Massenparty nach Parkplatzstreit: Frau, Mann, Parklücke

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Parkhaus-Streit: Zwei Parkplätze, zwei Studenten, ein Problem Fotos

Zwei Studenten, zwei Parkplätze, zwei Autos - klingt einfach, war es aber nicht. Ein bizarrer Parkstreit an der Uni Siegen verbreitete sich rasend schnell via Facebook, Studenten feierten eine Riesenparty im Parkhaus - und der vermeintliche Idiot wurde zum Helden.

Die Lücke war eigentlich zu knapp, aber das war schließlich auch die Zeit bis zur nächsten Vorlesung. Baris Kücük, Lehramtsstudent aus Siegen, war spät dran, als er vergangene Woche mit seinem Golf und zwei Kommilitonen in das Parkhaus der Uni einbog. Und dann diese Winzlücke! Egal, Baris nahm Maß und zirkelte das Auto rein.

Nur wenige Zentimeter trennten seinen Golf noch von den Nachbarautos. Türen öffnen und normal aussteigen: unmöglich. Baris musste durch die Heckklappe raus; seine Kumpels, die vorher ausgestiegen waren, halfen ihm dabei. Und dann ging's feixend ab in die Vorlesung. So weit, so normal.

Doch wenige Stunden später war an der Siegener Uni nichts mehr normal. Ein Foto von Baris' eingepferchtem Auto war inzwischen um die Welt gegangen, mehr als tausendmal bei Facebook kommentiert worden, aus Australien und den USA gab es Reaktionen. Ausgelöst hatte diesen Internethype ausgerechnet eine Studentin, die wenig später mit der ganzen Sache nichts mehr zu tun haben wollte.

"Das ist echt eine Frechheit"

Natalie (Name geändert) ist die Fahrerin des weißen Autos neben Baris' Golf und legt weiße Begrenzungslinien in Parkbuchten offenbar ziemlich lax aus. Jedenfalls hatte sie zuvor so großzügig eingeparkt, dass eigentlich keiner mehr neben sie gepasst hätte - sie aber dafür umso bequemer ein- und aussteigen konnte. Bis Baris seinen Golf doch noch reinquetschte. "Könnte der Idiot der meinte sich so dazwischen zu quetschen mit dem Kennzeichen [...] bitte zum Parkhaus bewegen ich würde jetzt echt gerne nach Hause fahren", postete Natalie hektisch ohne Punkt und Komma in die Uni-Siegen-Nutzergruppe bei Facebook, als sie zu ihrem Wagen zurückkam. "Da ist echt eine Frechheit", schrieb sie.

Dumm nur, dass der Rest der Netzgemeinde Baris' Einparkkünste cool fand und sich lustig machte über die Studentin mit dem Drang zum großflächigen Parken. "Lern erstmal ordentlich auf EINEM Parkplatz einzuparken und beschwere dich dann!", lautet ein Kommentar auf Facebook. "wer da nicht ohne kratzer rauskommt, sollte sich das mit dem Autofahren nochmal überlegen", lautet ein anderer. Oder: "Bei Leuten wie Natalie fühl ich mich eindeutig überqualifiziert für diese Uni."

Doch genauso wenig wie enges Parken mag Natalie offenbar Kritik. "Passt mal auf ihr oberdreisten vollidioten erstens hab ich so geparkt damit keiner auf die bekloppte Idee kommt sich so dort hinzustellen und das mit dem Golf wird Konsequenzen haben ich Rufe jetzt die Polizei und versaue mir das Auto nicht durch klettern sorry", antwortete Natalie via Facebook-Post.

Baris bekam von all dem zunächst gar nichts mit. Erst als er nach der Vorlesung zurück zu seinem Auto kam, entdeckte er Zettel an seiner Heckscheibe: "Du hast uns den Tag gerettet! Helden des Alltags", stand dort. Da war Natalie allerdings schon weg: Sie war dann doch über die Beifahrerseite in ihr Auto geklettert.

Parkhaus-Party am Abend

Die Diskussion im Netz war mittlerweile zum Hype geworden: Aus dem Bild der drei Autos bastelten Studenten Dutzende Fotomontagen, unter anderem mit dem Papst und der Kanzlerin, die dem Phänomen im Siegener Parkhaus huldigen, einer Fernsehreporterin, die für ein Live-Gespräch zugeschaltet ist und dem Titel "Der Golffahrer" in der Schrift des Mafia-Filmklassikers "The Godfather".

Der Höhepunkt folgte dann am Abend: Studenten schleppten einen Kugelgrill und Getränkepaletten in das Parkhaus und starteten eine Spontanparty. Plötzlich feierten Hunderte den Einparkhelden, der schließlich auch noch persönlich vorbeikam. "Endlich mal was los in Siegen", postete jemand auf Facebook. Ein Liedermacher bastelte einen Song und stellte ihn auf YouTube: "Das Parkhauswunder vom Siegerland...2013...ich war dabei!" Und auf einem Blog wurde ausführlich über "The Park Knight" berichtet.

Baris war dabei immer der Held, Natalie die Loserin. Einige Studenten mahnten in ihren Kommentaren sogar schon zu Mäßigung, der Schritt zum Mobbing sei nicht mehr weit: "Ich glaube, ihr habt keine Ahnung, was es für die Psyche bedeutet, wenn man plötzlich vor tausenden Menschen bloß gestellt wird", schreibt jemand. Natalie selbst wollte irgendwann gar nichts mehr dazu sagen: Sie löschte ihren Facebook-Eintrag. Und was sagt der gefeierte Golffahrer? "Ich wollte meine Vorlesung nicht verpassen und musste nehmen, was ich kriegen kann."

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