"Science Slam": Willkommen auf der Uni-Showbühne

Von Hüseyin Ince

Gute Referate sind bühnenreif, aber Akademiker nur selten Showtalente. Und genau das zählt beim Science Slam: Die Redner sollen ein Forschungsthema smart und unterhaltsam erklären. Eine Hamburger Biologin testete es - ein Schaulaufen mit großen Gedanken und einem entrückten Juristen.

"Ihr konsumiert mich!", schreit der bärtige Jurist Robert verbittert, als ihm keiner eine Zigarette schenkt. "Mich und meine Wissenschaft kriegt ihr nicht umsonst, ihr Schäfchen", brüllt er durch das Mikrofon die Zuschauer an. Einige stecken ihre Zeigefinger in ihre Ohren, andere haben schon Hörschutz.

Robert, der letzte Redner des "Science Slam", steht auf der Bühne, mit grauen Mantel und Mütze. Er starrt das erschrockene Publikum an, wollte eigentlich ohne Vorbereitung von seiner Verfassungsbeschwerde für die Legalisierung von Cannabis erzählen und von seiner Promotion "Cannabis als Medizin".

Klingt zumindest im Ansatz nach Wissenschaft, und das soll es auch. Der "Science Slam" lehnt sich an das Konzept des Poetry Slam an: ein Mikrofon, ein Akteur, eine begrenzte Zeitspanne, um über alles zu reden, was man loswerden möchte. Ob gesungen, gereimt oder gekläfft, ist dabei egal.

Nur: Heute soll es wissenschaftlich zugehen. Es ist Freitagabend im Hinterzimmer der Pony Bar, beim ersten "Science Slam" gleich in Nachbarschaft der Uni Hamburg.

Mit Dino am Rucksack im Frühtau zu Berge

Robert wartet nach seiner Schimpftirrade vergeblich auf Fragen aus dem Publikum - "soll ich jetzt singen oder mit Dada anfangen?" Er singt: "Im Frühtau zu Berge wir ziehen, fallera." An seinem Rucksack wackelt der Dinosaurier-Geldbeutel hektisch hin und her. Als Robert aufgibt, ist erleichtertes Raunen zu hören.

Wer gewinnt, entscheidet eine Jury aus dem Publikum, wie beim "Poetry Slam". Die fünf Juroren haben Blöcke auf dem Schoß und vergeben Punkte auf einer Skala von null bis zehn. Der Slam hat nur vier Teilnehmer, aber der wirre Robert ist chancenlos. Er bekommt magere vier Punkte - von 50 möglichen.

Der längliche Nebenraum der Bar ist voll mit alten, hölzernen Klappstühlen und Bierbänken. Wie in einem Seminarraum können die Slammer auf einer Leinwand ihre Forschungsarbeit präsentieren. Die "Science Slam"-Idee stammt aus Braunschweig. Julia Offe, 36, hat sich dort inspirieren lassen und den Abend in Hamburg organisiert. "Ich hoffe, es etabliert sich eine neue wissenschaftliche Popkultur", sagt sie. Die promovierte Mikrobiologin erforscht, wie Insekten mit Hilfe von Enzymen tödlichen Giftstoffen trotzen - eigentlich eine feine toxische Vorlage für eine Science-Slam-Geschichte. Aber "als Organisatorin teilzunehmen, fand ich nicht so gut", sagt sie.

Kurz vor Beginn stehen im engen, heißen Hinterzimmer fast so viele Zuhörer, wie auf den Klappstühlen Plätze gefunden haben. Sie treten von einem Bein aufs andere, nippen am Bier, schnappen nach Luft. Es ist ein Wettbewerb im Vortragen, keiner um die interessanteste Forschungsarbeit. Jeweils zehn Minuten sollen die vier Redner über ihre Forschung erzählen, mit den Mitteln ihrer Wahl - und wie bei einem guten Referat haben die Wissenschaftspoeten keine vorgefertigten Texte, sondern sprechen frei.

Langatmigkeit vergrätzt das Publikum

Friederike Moldenhauer ist Lektorin und Übersetzerin, moderiert sonst auch mal einen Poetry Slam - und ist sichtlich nervös. Als erster Slammer spricht Martin Kaluza, promovierter Philosoph der FU Berlin, über Gerechtigkeit, genauer über die Patentrecht von Pharmafirmen: "Hier greift das Prinzip des sozialen Wohles nicht mehr, wofür aber das Patenrecht begründet wurde."

Er erklärt, warum sich kranke Menschen in der dritten Welt Medikamente nicht leisten können. "Dann sterben sie oder fallen aus dem ökonomischen Kreislauf", sagt der Philosoph ganz sachlich. Zum Schluss erklärt er die pixelige Projektion an der Leinwand als extreme Nahaufnahme. Man könne den Dingen entweder zu nah sein und sie dann nicht mehr erkennen - oder aber zu weit weg sein, Martin zeigt auf der Leinwand einen kleinen Punkt. Die Jury ist beeindruckt: 33 Punkte. Das Publikum fragt Martin noch minutenlang nach Details.

Der nächste Science-Slammer hat es nicht leicht. Volkswirtschaftler Sebastian Buschmann, 25, erzählt von nachhaltigem Fischen in Neuseeland, mit der erfundenen Geschichte des Hochseefischers Steinfort: "Fisch ist umsonst, denkt sich Steinfort, kauft sich ein größeres Boot mit allem Gerät und einer Flagge von Sansibar, obwohl er gar nicht so viel fischen darf, wie er will." Steinfort fischt jetzt unter der Flagge eines Landes, das internationale Fischereiabkommen nicht unterzeichnet hat. Die Fische springen mit Hilfe des Echolots fast von selbst ins Boot.

Folge? Überfischung. Schon jetzt sind viele Fische vom Aussterben bedroht. Das Publikum ist interessiert. Viele runzeln aber die Stirn, als Sebastian minutenlang eine Kosten-Nutzen-Grafik auf dem Tageslichtprojektor aufzeichnet: ein Klassiker unter den Referatsfehlern, er hatte sein Publikum und hat den Kredit durch Langatmigkeit verspielt. Die Jury ist sich schnell einig: 24 Punkte.

Science Slam soll keine Eintagsfliege bleiben

Der Soziologie Tobias Krone folgt mit einer populären These: "Bachelor macht dumm und beschleunigt das Studentenleben unnötig." Doch Robert unterbricht die Präsentation von Tobias, will wissen, ob er schon dran ist, bettelt um eine Zigarette, lässt sich kaum von der Bühne scheuchen. Und kehrt dann mit einer brennenden Zigarette zurück in einen Raum, der nur noch einen Aufguss braucht, um zur Sauna zu werden.

Tobias müht sich redlich zu veranschaulichen, warum der Bachelor blöd macht. Und der Slam endet mit einem Patt: Die Zuschauer können sich nicht entscheiden, ob Martin oder Tobias gewinnen soll. Julia Offe ist glücklich, der erste Science Slam Hamburgs ist geschafft. Auch Robert steht nun auf der Bühne, trinkt gemütlich ein Weizen und kritzelt in einen A4-Block. Einige zweifelten, ob er wohl wirklich ein Jurist ist - zum Beweis hinterlässt Robert die handschriftliche Kopie seines Lebenslaufes mit all seinen Zeugnissen.

Den Beweis, Philosoph zu sein, brauchte Martin Kaluza nicht zu bringen. Und manche Dinge kann man nicht erfinden. Martin hatte anfangs erzählt, er bekomme E-Mails mit Fragen wie: "Lieber Doktor Kaluza, wie lange muss man Sand von einem Sandhaufen nehmen, damit man nicht mehr von einem Sandhaufen sprechen kann?"

Wissenschaft als Bühnenstück, das soll in Hamburg keine Eintagsfliege bleiben. Es soll wieder einen Science Slam geben, sagt Julia Offe - am besten mit "Platz für anschließende Gesprächsrunden", aber ohne sauna-ähnliche Zustände. Eine Neuauflage ist für den 5. November geplant.

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