Späte Promotion: Germanistik-Doktor am 90. Geburtstag

Vor 70 Jahren gab Franz Schrage im Nationalsozialismus sein Theologiestudium auf, wurde dann Architekt. Obwohl er beinahe blind ist, schaffte Schrage jetzt die Promotion in Düsseldorf - mit genau 90 Jahren, eine Energieleistung in hohem Alter.

Für die Prüfung galten dann doch kleine Sonderregelungen: Weil der Promotionskandidat Franz H. Schrage, 90, schwer hört und fast nichts mehr sieht, erlaubten ihm seine Prüfer an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf zwei Stichwortgeberinnen - bei seinem 20-minütigen Vortrag ersetzten sie ihm die Powerpoint-Präsentation.

Dr. Franz H. Schrage, 90: Frisch promovierter Germanist
Uni Düsseldorf

Dr. Franz H. Schrage, 90: Frisch promovierter Germanist

"Der Vortrag war erstaunlich flüssig", sagte Dieter Birnbacher, Philosophieprofessor und Gutachter in der Prüfung. Auch mit der schriftlichen Arbeit "Edith Stein, Philosophin und Heiliggesprochene im Spannungsfeld zwischen Juden und Christen" habe sich Schrage "als großer Stilist" gezeigt.

Birnbacher schlug dem Prüfling sogar vor, seinen Text als Monographie zu veröffentlichen. Er sei eben sprachlich "nicht durch die Fachkultur belastet", lobte Birnbacher. Die Arbeit verfasste der greise Prüfling im Fach Germanistik.

"Ich wollte Kulturphilosoph werden"

Birnbacher beschreibt den ergrauten Doktoranden mit studentischem Kinnbart als gläubigen Katholiken und Schrages Doktorarbeit auch als Aufarbeitung seiner eigenen Geschichte. Schrage hatte im Herbst 1937 in Bonn ein Theologiestudium begonnen, es aber im Sommer 1939 aufgegeben; im gleichen Jahr sei er wegen seiner Studienrichtung auch aus der Hitlerjugend ausgeschlossen worden, schreibt Schrage in seinem Lebenslauf. "Eigentlich wollte ich Kulturphilosoph werden", sagte er der "Rheinischen Post".

Schrage wollte sich nicht "mit den nationalsozialistisch durchsetzten Geisteswissenschaften gemein machen", sagt sein Prüfer. Darum wählte er die Architektur als "Brotberuf" und arbeitete auf diesem Feld für die Stadtverwaltungen in Köln und Düsseldorf.

Erst 1995 zog es ihn nach schwerer Krankheit wieder an die Uni, im Dezember 1998 machte Schrage seine Magisterprüfungen in Germanistik und Philosophie. Durch eine Augenerkrankung sei er seit vier Jahren "im juristischen Sinne blind", steht in seinem Lebenslauf. 2006 begann er seine Dissertation - und die ging am Dienstag, genau an seinem 90. Geburtstag, mit der mündlichen Verteidigung seiner Arbeit zu Ende.

An Edith Stein fasziniert Schrage, dass sie von den Katholiken als Heilige und Märtyrerin verehrt wird, obwohl sie als Jüdin von den Nationalsozialisten ermordet wurde und auch ein Opfer eines "latenten christlichen Antisemitismus" wurde, schreibt der 90-Jährige im Resümee seiner Doktorarbeit.

Als "orthodox-katholischen Gottsucher", der mit seiner Kirche ringt, beschreibt ihn sein Prüfer Birnbacher. Eine von Schrages Stichwortgeberinnen ist seine Partnerin, die ihm auch bei der Literaturrecherche hilft und ihm Quellen vorliest. Auch die Frau an Schrages Seite ist hochbetagt - und akademisch vorbelastet: Sie promovierte 1998 im Alter von immerhin 70 Jahren.

cht

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