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Selbstversuch im Pflegeheim: Einmal alt sein und zurück

Die meisten Menschen haben Angst vorm Altern. Am schlimmsten finden sie den Gedanken an ein fremdbestimmtes Leben im Heim. Nadine Diehl hat sich freiwillig in ein Pflegebett gelegt: Die 23-Jährige lebte 24 Stunden lang das Leben einer 80-Jährigen - und wurde dabei fast wahnsinnig.

Ich bin nackt. Angreifbar, verletzlich, hilflos. Jeder Fremde ist jetzt ein Feind. Auch Schwester Kerstin. Behutsam wringt sie den Waschlappen über der blauen Plastikschüssel neben meinem Bett aus. Wassertropfen rieseln hinein. Ich merke, mein größter Feind ist nicht sie, sondern meine Angst. "So, ich wasche Sie jetzt mal unten, Frau Diehl", sagt die junge Altenpflegerin.

Aus Angst wird Scham. Aus einem Augenblick eine Ewigkeit. "Ist das so okay für Sie?", fragt sie mich. "Ja, ja", lüge ich. Schwester Kerstin dreht mich auf die Seite. Direkt neben mir breitet sie eine Papierwindel auf dem schneeweißen Bettlaken aus und rollt mich darüber. Klebeverschluss zu, Hose hoch: Expedition "Altsein" hat begonnen.

Für einen Tag und eine Nacht bin ich Bewohnerin eines Seniorenheims. Ich möchte erleben, wie es sich anfühlt, alt und hilfsbedürftig zu sein. Meine fiktive Bewohnerakte bestimmt meinen Alltag. Nadine Diehl, Baujahr 1928. Inkontinent? Häkchen. Gestörte Motorik? Häkchen. In Ihrer Bewegung eingeschränkt? Häkchen. Ergänzung: Kann stehen, ist aber nicht mobil.

Empfindet ein alter Mensch Langeweile genauso stark?

Zimmernummer 104. Die Hände in den Schoß gelegt sitze ich auf meinem Bett und lasse die Füße baumeln. Zum ersten Mal habe ich Zeit, mir meiner Einschränkung so richtig bewusst zu werden. Je länger ich sitze, desto schwerer fühlen sich meine Beine an. Das bleierne Gefühl wandert bis in meine Zehspitzen. Ich habe den Drang, aufzustehen - doch das darf ich ja nicht.

Gerne würde ich jetzt alleine zum Mittagessen gehen, doch ich muss warten, bis mich eine Pflegerin abholt. Vielleicht dauert es noch eine halbe Stunde, vielleicht auch nur zehn Minuten. Das Zeitgefühl habe ich schon jetzt völlig verloren – so ganz ohne Fernseher und ohne Uhr. Während ich warte, schießen mir plötzlich Gedanken durch den Kopf von Partys und ausgelassenem Tanzen. Ob ein alter Mensch sich dieselben Dinge zusammen spinnt wie ich? Empfindet er Langeweile genauso stark?

Mein Kopf tanzt weiter, mein Puls schlägt den Takt dazu. Jemand klopft an der Tür. Es ist Schwester Edeltraud: "Frau Diehl, ich bringe Sie jetzt zum Mittagessen", sagt sie. "Legen Sie doch mal bitte ihre Arme um meinen Hals, damit ich Sie in den Rollstuhl setzen kann." Schwester Edeltraud ist eine füllige Frau mit graubraunen, kurzen Haaren und roten Wangen. Sie trägt blau-weiß gestreifte Arbeitskleidung und eine große Brille in ihrem mütterlichen Gesicht. "Stehen, stehen, stehen", feuert sie mich an. Ich versuche, mich nicht zu schwer zu machen. Peinlich, sich von einer so viel älteren Frau helfen zu lassen.

Ich muss dringend aufs Klo, aber ich will nicht

"Können sie alleine essen oder soll ich Ihnen die Mahlzeit verabreichen?", fragt mich Schwester Edeltraud am Tisch im Speisesaal. Verabreichen. Ich sehe, wie meine Tischnachbarin von einer anderen Pflegerin Suppe in den Mund gelöffelt bekommt. Die alte Frau starrt in die Leere. Den Mund öffnet sie nur einen kleinen Spalt weit. Nach jedem Löffel blubbert die Hälfte wieder heraus und tropft auf ihren Latz. "Nein, das schaffe ich noch alleine", ist meine Antwort. Was sollen denn sonst die wirklich hilfsbedürftigen Bewohner von mir denken?

Zurück in meinem Zimmer liege ich wieder in meinem Bett. Ich muss dringend aufs Klo, aber ich will nicht. Ja, noch durchhalten und den Toilettengang solange wie möglich hinauszögern, rede ich mir zu. Doch es geht nicht länger. Ich drücke auf den rot aufleuchtenden Knopf, der an einem Kabel über meinem Kopf baumelt. Ich warte und wünsche mir, das Warten würde ewig dauern. Doch schon nach kurzer Zeit steht Schwester Edeltraud in der Tür. Für sie ist das, was nun kommt, reine Routine. Für mich ist es eine erneute Herausforderung im Kampf gegen mein Schamgefühl.

"Achtung, ich grabbel da jetzt ein bisschen an ihrer Hose rum", sagt die Pflegerin, während ich mich an der Stange neben der Toilettenschüssel festkralle. Sie umklammert mich von hinten und knöpft meine Jeans auf. Innerlich sträube ich mich gegen die Hilfe und nehme sie trotzdem an. Ich müsste dafür dankbar sein, doch ich bin es nicht. Dann streift Schwester Edeltraud meine Hose runter und hilft mir auf den Toilettenrand. "Ich gehe jetzt vor die Tür und Sie rufen einfach, wenn Sie fertig sind", erklärt sie mir. Es dauert eine Weile, bis ich Wasser lassen kann.

Teil einer Welt, die in Zeitlupe läuft

Wieder warten. Liegen. Warten. Dann geht es zum Kaffeetrinken und gleich darauf zur Sitzgymnastik. Endlich Bewegung, endlich Spaß. Nach und nach werden die Bewohner in Rollstühlen zum Übungsraum gekarrt. Die Physiotherapeutin beginnt mit Lockerungsübungen und schüttelt die Arme aus. Zehn Seniorinnen sitzen im Kreis und versuchen mit viel Mühe die Bewegungen der Therapeutin nachzuahmen. Klatschen, Stampfen, Schattenboxen.

Ich fange an, ein wenig zu schwitzen. Um mich herum läuft die Welt in Zeitlupe ab. Ich versuche Teil dieser Welt zu werden, doch ich ertappe mich beim Jungsein. "Jetzt wippen wir vor auf die Zehenspitzen", gibt die Therapeutin Anweisungen. "Und zurück auf die Fersen."

Ich lasse meine Blicke durch die Runde schweifen und sehe fröhliche Gesichter. Gesichter, die so aussehen, als hätten sie den ganzen Tag nur auf diesen Augenblick gewartet. Auch meine Tischnachbarin vom Mittagessen ist dabei. Die Übungen macht die demente Frau aber nicht mit und starrt weiter in die Leere. In unregelmäßigen Abständen ruft sie in schrillem Ton "Schwester" und "Danke schön". Was wohl gerade in ihrem Kopf vorgeht?

Meine Haare riechen nach Kantine, Krankenhaus, Urin

Nach dem Abendessen liege ich wieder in meinem Bett und schaue aus dem Fenster. Die Sonne geht langsam hinter den Gebäuden des Seniorenzentrums unter und taucht ein letztes Mal die Dachterrasse in orangenes Licht. Ich spüre die Stille. Bis auf das Geräusch von vorbei fahrenden Autos ist fast nichts zu hören. Nur noch der Wind, der leise durch das gekippte Fenster pfeift, stört die Einsamkeit.

Und der Geruch - der Geruch von Altenheim. Ein süßliches Gemisch aus Kantine, Krankenhaus und Urin. Erst jetzt merke ich, dass sogar schon mein Nachthemd danach riecht, auch meine Haare.

Es ist dunkel geworden in Zimmer 104. Die Langeweile macht mich fast wahnsinnig. Ich kann nicht einschlafen, grübele. Auf andere angewiesen zu sein, nicht mehr Herr meiner Kräfte zu sein. Könnte ich jemals so leben? Was ist, wenn ich irgendwann keine andere Wahl mehr habe? Ich beschließe, niemals alt zu werden. Und nicht mehr zu grübeln.

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Ausgeliefert: 24 Stunden in der helfenden Hand der Pfleger