Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Außergewöhnliche Geldanlage: Klamme Studenten verkaufen sich an Investoren

Von

Studenten als Investment: Genial oder genial daneben? Fotos
Till Böcker/ StudierendenGesellschaft Witten

Bis zu 48.000 Euro kostet ein Studium an der Privatuni Witten/Herdecke. Um das zu finanzieren, hatten Studenten eine Idee: Anleger investieren direkt in den akademischen Nachwuchs - allerdings mit sehr unsicheren Renditeaussichten.

Fast 20 Jahre lang gab es eine passable, sozialverträgliche Lösung für das Studiengebühren-Dilemma der Privatuniversität Witten/Herdecke. Die Leitfrage der anthroposophisch geprägten Uni lautete: Wie kann es gelingen, dass Studenten an die Hochschule kommen, die nicht das Geld für ein teures Privatstudium haben?

Das bisherige Finanzierungsmodell der nettesten unter den Privatuniversitäten ist eine Wette: Verdient ein Absolvent später über einer bestimmten Jahressumme, überweist er einen vom Studiengang abhängigen Prozentsatz seines Einkommens über eine Zeitraum von zehn Jahren nach Witten - begleicht also seine Studiengebühr, ähnlich dem Bafög-Modell, im Nachhinein. Der einzige Unterschied: Das zinslose Darlehen wird anders als beim Bafög in voller Höhe fällig, allerdings nur, wenn man gut verdient. Vom Prinzip her kann ein in Witten ausgebildete Mediziner also Chefarzt werden oder schlecht bezahlt bei einer Hilfsorganisation arbeiten - seine Belastung bemisst sich nach dem Einkommen.

Studenten mit Wertpapierkennnummer A12UD9

Weil dieses alte Modell an seine Grenzen stößt, haben sich der Student Niklas Becker, 31, Finanzvorstand der Studierendengesellschaft, und seine Mitstreiter etwas Neues überlegt: Was, wenn wir aus Studenten ein Finanzprodukt machen? Wertpapierkennnummer A12UD9, handelbar an der Düsseldorfer Börse. Quasi: kluge Köpfe als Kapitalanlage. Die Nachfrage war so groß, dass die Gesellschaft Ende November mitteilte: Die Zeichnungsfrist werde vorzeitig beendet. Alle Anteile sind vergeben.

Wittens Problem ensteht dadurch, dass die Privatuni wachsen soll. 1700 Studenten sind eingeschrieben, bis Ende des Jahrzehnts sollen es 2500 werden. Damit steigt die Zahl derjenigen, die auf Kosten früherer Absolventenjahrgänge studieren. Bis 2025 wären dann 25,7 Millionen Euro nötig, um die Lücke zu schließen. Ein Bankkredit reiche dafür nicht mehr.

Student Becker ist für Philosophie, Politik und Ökonomik eingeschrieben, das kostet 26.640 Euro. Auch er hat sich für die Option entschieden, erst nach seinem Abschluss zu bezahlen. Um Studenten auf dem Kapitalmarkt anbieten zu können, haben Becker und seine Vorstandskollegen zunächst potenzielle Investoren gefragt, welche Rendite sie bieten müssten, um an Geld zu kommen. Jetzt stellt die Anlageform "Student" 3,6 Prozent Zinsen pro Jahr in Aussicht. Der Schuldschein ist ein fairer Deal, findet Becker. 7,5 Millionen Euro seien so bis Ende November zusammengekommen.

Interessant ist, wer Rendite bringt

Wie bei börsennotierten Produkten üblich, hatte ein Anwalt zuvor einen 160-Seiten-Prospekt erstellt, in dem die Chancen und vor allem die Risiken der Studenten-Anleihe erklärt werden, und die sind nicht ohne: "keine oder nur geringe Rückzahlung von Finanzierungsbeiträgen aufgrund allgemeiner Lebensrisiken der Studierenden" steht dort. Und "Risiken im Zusammenhang mit der Universität Witten/Herdecke".

Auch wenn Bildung als Kapitalanlage ungewöhnlich klingt, brandneu ist die Idee nicht: Ein Schweizer Verein vermarktet bereits eine "Studentenaktie". Investieren können Anleger dabei in einen Studenten ihrer Wahl, der sie anschließend an seinem Einkommen beteiligt. Der Finanzanbieter Career Concept aus München lockt Investoren damit, dass ihr Geld gewinnbringend in Studenten von edlen Privathochschulen wie etwa der European Business School fließt. Und das Frankfurter Finanzunternehmen Deutsche Bildung AG versprach gut sechs Prozent Rendite, als es vor sieben Jahren seinen Fonds startete.

Wirklich durchgesetzt hätten sich solche Finanzmodelle hierzulande allerdings nicht, sagt der Bildungsökonom Dieter Dohmen, Direktor des privaten Beratungsinstituts Fibs. "Das sind Nischenprodukte geblieben." Das dürfte auch daran liegen, dass die Anbieter vor allem auf potenzielle Top-Studenten zielen müssen, um die Renditeerwartungen der Anleger zu erfüllen. "Die werden sich fast automatisch eher auf die Betriebswirte und Techniker stürzen als auf die Frau, die Geisteswissenschaften studiert", sagt Dohmen. Hinzu kommt: Auch für die Studenten kann sich das Angebot als schlechtes Geschäft entpuppen. Leihen sie sich das Geld selbst beim Staat, dürften sie mit einem geförderten KfW-Studienkredit wegen der aktuellen Niedrigzinsphase billiger davonkommen. Bildung und Finanzmarkt passen offenbar nur bedingt zusammen.

Hält man Niklas Becker vor, Studenten in Spekulationsobjekte zu verwandeln, protestiert er. "Ein sinnstiftendes Investment" sei das, sagt er, eine nachhaltige Geldanlage, die jungen Menschen Freiheit geben soll - und Kapitalgebern ein gutes Gefühl. Doch sinnvoll für den Anleger ist es nur, wenn sich das ökonomische Kalkül und die Risiken als vertretbar erweisen. "Wenn alle Mediziner hinterher zu einer Hilfsorganisation gehen, dann stehen wir vor einer Herausforderung."

Mehr zum Thema Studienfinanzierung lesen Sie hier:

Studienkredit als Schuldenfalle: Es kommt der Tag, da musst du bezahlen

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 20 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Es ist keine gute Idee.
emm13y 15.12.2014
"Was, wenn wir aus Studenten ein Finanzprodukt machen? Wertpapierkennnummer A12UD9, handelbar an der Düsseldorfer Börse. Quasi: kluge Köpfe als Kapitalanlage." Eine solche Idee halte ich für sehr gefährlich. Sie passt in eine Gesellschaft, die alles für käuflich hält und Prostitution für "einen Beruf wie jeden anderen" halten will. Doch ich warne die Studenten: Wenn sie sich auf so etwas einlassen, werden reiche Firmen, wie z. B. Monsanto oder andere an Sie herantreten und Sie, als Student, verkaufen dann auf lange Sicht ihre geistige Freiheit und machen sich zum Sklaven der Geldgeber - denn es wird nicht lange dauern, dass Firmen und bestimmte, wirtschaftliche Gruppen sich dann diese intelligenten, gut ausgebildetet Menschen "kaufen" wollen, sprich: ihnen ihre Freiheit nehmen wollen. Ich meine damit die Freiheit des Geistes. Denn: Wer Sie bezahlt, wird Ihnen dann auch vorgeben wollen, was Sie denken, vor allem, wie Sie forschen und welche geistigen Strömungen Sie zu vertreten haben. Vergessen Sie nicht: Wer zahlt, schafft an. Nein. Das geistige Leben, die Lehre an den Unis muss frei bleiben. Deshalb muss es ein öffentliches Anliegen sein, die Studenten zu unterstützen und es ihnen zu ermöglichen, ihre Intelligenz frei zu nützen. Echter Erfindungsgeist, echte Forschung, echte Erkenntnis kann nur in Freiheit gedeihen. Bitte, werden Sie nicht käuflich. KÄuflichkeit gibt es schon viel zu viel.
2. Sehr gute Idee!
bucksatan 15.12.2014
Endlich einmal die Idee der Privatunis konsequent weitergedacht. Wenn das Modell funktioniert, könnte man eigentlich schon im Kindergarten anfangen und so neue Finanzierungsmöglichkeiten für Kindergärten und Grundschulen schaffen. Quasi als Wetten auf die einzelnen Kinder: "Wer schafft es später aufs Gymnasium?"
3. Die komplette Familienförderung läuft nach diesem Modell
Der_Franke 15.12.2014
Pro Kind muß der allgemeine Steuerzahler ca. 150.000 Euro in Form diverser Familienförderungsmaßnahmen berappen. Ob dann später eine Ingenieur oder Hartz IV Empfänger herauskommt ist nicht absehbar. Nur mit dem Unterschied (zu der Geschichte hier), daß die Eltern des Hartz IV Empfängers nicht zur Kasse geben werden, um den Kredit (Förderung) zurückzuzahlen.
4. Wertfrei diskutieren...
susuki 15.12.2014
@emm13y Prostitution ist eine Arbeit wie jede andere. Mit der Einschränkung das auch die Arbeit als Kanalarbeiter, Waldarbeiter oder Bussfahrer nicht für jeden geeignet ist und viel Verantwortung beinhaltet. Fast alle Männer und die meisten Frauen sind für den Beruf der Prostituierten schlicht ungeeignet und damit fällt Prostitution als Studi-Job, von wenigen Einzelfällen abgesehen, aus. Nur, ich wollte ich könnte mir selbst ein "Darlehen in die Vergangenheit senden", dann wären mir gefährliche, zeitraubende und ev. sogar ein Job mit möglichen Gesundheits-Langzeit-Folgen, erspart geblieben. Studentische Arbeitskraft wird heute mit Hilfe von Smartphones angeboten. Nutzt diese, um Studenten ein Einkommen zu verschaffen. Wer besondere Fertigkeiten und Talente sucht wird in den Studentischen Arbeitsvermittlungen fündig.
5. Jeder trägt sein Lebensrisiko
TSunami61 15.12.2014
Um es klarzustellen: die Studenten haben einen Vertrag mit dem Studentenwerk, d.h. mit Studenten, d.h. mit ihresgleichen Investoren. Die Studenten bezahlen immer noch wie bisher nur dann die Studiengebühren, wenn sie nach ihrem Studium auch entsprechend hoch verdienen und auch dann nur immer anteilig gemessen an ihrem Einkommen. So helfen sich die Studenten selbst, indem Absolventen der Witten/Herdecke Universität (UWH)gegenwärtigen Studenten das Studium vorfinanzieren. Was sich nun geändert hat ist, dass nun ein Teil dieses Geldes von Aktienzeichner kommt, die sich eben Aktien des Studentenwerkes (und nicht direkt eines Studenten) erwerben können. Das müssen keine Unternehmen sein, sondern können auch Private sein. Am Ende trägt jeder sein Risiko: der Student an der UWH trägt so gut wie kein Risiko, denn er zahlt nur wenn er auch ausreichend verdient einen Teil (10%) seines zukünftigen Einkommens über einen festen Zeitraum von 10 Jahren. Da die wenigen Absolventen der UWH in aller Regel direkt Arbeit finden ist das Risiko sehr gering wegen diesem Finanzierungsmodell hinterher in Schwierigkeiten zu geraten. Der Investor, sei es nun eine natürlich oder juristische Person, investiert in die Jugend und damit in die Zukunft unseres Landes und trägt eben sein Investor Risiko dass seine Investition nicht die Rendite bringt die man sich erhofft hatte. Das ist immer das Risiko des Investors. Was also ist hieran nun kritisch? Ganz im Gegenteil: hier haben junge Menschen ihr Leben selbst in die Hand genommen und ihre Studienbedienungen selbst gestaltet. Soviel Initiative und Selbstständigkeit wünschte ich mir von noch viel mehr Studenten in unserem Land. Die UWH geht da vorbildlich voran.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
"Deutschlandstipendium": Geld für die Besten der Besten