Schwind. Die praktische Erfahrung hält er daher für unverzichtbar.

Schwind, einst Justizminister in Niedersachsen, organisiert deshalb bereits seit einem Vierteljahrhundert unkonventionelle Lehrveranstaltungen - als Gegengewicht zur "dogmatischen Vorlesung", zum klassischen Frontalprogramm in den Rechtswissenschaften. So lässt er Polizeibeamte über ihr Vorgehen bei Geiselnahmen berichten. Und bisweilen erzählen Prostituierte im Hörsaal über ihren Beruf oder Bankräuber über ihren kriminellen Alltag.

"Sie kommen wohl nicht viel an die frische Luft?"

Diesmal erfahren seiner Zuhörer am Rande des Experiments etwas über verschiedene Formen des Freigangs beim Justizvollzug. Den kennen die langjährigen Gefängnis-Insassen ja bestens aus eigener Erfahrung - und berichteten freimütig darüber.

Hans-Dieter Schwind, Krimonologe mit Sinn für einprägsame Vorlesungen
Atelier Lichtenberg

Hans-Dieter Schwind, Krimonologe mit Sinn für einprägsame Vorlesungen

Der Hauptverdacht jedoch klebt hartnäckig an der Nummer 11, bis zur Auflösung am Ende der Vorlesung. Wegen der vielen Nennungen wird Heinrich Wehrland von Professor Schwind zum "Saalkönig" ernannt. "Sie sind etwas blässlich, kommen wohl nicht viel an die frische Luft?", fragt er seinen Gast etwas schadenfroh. "Ich bin Staatsanwalt", antwortet Heinrich Wehrland - Johlen, Toben, Pfeifen im Hörsaal.

Für Schwind ist die Gegenüberstellung indes alles andere als Klamauk. Sie wird beiden Seiten im Gedächtnis bleiben. Einer der Straftäter, die mitgemacht und über ihr Gefängnisleben erzählt haben, räumt ein, noch nie soviel Beifall in seinem Leben bekommen zu haben. Und erst kürzlich, so Schwind, habe ihn jemand auf dieses Experiment angesprochen: Es war ein ehemaliger Student, der heute als Richter am Bundesgerichtshof sitzt. Und sich in Zweifelsfällen immer wieder daran erinnert.

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