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Lieblingsserien: Achtung! Spoiler!

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AP/AMC

Charaktere aus "Breaking Bad": Walter White (links) und Jesse Pinkman

Es ist der Albtraum jedes Serienfans: Von anderen zu erfahren, wie es weitergeht. Auch dieser Text ist voll von Spoilern. Unser Autor Francesco Giammarco macht das mit Absicht.

Am Ende von "Breaking Bad" stirbt Walter White. Mit diesem Satz macht man sich keine Freunde. Er ist ein Spoiler. Wer die beliebte US-Serie um die Wandlung des krebskranken Chemielehrers zum Kriminellen gerade schaut, kennt jetzt eine Pointe, die er vorher vermutlich nicht wissen wollte.

Eine gewöhnliche Reaktion darauf reicht von Empörung über Aufregung bis hin zu Zorn. Kommt darauf an, wie sehr einen das Serienfieber gepackt hat.

Die Sehgewohnheiten der Zuschauer haben sich verändert - und damit auch das Risiko, entscheidende Plots früher zu erfahren. Serien werden nicht mehr gemeinsam im Wochenrhythmus geschaut, sondern jeder zieht sich einzelne Teile in seinem eigenen Tempo rein. Die Verbreitung von Mediatheken, Streamingdiensten und digitalen Videorekordern hat es möglich gemacht. Niemand muss mehr warten, wenn er die Spannung bis zur nächste Folge nicht mehr aushält. Das ist praktisch, erhöht aber auch die Zahl der potenziellen Verräter.

Die Gefahr von Spoilern lauert an jedem Ort: im Supermarkt und im Hörsaal, in der S-Bahn oder beim Spaziergang. Es werden Handlungsstränge ausgeplaudert, Staffel-Finals verraten, Serientode verpetzt. Von Fremden, Freunden oder der eigenen Familie.

Überall herrscht Spoiler-Paranoia.

Auch als dieses Thema in der Redaktion besprochen wurde, gab es einen Aufschrei. Jemand erwähnte nebenbei, dass Nick Brody, eine Hauptfigur aus der Serie "Homeland", die dritte Staffel nicht überlebt. Ein Kollege schaute gerade die zweite Staffel - und fand das überhaupt nicht witzig.

Klar, Spoiler sind ärgerlich. Aber es wird höchste Zeit, sich wieder zu beruhigen. Denn Spoiler sind im Grunde überhaupt nicht schlimm - sondern haben vielleicht sogar etwas Gutes.

Schließlich bestehen Serien ja nicht nur aus einem einzigen dramaturgischen Detail oder einem Geheimnis, das in der letzten Folge aufgelöst wird, sondern aus vielen Dingen: Bildern, Musik, schauspielerischer Leistung. Aus komplexen Protagonisten, bei denen es nicht nur um die Frage geht, wie sie enden - sondern auch, wie sie sich entwickeln und was sie auf dem Weg zu ihrem Ende erleben.

Walter White aus "Breaking Bad" ist da ein gutes Beispiel. Auch wenn man weiß, dass er am Ende stirbt, hat man noch lange keine Ahnung, wie sich die Beziehung zu seiner Frau Skyler oder die zu seinem Komplizen Jesse Pinkman im Laufe der Zeit entwickelt. Im Grunde weiß man nichts von dem, was die Serie ausmacht. Und dass White stirbt, ist ohnehin seit der ersten Folge ziemlich klar: Da bekommt er von seinem Arzt die Diagnose, an Lungenkrebs zu leiden. Das Ende des Protagonisten ist an sich also keine Überraschung, wohl aber die zahlreichen Twists und Wendungen davor.

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2011 fand eine Psychologiestudie der University of California in San Diego Hinweise dafür, dass manche Zuschauer Geschichten sogar mehr genießen, wenn sie wissen, wie es ausgeht. Testpersonen sollten verschiedene Erzählungen lesen, und sie bevorzugten zu großen Teilen jene, die vorher gespoilert wurden. Warum? Die Wissenschaftler konnten nur vermuten: Zu wissen, wie es ausgeht, macht es dem Gehirn wohl einfacher, auch Details besser zu erkennen und deswegen viel tiefer in eine Geschichte einzutauchen.

Wenn Spoiler Geschichten kaputt machen würden, könnte man keinen Film zweimal sehen. Dabei werden manche Filme beim zweiten Mal sogar interessanter. Zum Beispiel "Fight Club". Das ist ein Film, der beim zweiten Sehen fast mehr Spaß macht als beim ersten. Wenn man weiß, dass Tyler Durden und der Erzähler dieselbe Person sind, sieht man plötzlich Dinge, die man vorher nicht gesehen oder verstanden hat.

"Hör mal kurz weg"

Nun sind Film- und Serienfans widersprüchliche Leute. Einerseits möchten sie unbedingt wissen, wie eine Handlung weitergeht. Sie diskutieren, spekulieren, versuchen, Hinweise zu deuten, beim Netflix-Abend auf der Couch und auch im Netz. Andererseits reagieren sie überaus empfindlich, wenn sie wirklich etwas erfahren. Wie Kinder, die vor Heiligabend schon herausfinden, welche Geschenke an Weihnachten unter dem Baum liegen. Die Spannung ist weg.

Daraus hat sich eine regelrechte Spoiler-Paranoia entwickelt, die mitunter zu bizarren Situationen führt. Neulich saß ich mit Freunden in einem Restaurant. Wir sprachen über "Black Mirror". Die britische Science-Fiction-Miniserie zeigt in jeder Folge eine andere Zukunftsvision unserer Gesellschaft. Es geht darum, wie Technik den Menschen beeinflusst, wie das ständige Starren auf Bildschirme unser Verhalten verändert. Am Ende der ersten Folge hat der britische Premierminister bizarrerweise Sex mit einem Schwein.

Meine Freunde hatten bereits alle Staffeln gesehen und wollten, nein, mussten über die Serie sprechen. Ich kannte zu diesem Zeitpunkt nur die erste Folge. Meine Freunde tauschten verräterische Blicke aus, dann sahen sie mich an - und forderten mich auf, kurz wegzuhören. So saß ich also da: ein erwachsener Mann in einem Restaurant in Kreuzberg, der sich die Ohren zuhielt und leise vor sich her summte, während sich die anderen am Tisch unterhielten. Das Ganze hätte selbst eine Szene aus "Black Mirror" sein können. Lächerlich, ich weiß.

Um zu sehen, welche merkwürdigen Formen die Angst vor Spoiler annimmt, kann man auch einen Blick ins Netz werfen: Ein Jugendlicher aus den USA schrieb vor Kurzem etwas über den neuen "Star Wars"-Film auf Facebook. Einer seiner "Freunde" empfand das als Spoiler - und schickte dem Jungen ein Foto von sich und einer halbautomatischen Pistole. Dazu die Nachricht: "Ich werde Dich finden". Am nächsten Tag blieb die Schule des Jugendlichen geschlossen - und der Typ mit der Knarre wurde verhaftet.

Game of Thrones Zur Großansicht
HBO/ Sky

Game of Thrones

Auch bei Produzenten und Schauspielern nimmt der Umgang mit Spoilern inzwischen absurde Züge an - bis hin zu handfesten Lügen. Nach der letzten Staffel "Game of Thrones" etwa sagte Kit Harington, sein Charakter werde in der nächsten Staffel definitiv nicht zurückkehren. Was irgendwie logisch klang, schließlich wurde Jon Snow in der letzten Folge in eine Falle gelockt und abgestochen. Doch es dauerte nur ein paar Wochen, bis Fotos von den Dreharbeiten der nächsten Staffel im Netz auftauchten. Und siehe da: Jon Snow war wieder dabei.

Anderes Beispiel: Vor der letzten Staffel "How I Met Your Mother" wurde bekannt, dass die Schauspielerin Cristin Milioti die Mutter spielen würde, von der die Hauptfigur Ted Mosby ab Folge eins seinen Kindern erzählt. Kurz darauf fragte ein Journalist Milioti in einem Fernsehinterview, ob die Mutter zum Schluss ein trauriges Ende erwarte, wie viele Fans der Serie vermuteten. Milioti lachte nur und sagte vage: "Das ist verrückt." Dumm nur: Die Zuschauer hatten recht. Die letzte Folge zeigt, wie Ted Mosby die Mutter heiratet, Kinder mit ihr bekommt - und wie sie schließlich krank wird und stirbt. Aber was hätte Milioti tun sollen? Spoilern?

Cristin Milioti: Lieber lügen als spoilern Zur Großansicht
DPA

Cristin Milioti: Lieber lügen als spoilern

In dem Film "Star Trek - Into Darkness" spielte Benedict Cumberbatch einen Bösewicht, der dem Star-Trek-Universum nicht bekannt war. Einen Mann namens John Harrison. Fans spekulierten schnell: Das könnte doch Khan sein, der Bösewicht aus dem zweiten Star-Trek-Film "Die Rache des Khan" von 1982. Die Produzenten winkten ab. Khan? Quatsch! Doch nach einem Drittel des Films steht Cumberbatch in einer Gefängniszelle und verkündet, unterstützt von dramatisch klingender Musik: "Mein Name ... ist Khan!" Die Zuschauer kamen sich verschaukelt vor - und machten ihrem Ärger im Netz Luft.

Ohnehin hat sich die Anspruchshaltung der Zuschauer verändert, was auch daran liegt, dass Serien in den letzten Jahren eine Qualität erreichen, die es vorher nicht gab. Die Geschichten wurden spannender, die Plots komplizierter, die Twists rasanter. Entspricht ein Handlungsstrang einmal nicht dem gewohnten Standard, hagelt es Kritik: etwa bei "LOST".

Die Serie handelt von den Überlebenden eines Flugzeugabsturzes auf einer Insel im Pazifik. "LOST" stellt die Zuschauer vor immer neue Rätsel, legt Fährten und Spuren. Am Ende einer Folge gibt es meist mehr Fragen als am Anfang. Also diskutieren die Fans in Internetforen und auf Facebook weiter. Die "LOST"-Zuschauer sind treu und engagiert. Aber wer so viel Energie aufbringt, erwartet eine befriedigende Auflösung. Die war dann aber eher banal.

Als Hauptdarsteller Jack in der letzten Folge den Mann in Schwarz tötet, das Loch unter der Insel mit einem großen Steinkorken verschließt - ja, es gab einen riesigen Korken - und dabei sein Leben opfert, nur um alle seine Freunde später im Fegefeuer zu treffen, da waren die Fans von "LOST": sauer.

Einer der Serienautoren, Damon Lindelof, pflegte auf Twitter engen Kontakt mit den Zuschauern. Die Fans machten ihn fertig, warfen ihm vor, wie schlecht das Ende gewesen sei, einer schrieb sogar, Lindelof habe ihm "die letzten sechs Jahre seines Lebens geklaut". Das traf Lindelof: Für die nächsten Jahre nannte er sich selbst immer "einen der Idioten hinter LOST".

Mag sein, dass hier Erwartungen enttäuscht wurden. Aber es ist ein weiteres Argument, welche ungesunden Züge das Serienfieber angenommen hat. Man möchte Leute wie dem "LOST"-Fan am liebsten bei den Schultern packen und ordentlich durchschütteln.

Ist doch nur Fernsehen!

Es gibt keinen vernünftigen Grund, sich so zu benehmen - oder so wie der Kollege aus der Konferenz, ich in dem Restaurant oder der Typ mit der Knarre.

Aber es gibt Hoffnung. Eine von Netflix in Auftrag gegebene Umfrage zeigt, dass zumindest die Amerikaner beginnen, mit Spoilern zu leben. 76 Prozent der Befragten akzeptieren sie als einen Teil des Lebens, 94 Prozent gaben an, Serien auch nach einem großen Verrat weiter zu gucken und zu genießen. 13 Prozent haben behauptet, Spoiler machten ihnen sogar mehr Lust auf eine Serie.

Ich habe mir vor Kurzem "Star Wars - Das Erwachen der Macht" angeguckt. Ich wusste schon seit fast einem Jahr, was in dem Film passiert, denn irgendjemand hatte den Plot ins Netz gestellt. Ich hatte trotzdem großen Spaß. Sehr großen. Ich wusste auch, dass am Ende ein sehr beliebter Charakter sterben wird. Es hat mich trotzdem berührt. Keine Sorge, ich verrate nicht, dass es Han Solo ist.

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1. ...also Spoiler sind geil :)
nein_zur_vds 19.03.2016
...Spoiler sind ein Segen wenn ich bedenke dass ich es mir dann sparen kann, mir den Mist reinzuziehen und wie viele sinnvolle Sachen ich in der Zeit machen kann :)
2.
MoorGraf 19.03.2016
Als der 5. Band von Harry Potter rauskam, war ich gerade in London und Rowling hatte ja schon "gespoilert", dass ein Hauptcharakter in Band 5 sterben würde, was die Spannung natürlich nochmal anheizte. Ich fuhr am Tag nach der Veröffentlichung des Buches über den M4 und da hing über der Brücke ein Riesnspruchband mit "It´s Dumbledore! I saved you 584 pages and 19.99 Lb" ich fand´s GROSSARTIG! Und hab den 5. Band genauso gerne gelesen, als hätte ich es nciht gewusst. Das einzige, wo ich Spoiler echt doof finde: wenn ich ein Fußballspiel gucke. Da ist die Emotion echt anders, wenn ich das Ergebnis vorher schon kenne.
3.
Frida_Gold 19.03.2016
Zitat von MoorGrafAls der 5. Band von Harry Potter rauskam, war ich gerade in London und Rowling hatte ja schon "gespoilert", dass ein Hauptcharakter in Band 5 sterben würde, was die Spannung natürlich nochmal anheizte. Ich fuhr am Tag nach der Veröffentlichung des Buches über den M4 und da hing über der Brücke ein Riesnspruchband mit "It´s Dumbledore! I saved you 584 pages and 19.99 Lb" ich fand´s GROSSARTIG! Und hab den 5. Band genauso gerne gelesen, als hätte ich es nciht gewusst. Das einzige, wo ich Spoiler echt doof finde: wenn ich ein Fußballspiel gucke. Da ist die Emotion echt anders, wenn ich das Ergebnis vorher schon kenne.
Band 6. In Band 5 stirbt Sirius. In Band 6 Dumbledore. Und das war eh so klar, weil sonst kein Kampf Harry-Voldemort stattfinden könnte. Obi-Wan Kenobi musste ja auch dran glauben. ;) Die weisen Mentoren sterben immer rechzeitig, dass der Held die nächste Heldigkeit entwickeln kann. Ich finde Spoiler auch nicht schlimm. Es sind immer nur Fakten. Wie es dazu kommt und wie alles zusammenhängt, erschließt sich einem nur selbst beim Gucken.
4.
coltrane142 19.03.2016
Es sollte jedem selbst überlassen sein ob man sich einen Spoiler reinzieht oder nicht. Der Autor fühlt sich berufen diese Entscheidung für alle anderen zu fällen, was ich ziemlich arm finde. Mir macht das nicht viel aus, als Film- und Serienjunkie hat er mir an dieser Stelle nichts neues erzählt, andere Leute kommen sich sicher verarscht vor. Man kann das dann natürlich in einen schicken Artikel packen und irgendwelche Umfragen zitieren, ändert nichts daran dass man ein ziemlicher Spaten und ein drittklassiger Troll ist wenn man sowas macht. Bei GoT war es besonders schlimm, da sind die ganzen basement dwellers hervorgekrochen und haben den Normalos den Spaß an der Serie zerstört, weil sie sich an den enttäuschten Reaktionen der Leute aufgeilen. Aber hey, der Autor ist bei SPON gut aufgehoben, er könnte z.B. an den Kino Rezensionen mit schreiben, da werden ja auch direkt sämtliche Handlungsstränge und Wendungen zum besten gegeben. Übrigens: Der zweite Star Trek Film heißt Der Zorn des Khan.
5. eine insgesamt hysterische Generation
der_seher59 19.03.2016
In meiner Jugend in den 70ern kam eine amerikanische Krimiserie heraus, die den Plot - die Tat - an den Anfang setzte. Man wusste also sofort, wer der Täter war. Die Serie um Inspektor Columbo war dennoch ein Riesenhit, aber ich kann mich noch daran erinnern, wie die BLÖD Zeitung bei so einem Handlungsablauf den Untergang des Abendlandes voraussah. Heute scheint mir alles noch hysterischer zu sein - die Zeit ist nicht schnelllebiger - die Menchen werden einfach immer dämlicher
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Titelbild
Heft 1/2016 Die skurrile Angst vor Spoilern