Skurrile Widmungen in Doktorarbeiten: Mein Dank gilt meinem Hund

Der Geliebten und der WG, dem Opa und dem Haustier: Doktoranden danken so ziemlich jedem in ihrer Arbeit. Für das Hochschulmagazin "duz" hat Jurist Thomas Hoeren Hunderte Widmungen durchgesehen. Was ist los mit Akademikern, die im Vorwort ihren Mineralwasser-Lieferanten erwähnen?

Immer treu: Sogar Hunde kommen gelegentlich zu der Ehre einer Widmung Zur Großansicht
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Immer treu: Sogar Hunde kommen gelegentlich zu der Ehre einer Widmung

Eine Landplage sind sie geworden, die meist dümmlichen Widmungen in Dissertationen: "Für Opa" oder "Mein besonderer Dank gilt meiner Familie und meinen Eltern". Wen interessiert schon die Banalität, dass ohne die Unterstützung dieser Angehörigen "das Projekt nicht hätte realisiert werden können"?

Und doch hat der französische Philosoph Professor Gérard Genette recht, wenn er gerade auch die Widmung als erkenntnisreichen "Paratext" neben dem Waschzettel oder dem Klappentext ansieht. Nicht zuletzt dank der legendären Studie von Prof. Dr. Maximilian Herberger über die "Frau im Vorwort" wissen wir, dass Widmungen soziologisch wertvolle Hinweise geben.

Ja, in der Tat: Die frappierende Kluft zwischen der nüchternen Abstraktheit einer Doktorarbeit und dem oft sehr persönlichübergriffigen Vorwort dazu harrt einer Dissertation. Vor diesem Hintergrund las ich wissbegierig hunderte von Vorworten aus Dissertationen, die im Netz allgemein zugänglich sind.

Verschwunden sind leider Widmungen, die die eigene Bedeutung betonen und damit auch die finanzielle Situation des Autors verbessern. Carl Friedrich Bahrdt, einer der "verdorbensten" Theologieprofessoren des 18. Jahrhunderts, hatte die Strategie erfunden, seine Schriften Staatsoberhäuptern und Magnaten zu widmen, um damit den Verkauf anzukurbeln. Auch kam er als erster auf die Idee, vor der Veröffentlichung Potentaten in einer Kleinigkeit um Rat zu bitten, um ihnen dann im Vorwort wegen ihrer "wertvollen Hilfe" zu danken. Solche Strategien findet man heute kaum noch. Auch hat sich nicht der Rat des irischen Schriftstellers Flann O'Brien durchgesetzt, gekaufte Bücher eigenmächtig mit handschriftlichen Widmungen der Autoren zu versehen: "Von Ihrem ergebenen Freund und Jünger K. Marx".

Wenn die Familie für Widmungen herhalten muss

Statt dessen muss die Familie für Widmungen herhalten. Unvergessen ist mir hier ein Studienkollege an der Universität Münster, der vor vielen Jahren seine Dissertation "tippen" ließ und die Sekretärin bat, gleich mehrere unterschiedliche Widmungszettel erstellen zu lassen: für seine Mutter, seine Schwiegermutter, seine Frau und seine Geliebte. Gut ist derjenige bedient, der wenigstens nicht mit Nachnamen genannt wird - denn so lernt man sinnvolle Kosenamen wie "Babse" kennen, der für die "letzten 22 Jahre und deine Einzigartigkeit" gedankt wird.

Manche Mütter können offensichtlich nerven, insbesondere was Nähebedürfnisse angehen. So erklärt sich die Widmung einer forstwirtschaftlichen Dissertation an die Mutter, die traurigerweise wegen der Doktorarbeit "viele Stunden, Tage, Wochen und Monate auf meine Anwesenheit daheim verzichten musste". Manche neigen dazu, ihr ganzes Leben in eine Danksagung zu bringen: "dass meine Frau Maria trotz familiärer Beeinträchtigung und eigenen beruflichen Engagements mich fortwährend unterstützte, motivierte und mir über Längen und Durststrecken hinweghalf, unsere beiden Kinder Christof und Lukas in dieser Zeit geboren wurden und ihre ersten Lebensjahre absolvieren mussten, legt nahe, den dreien die Arbeit mit herzlichem Dank zu widmen". So bedankt sich eine Doktorandin nach dem Doktorvater vor allem bei "meiner Mutter und meinem Mann".

Nicht vergessen seien gleich auch die Schwiegereltern, die vielfach in Doktorarbeiten Eingang gefunden haben: "auch der Familie meiner Frau möchte ich für ihr Interesse und ihre Unterstützung meinen Dank aussprechen".

Die Postmodernen erwähnen lieber die WG, "für den Zuspruch, die Ablenkung, den Spaß, für die Freundschaft und den Zusammenhalt, den sie mir geschenkt hat". Auch flüchtige Bekanntschaften wollen erwähnt sein, etwa in dem Dank für Roman Müller, "der mit mir die Tage in der deutschen Bibliothek geteilt hat und mein geschätzter Gesprächspartner für alle Aspekte von Akteursmodell bis Entspannungsbier war". Ein anderer dankt mehr als 100 Personen, unter anderem dem ersten Fußballclub Kickers WiWi für das "wöchentliche Fußballspiel, welches mir den notwendigen sportlichen Ausgleich zur wissenschaftlichen Tätigkeit verschaffte".

Was die Widmungen über Autoren verraten

Auf eine ähnliche beachtliche Liste von mehr als 100 Personen kommt auch Daniela Moll, unter anderem für ihre Donnerstags-Spiele-Truppe oder an Antje Baddel für ihr "liebes Lächeln" und der lieben Sonja Schweinsberg, die sich offensichtlich toll um die Blumen der Doktorandin gekümmert hat. Selbst die Sporttrainerin kommt hier zu Ehren und nicht zu vergessen die Frauen im Montags-Nähkurs.

Sozialpathologisch interessant sind Widmungen für Tiere. Viele missachten die Warnung von Justin Zobel: "Don't thank your parents or your cat unless they really helped with research." Stilprägend ist die legendäre Widmung an den Hund Obelix, dem nicht nur für die "kontinuierliche Unterstützung und Motivation auch während meiner langen Krankheitsphase" gedankt wird, sondern auch Dank dafür gebührt, dass er "auch stets geduldig seine Krallen für makroskopische Betrachtung zur Verfügung gestellt hat".

Hunde können aber auch in anderem Zusammenhang auftauchen, wie die sehr formalisierte Widmung einer Dame an Herrn Dr. Hubert Röder zeigt: "So musste er fast ohne mich einen ganzen Umzug alleine durchführen, eine neue Wohnung renovieren, sich zusätzlich um unseren gemeinsamen Hund kümmern und war aber dennoch jederzeit für mich da, wenn ich seine Hilfe brauchte." Ob es um Hunde oder Kinder ging, bleibt bei einer Widmung für "Freunde und Pädagogen" unklar, "die die Betreuung meiner Liebsten während meiner Abwesenheit für das Studium wunderbar übernahmen".

Oft geht es in Vorworten um Bier (vor allem bei Männern), um Bierfreundschaften, Studentenverbindungen und metrosexuelle Partyvagabunden. Frauen trinken kein Bier, sondern bedanken sich bei "meiner Schwester, die mich zu manch' netter Kaffeejause lud". Sebastian Lages kommt auf weniger Danksagungen, dafür aber mit mehr Bezügen zur Freizeitwelt, etwa wenn es um die Arbeitsgruppe in der "Futterküche" geht, oder den besonderen Dank für Rita Hassenrück, "die unermüdlich meine Mineralwasservorräte aufgestockt hat und ohne die ich verdurstet wäre".

Manche Widmungen sind rätselhaft, so etwa der Satz "Daniel, …?", "ja, euch beide". Oder latinisierend verkünstelt: "Parentibus et fratri", - jede(r) zeigt sich mit solchen Widmungen, so wie er oder sie ist: eitel, niedlich, vernetzt oder in der Kernfamilie vereinsamt.

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insgesamt 26 Beiträge
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1. Ganz schön herablassend
Antares42 13.04.2011
Ja und? Wir sprechen ja hier weniger von Widmungen als mehr von Danksagungen. Oder einem anerkennenden Kopfnicken. Da hat man nun jahrelang, gern recht brot- und trostlos, an einer Dissertation geschuftet und will denen, die einen begleitet haben, immerhin eine Erwähnung angedeihen lassen... und dann muss man sich dafür auslachen oder beschimpfen lassen? Na toll.
2.
Indigo76 13.04.2011
Mein besonderer Dank gilt dem Verfasser dieses Artikels, ohne den ich an diesem trüben Mittwoch, freudlos an Langeweile gestorben wäre. (Ironiemodus aus) Mein Philosophielehrer an der Schule sagte früher immer, dass alles auf der Welt einen Sinn hat - der hat diesen Artikel nicht gelesen!
3. ist doch klar....
bunterepublik 13.04.2011
Zitat von sysopDer Geliebten und der WG, dem Opa und dem Haustier: Doktoranden danken so ziemlich jedem in ihrer Arbeit. Für das Hochschulmagazin "duz" hat Jurist Thomas Hoeren hunderte Widmungen durchgesehen. Was ist los mit Akademikern, die im Vorwort ihren Mineralwasser-Lieferanten erwähnen? http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,752956,00.html
...auch der "musterschüler" will halt ein bisschen "outlaw" spielen....aber nur da, wo es nicht wirklich wehtut.... das sind halt echt die ganz "coolen" typen..... respekt für soviel rebellion...
4. Nicht nur Doktoranden ...
C. Müller-Gödecke 13.04.2011
auch EDV-Autoren lieben solche merkwürdigen Widmungen, da werden komplette ödipale Schübe ausgelebt, wie ich vor Jahren schon in einer kleinen Sammlung auf http://www.rohrpostkreuzung.de/?EDV-Autoren_sagen_Danke zusammengetragen habe.
5. Undank an alle Nervensägen
Bala Clava 13.04.2011
Meine Widmung war eine - inwzischen auch nicht mehr so originelle - kleine Rache an meiner nervenden Ex: "Für Katharina W..., ohne die diese Arbeit schon fünf Jahre früher fertig geworden wäre". Nachname dort übrigens ausgeschrieben.
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Heft 4/2011

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Thomas Hoeren, Professor für Informationsrecht und Rechtsinformatik an der Uni Münster, hat seine Doktorarbeit im Jahr 1989 über das Thema "Softwareüberlassung als Sachkauf" geschrieben. Gewidmet hat er sie aber wegen der im Text beschriebenen Peinlichkeiten niemandem. Dafür widmete ihm einst ein guter Freund "wegen der schönen Saunagespräche" seine Promotion in der Anglistik. Geboren wurde der Vater zweier Töchter 1961 in Dinslaken. Hoeren studierte Theologie und Rechtswissenschaften in Münster, Tübingen und London. In den 90er-Jahren beriet er die EU-Kommission und ist seit 1996 auch Richter am Oberlandesgericht Düsseldorf. Seit 1997 lehrt er an der Universität Münster, wo er sich mit seiner unterhaltsamen Vortragsweise eine beachtliche Fangemeinde geschaffen hat.