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01. Oktober 2009, 09:52 Uhr

Sexmagazine an US-Unis

Zwischen Porno und Postfeminismus

Von Anna Gielas

An Elite-Unis wie Columbia oder Yale gestalten zeigefreudige US-Studenten eine Reihe von Nacktmagazinen - als kleine Rebellion gegen Prüderie. Mal sind sie enthemmt pornografisch, mal eher ästhetisch verdruckst. Hinter Titeln wie "Die Vaginas von Harvard" kann sich Überraschendes verbergen.

Wie schwer es ist, an einer US-Uni nackte Haut zu zeigen, mussten die Harvard-Studentinnen Camilla Hrdy und Katharina Baldegg erst lernen. Ihre Lektion: Mit viel Fingerspitzengefühl sollten sie Bedenken der Uni-Oberen entschärfen, peinlich genau ein Konzept ausarbeiten, über jeden Quadratzentimeter nackter Haut verhandeln, sechs Monate lang. Das Ziel der beiden jungen Frauen: Sie wollten ein studentisches Erotikmagazin veröffentlichen, unter dem Titel "H-Bomb". Wichtig war ihnen, dass ihr Heft als offizielle Harvard-Veröffentlichung anerkannt wird.

Seit Jahren schon geben Studenten an amerikanischen Hochschulen Erotikmagazine heraus. Mittlerweile sind es so viele verschiedene Hefte, von anspruchsvoll bis schmuddelig, dass sich ein genauerer Blick lohnt. Was die Redaktionen gemeinsam haben: Sie berufen sich auf die Meinungsfreiheit - und sie wollen Tabu-Schranken durchbrechen, mehr Erotik wagen, gegen die sonstige Prüderie an den US-Unis. Manchmal sind sie dabei ziemlich eindeutig, mit Überschriften wie "Vaginas der Harvard-Gemeinschaft" oder "Zum Schutze der Vorhaut".

Zu den ersten Jung-Hugh-Heffners gehörten Studenten des Vassar Colleges nördlich von New York, die bereits 1999 das Magazin "Squirm" entwickelten - unter empörtem Schnaufen der Uni-Leitung. Auch die Harvard-Studentinnen Hrdy und Valdegg konnten sich Mitte 2004 durchsetzen, als die erste "H-Bomb"-Ausgabe erschien. Die Dekanin jammerte zwar, sie habe über tausend oft empörte Anrufe erhalten. Doch weil sich Harvard nicht Zensur vorwerfen lassen wollte, gab sie ihr Okay. Allerdings muss die Redaktion ihre Arbeit ohne Zuschüsse von der Uni stemmen, sie bekam lediglich 2000 Dollar von der studentischen Selbstverwaltung.

Bäume, Obst und Felsen

Hinter den expliziten Titeln und Überschriften steckt keineswegs immer Pornografie. Mitunter sind die Texte und Bilder überraschend. So präsentierte "H-Bomb" unter der Überschrift "Vaginas der Harvard-Gemeinschaft" nicht etwa nur studentische Nacktbildchen, sondern eine Sammlung von Schwarz-Weiß-Fotos, für die Harvard-Studentinnen hinter statt vor der Kamera standen. Sie fotografierten schlicht Blüten, Bäume, Obst und Felsen, deren Formen eine bestimmte Assoziation weckten.

Daneben hat "H-Bomb" auch Gedichte und Artikel zu Reproduktionsgesetzen, Aids und Postfeminismus veröffentlicht. Mit solchen Beiträgen qualifiziert sich das Magazin eher als Kulturzeitschrift denn als Schmuddelheftchen - obgleich es hie und da auch nackte Studentenkörper zeigt. "Viele Studenten der Ivy-League-Universitäten sind aufgeweckt, selbstsicher und haben das nötige Kleingeld, um Magazine dieser Art ins Leben zu rufen", sagte die Soziologin Pepper Schwartz dem Magazin "Newsweek", das sich über die zunehmende Beliebtheit der Eigenbau-Erotikzeitschriften wunderte.

Das nötige Kleingeld ermöglicht aber auch Hefte mit weit weniger künstlerischem Anspruch. Bei "Diamond" zum Beispiel dreht sich die erste - und vermutlich auch letzte - Ausgabe vor allem um den Harvard-Studenten Matt DiPasquale, gleichzeitig Chefredakteur des Blattes. Der Bachelor-Absolvent, 25, widmet darin die meisten Seiten einem Selbst-Interview sowie Aufnahmen des eigenen Körpers. Dreimal grinst er komplett nackt in die Kamera. "Die Welt muss erfahren, wie sehr ich Sex liebe", so DiPasquale.

Texte über Strangulationsspiele und Strukturalismus

Nicht weniger deutlich, dafür viel abwechslungsreicher ist das Heft "C-Spot" von Studenten der Columbia University, das erstmals 2008 erschien. Eine Autorin berichtet über ihre sexuellen Erlebnisse mit einem Wall-Street-Casanova, der sie gern mit Edelkrawatten würgt. Eine andere beginnt ihre Geschichte mit dem Satz: "Sie entschloss sich ihn zu ficken, weil sie in seinen toten Vater verliebt war."

Das ist die eine, explizite Seite. Die andere: Vereinzelt versammelt "C-Spot" auch Gedichte sowie Texte über psychoanalytische Theorie und französischen Strukturalismus. In ausgedehnten Fotostrecken räkeln sich Studenten - fotografiert von Kommilitonen. Die meisten von ihnen sind Bachelor-Studenten der Visual Arts, viel Kunst, wenig Porno ist ihre Leitlinie. Spiele mit Licht und Schatten zeigen fast alles. Aber eben nicht alles.

Andere Magazine wie die "Sex Week at Yale", kurz "SWAY", haben mit Kunst nicht viel im Sinn und setzen eher auf sexuelle Aufklärung oder farbenfrohe Fotostrecken mit Latex und Stiefeln. Ob Hormonheft oder Kulturblättchen - die meisten Studis sehen ihre Mitarbeit an den Magazinen als Meilenstein in ihrem Lebenslauf: Sie machen erste journalistische Erfahrungen und bauen ein eigenes kleines Unternehmen auf.

Sie sind jung und brauchen das Geld

Ziemlich oft sind Frauen die Köpfe hinter den Erotikzeitschriften. Bei ihrer Arbeit berufen die Redaktionen sich darauf, dass sie eine offenere und kritische Auseinandersetzung mit Sex fördern wollen, jenseits von Prüderie und Pornografie. Gegen die Tabuisierung angehen, lautet ein Ziel der "C-Spot"-Chefredakteurin Jessica Tang.

Damit stoßen sie auch auf Widerstand. So fürchten katholische Studentengruppen um die Reinheit der studentischen Gedankenwelt: "Vielen männlichen Lesern könnten die Hefte nicht als Leselektüre, sondern zur Ankurbelung ihrer sexuellen Phantasie dienen", heißt es in einer Erklärung.

An der Beliebtheit der Magazine ändert das nichts. Von jeder "H-Bomb" werden in unregelmäßigen Abständen 10.000 Exemplare gedruckt, "SWAY" in Yale erscheint sogar mit 25.000 Heften - die innerhalb kurzer Zeit ausverkauft sind. Für im Campus-Dunstkreis vertriebene Zeitschriften ist das recht ordentlich.

Auflagenstark präsentierte sich auch ein anderes Erotikmagazin made by students an der University of Boston. Ihr besonders freizügiges Sexmagazin "Boink" kam nach Angaben der Chefredakteurin Alecia Oleyourryk, Journalistikstudentin und Gründerin, auf einen Abonnentenstamm von 40.000. Das Heft war so erfolgreich, dass der Verlag Warner Books die weltweiten Rechte kaufte und 2008 ein Buch herausgab: "Boink - College Sex by the People Having It."

Die sexuelle Aktivität der Studenten steigern die Magazine übrigens nicht. Umfragen zeigen, dass Elite-Studenten in den USA nicht mehr Sex haben als ihre Altersgenossen. Die meisten Studienanfänger kommen zwar jungfräulich an die Unis - und damit in eine Umgebung, die nicht mehr von Eltern kontrolliert wird. Doch zu wilden Orgien führt das kaum, allen Berichten über Saufexzesse und Spring-Break-Eskapaden zum Trotz. So zeigt eine Studie von 2006, dass fast die Hälfte aller Undergraduate-Studenten noch nie Sex hatte.

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