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Sprachpapst Wolf Schneider: "Germanistik zu studieren, halte ich für töricht"

Von Diplomatie hat er nie viel gehalten - schon gar nicht, wenn es um Sprache geht: Journalisten-Ausbilder Wolf Schneider, 85, attackiert im UniSPIEGEL-Interview geschwätzige Blogger, lästert über Professoren und erklärt, warum er im Grunde ein moderner Mensch sei.

Sprachkritiker Wolf Schneider: "Du musst dich plagen" Fotos
dpa

UniSPIEGEL: Wir nennen Ihnen jetzt einige Beinamen, die ehemalige Journalistenschüler Ihnen verpasst haben, und Sie sagen uns, ob Sie sich darin wiederfinden. Wie wär's mit: "Qualitätsfundamentalist"?

Schneider: In der Sache richtig. Einen höheren Maßstab für die Berufsausbildung als Qualität kenne ich nicht.

UniSPIEGEL: "Scharfrichter des Wortes"?

Schneider: Damit kann ich leben.

UniSPIEGEL: "Monster der Sprachkultur"?

Schneider: "Monster" ist nicht nett, aber meinetwegen.

UniSPIEGEL: Sie arbeiten seit mehr als 60 Jahren als Journalist, haben Hunderte Journalisten - darunter uns beide - ausgebildet. Das jüngste Ihrer Bücher über Sprachkritik trägt den Titel "Deutsch für junge Profis". Wollen Sie jetzt der Generation Internet beibringen, wie man flott formulierte Doktorarbeiten schreibt?

Schneider: Davon kann nicht die Rede sein. Professoren verlangen ein elitäres und verschrobenes Deutsch. Daher empfehle ich Studenten: Macht es genau so, wie euer Professor es haben will, behaltet bitte alle sprachlichen Marotten bei, die euer Fach verlangt. Wenn ihr aber mehr als nur einen einzigen Leser haben wollt, dann folgt meinen Ratschlägen.

UniSPIEGEL: Welchen denn?

Schneider: Wenn du gelesen werden willst, dann musst du dich plagen. Sonst teilt dein Text das Schicksal des allermeisten Geschriebenen: nicht gelesen zu werden.

UniSPIEGEL: Gelesen werden wollen Professoren und Studenten auch.

Schneider: Ich verachte ja nicht die Menschen, die das akademische Geschäft betreiben. Ich finde es aber bedenklich, wenn wissenschaftliche Erkenntnisse grundsätzlich nur in einem Deutsch mitgeteilt werden, das ein normaler Mensch nicht verstehen kann und möglicherweise auch nicht verstehen soll.

UniSPIEGEL: Sie sind Studienabbrecher - deswegen?

Schneider: Ich habe in den Nachkriegsjahren in die Universität hineingehört und dann gemerkt, dass es mir an Zeit und Lust fehlt, ein Studium zu absolvieren. Zu meiner Schulzeit wollte ich einmal Philosophieprofessor werden, dann kam der Zweite Weltkrieg dazwischen. Er schuf Abstand zur Philosophie. Ich bin dann lieber Universalspezialist geworden.

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Prominente Studienabbrecher: Es gibt ein Leben nach der Uni

UniSPIEGEL: Kommen Sie, sagen Sie etwas Nettes - irgendetwas muss doch gut gewesen sein an der Universität.

Schneider: Nein, gar nichts. Germanistik zu studieren halte ich für besonders töricht. Thomas Mann lässt sich auch abends zu Hause lesen, ebenso, was andere über ihn geschrieben haben. Es ist völlig verrückt, dafür noch an der Universität Jahre seines Lebens zu verplempern. Germanistik gehört zusammen mit Soziologie, Psychologie und Kommunikationswissenschaften zu den Fächern, von denen ich dringend abrate - denen, die Journalisten werden wollen.

UniSPIEGEL: Was haben Sie gegen diese Fächer?

Schneider: Wenn man einem Geologen seine Sprache wegnehmen würde - "das mesozoische Verrucano hat die geosynklinale Phase eingeleitet" -, dann blieben ihm immerhin die Steine. Aber was bleibt dem Soziologen? Nichts. Er lebt von seinem Sprachgebilde und vom Getümmel in demselben. Ich säge an den Wurzeln seiner Existenz, wenn ich ihn auffordere, klares Deutsch zu sprechen. Er ist beleidigt, wenn er von Hinz und Kunz verstanden werden kann.

UniSPIEGEL: Sie haben gerade Tausende Sozial- und Geisteswissenschaftler abgeschreckt, potentielle Leser Ihres Buchs. Wie wollen Sie die übrigen jungen Leute für sich gewinnen?

Schneider: Ich halte mich insofern für modern, als ich im Lauf meines Lebens immer ungeduldiger geworden bin mit zu lesenden Texten. Da fühle ich mich den heute 17-Jährigen verwandt. Ich bejahe die fröhliche Ungeduld. Außerdem habe ich durch meine Seminare nie den Draht zur jüngeren Generation verloren. Eine Folge davon ist, dass ich nun regelmäßig im Videoblog auf der Web-Seite der "Süddeutschen Zeitung" zu sehen bin, das war eine Idee von einigen Journalistenschülern.

UniSPIEGEL: Was halten Sie von Blogs?

Schneider: Da muss man unterscheiden. Viele Blogger wollen offenbar nicht gelesen werden. Sie schreiben aus einem narzisstischen Antrieb heraus, sind fasziniert davon, dass sie sich einfach nur einstöpseln müssen, ihrem Mitteilungsdrang ungebremst nachgeben dürfen und damit auf einem Weltmarkt vertreten sind, den man früher mit einem Brief nie hätte erreichen können. Leider endet das meist in unendlicher Geschwätzigkeit.

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Reuters; DDP; DPA; AP
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UniSPIEGEL: Dann müsste Ihnen Twitter zusagen.

Schneider: Twitter gefällt mir nur insofern, als die Beschränkung auf 140 Zeichen die Menge des Geschwätzes mindert. Der Inhalt wird deshalb nicht besser. Es wird ja häufig getwittert, dass man gerade eine Tasse Kaffee trinkt, der leider nicht so gut war wie der Kaffee gestern. Wer glaubt, dass das irgendeinen Menschen auf der Welt interessieren könnte, der nimmt sich bloß wichtig.

UniSPIEGEL: Sie haben bestimmt eine Idee, wie man besser bloggt und twittert.

Schneider: Natürlich. Erstens: Denk nach, bevor du zu schreiben beginnst. Zweitens: Sei nicht beeindruckt, dass du einen Satz geschrieben hast. Jetzt beginnt erst die Arbeit. Wer schnell zufrieden ist, reiht sich ein in die Schar all jener, die niemals gelesen werden.

UniSPIEGEL: Wie sieht diese Arbeit aus?

Schneider: Aus meiner Schreibwerkstatt kommt kein Text, an dem ich nicht ausgiebig gefeilt habe. Ich schreibe zunächst sehr schnell, dann bastele ich, mit fünf, sechs Kontrollgängen, darunter mit lautem Lesen. Wichtige Texte schreibe ich vollständig ab. Damit mache ich mir die Faulheit zum Verbündeten, so werden die Texte beim Abschreiben kürzer und straffer. Isaak Babel, der Meister der Kurzgeschichte, hat einen seiner Texte nachgewiesenermaßen 22-mal abgeschrieben. Rousseau hat zwar Blödsinn verzapft, aber dafür in herrlichem Französisch - weil er seine vermeintlich fertigen Bücher noch einmal vollständig abgeschrieben hat. Es gibt keinen Text, der beim Abschreiben schlechter wird.

UniSPIEGEL: Dafür dürften weder der Student noch der Blogger Zeit haben.

Schneider: Wer gelesen werden will, sollte sich die Zeit nehmen. Der Rest kann ja allein vor sich hinbloggen, wenn es ihm Spaß macht.

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insgesamt 62 Beiträge
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1. Mit Komma, Herr Schneider, oder ohne?
Bala Clava 21.05.2010
Sprachpapst Wolf Schneider: "Germanistik zu studieren [Komma?] halte ich für töricht" Der Spiegel, in salomonischer Weisheit, entscheidet sich für beide Varianten: Hier im Blog ohne, über dem Artikel mit. Erweiterte Grundform mit "zu", aber hier doch wohl eindeutig in Spitzenstellung. Also ohne ...
2. Unersetzlich!
weltsensation 21.05.2010
Wolf Schneider ist eine Eiche im wuchernden Dschungel der deutschen Sprache! Die deutsche Sprache hat ihm - in einer Reihe mit Heine, Mann, Tucholsky - viel zu verdanken! Immer noch wird er gebraucht, ist unersetzlich! Wo ist Der- oder Diejenige, die ihm nachfolgen koennen? Auf viele weitere Jahre!
3. Höherer Blödsinn
Xenier, 21.05.2010
Wieder einmal darf sich ein erfolgreicher Studienabbrecher bildungsfeindlich äußern, getreu dem Motto: "Ich habe keine Ahnung, was Wissenschaft eigentlich ist und was die Lehre und das Studium einer Wissenschaft ausmacht, aber weil ich erfolgreich war und bin, erkläre ich euch alle für bescheuert und erst recht die, die tatsächlich so etwas Zeitverschwenderisches wie Germanistik, Soziologie oder irgendeine andere Gesisteswissenschaft studieren" - "wenn man Journalist werden will", aber dieser Nebensatz wird von den Schülern in der Überschrift brav getilgt. Recht so! Denn genau das meint Schneider auch, die Relativierung hätte er sich im Interview sparen können. Wir haben schon verstanden. "Wenn man einem Geologen seine Sprache wegnimmt, bleiben ihm die Steine." So denkt man wahrscheinlich wirklich, wenn man in seinem langen Leben nie begriffen hat, dass Gegenstand und Methode und das Schreiben oder Sprechen über beides in einer Wissenschaft vollkommen verschiedene Angelegenheiten sind. So denkt man, wenn man wirklich glaubt, dass Sprache dazu da sei und dazu in der Lage (!) sei, die Dinge so abzubilden, wie sie sind. Zähle deine Wörter, sei konkret bei der Wahl des Substantivs und vermeide Füllwörter, da sie meist überflüssig sind. Schneider hält sicherlich viel von diesem anderen Papst, diesem Herrn Sick, der zwar keine Ahnung von Sprachwissenschaft oder gar von "Deutsch" hat, aber sich zumindest verständlich ausdrückt und unterhaltsam ist. Zumindest für die, die diesen Mist glauben. Schneider mag ein begnadeter Journalist sein, aber in diesem Interview trägt er sein Unwissen über Wissenschaft, Lehre und Studium wie einen Schild vor sich her. "Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal..."
4. Dschungel?
Xenier, 21.05.2010
Zitat von weltsensationWolf Schneider ist eine Eiche im wuchernden Dschungel der deutschen Sprache! Die deutsche Sprache hat ihm - in einer Reihe mit Heine, Mann, Tucholsky - viel zu verdanken! Immer noch wird er gebraucht, ist unersetzlich! Wo ist Der- oder Diejenige, die ihm nachfolgen koennen? Auf viele weitere Jahre!
Wenn Sie jetzt noch anfangen, über die Bedrohung des Deutschen durch "Denglisch" und den "Sprachverfall" zu schreiben, haben Sie in meinen Augen jedes Kischee des Kulturpessimisten erfüllt. Wenn Sie wirklich meinen, einen Sprach-"Führer" im "wuchernden Dschungel des Deutschen zu brauchen" empfehle ich Ihnen zur "Heilung" Peter Eisenberg, den Preisträger des Konrad-Duden-Preises. Aber Vorsicht: Der weiß wovon er spricht und wird Sie in Ihrem "Verfallsgejammer" arg beschädigen. Dann gilt es, hart zu bleiben. Lesen Sie ruhig ein paar der journalistischen Meisterstücke von Schneider zur Schmerzlinderung, aber UM GOTTES WILLEN nicht dieses Interview! Gute Besserung!
5. Über etwas zu urteilen, was man nicht kennt, halte ICH für töricht
Björn Borg 21.05.2010
Zitat von sysopVon Diplomatie hat er nie viel gehalten - schon gar nicht, wenn es um Sprache geht: Journalisten-Ausbilder Wolf Schneider, 85, attackiert im UniSPIEGEL-Interview geschwätzige Blogger, lästert über Professoren und erklärt, warum er im Grunde ein moderner Mensch sei. http://www.spiegel.de/unispiegel/heft/0,1518,690834,00.html
Leider hat der Herr Schneider vom Germanistik-Studium keine Ahnung - vielleicht, weil er nie hingehorcht und -geschaut hat. In allem anderen kann man ihm nur zustimmen (auch wenn das Interview etwas zu lang geraten ist und zwischendurch die Dramaturgie aus dem Auge verliert).
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© UniSPIEGEL 2/2010
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Zur Person

Wolf Schneider war unter anderem Korrespondent der "Süddeutschen Zeitung" in Washington und Chefredakteur der "Welt". Er leitete 16 Jahre lang die Henri-Nannen-Journalistenschule in Hamburg.

Heft 2/2010 Wer bekommt ein Stipendium - und wer nicht?

Die Autoren
Die Interviewer Rafaela von Bredow und Jan Friedmann sind in der Henri-Nannen-Journalistenschule von Schneider gedrillt worden. Rabiat korrigierte er ihre Verirrungen, wie die Ausrisse aus den Übungstexten zeigen.