Studenten als Nesthocker: "Ich mache Dreck, meine Mutter ist glücklich"

Von Julia Prosinger

Fast jeder vierte Student lebt noch bei den Eltern, Tendenz steigend. Das spart teure Miete, lästiges Selberkochen und Wäschewaschen - doch der Preis für die Bequemlichkeit ist hoch. Zu Besuch in Jugendzimmern unter Elterndächern.

Wenn Anna mittwochs heimkommt, gibt es Fisch. Wenn Anna donnerstags von der Uni kommt, gibt es was vom Metzger. Freitags wieder Fisch. "Wir sind eine norddeutsche Familie in Süddeutschland", sagt sie und hebt die Schultern. Eher um den Fisch zu entschuldigen als die Vorhersehbarkeit des Abendessens.

Anna ist 24, ihr Diplom hat sie beinahe in der Tasche, Anna ist eine gute Studentin, eine besonders gute, Volkswirtschaft studiert sie, und promovieren wird sie wohl auch. Anna ist in vielerlei Hinsicht eine typische Studentin, nicht obwohl, sondern weil sie noch bei ihren Eltern lebt.

23 Prozent aller deutschen Studentinnen und Studenten tun das, seit 1991 pendeln die Zahlen um diesen Wert. Noch immer sind es mehr Männer als Frauen. Frauen, sagen Psychologen, würden früher erwachsen.

Fünf Nesthocker - und was ihre Eltern davon halten

In jüngster Zeit steigt die Zahl der Nesthocker. Studiengebühren, wirtschaftlich schwere Zeiten, ein kürzeres Studium durch den Bachelor, das könnten die Gründe sein, mutmaßt das Deutsche Studentenwerk. Am höchsten ist die Zahl der Nesthocker bei den Studierenden der Fachhochschulen, die häufig in ländlichen Gegenden angesiedelt sind, mit vielen Bildungsaufsteigern, für die es nicht selbstverständlich ist, den Kindern ein Studium in der Großstadt zu finanzieren. Und dann gibt es noch ein West-Ost-Gefälle: In den neuen Bundesländern wohnen deutlich weniger Studenten bei den Eltern, auch deshalb, weil viele von ihnen zum Studieren in den Westen ziehen.

"Ausziehen, umziehen, der ganze Aufwand, das wäre doch Quatsch"

Anna sitzt in der blitzblanken Küche des großen Einfamilienhauses in einem Vorort von Heidelberg. "Es hätte keinen Sinn gemacht", sagt Anna. Immer schon wollte sie sich voll aufs Studieren konzentrieren, schnell fertig werden. "Ich kann die Dinge nicht liegen lassen", sagt sie mit fester Stimme. Anna denkt viel nach, sie wägt gern ab; als sie sich für VWL und gegen Politik entschied, da hat sie über einer langen Liste von Fachrichtungen gebrütet. Anna ist das, was der Hochschulforscher Tino Bargel von der Universität Konstanz einen "strategischen Nesthocker" nennt. "Ausziehen, umziehen, der ganze Aufwand, das wäre doch Quatsch gewesen für so eine kurze Zeit." Anna bewarb sich nur in Heidelberg und blieb in Heidelberg.

Dass es jetzt jeden Mittwoch Fisch für sie gibt, ist also eine Vernunftentscheidung. Nichts, wofür sich Anna schämen muss, nichts, was sie vor Freunden verheimlicht, nichts, worüber andere lachen. Ihren richtigen Namen will sie aber lieber nicht gedruckt sehen. Bald wird sich Anna für ihre erste Stelle bewerben, da kann sie das Etikett nicht gebrauchen.

Nesthocker, das sind doch diese unselbständigen Kinder. "Schluss mit Hotel Mama" oder "Nesthocker - Familie zu verschenken" heißen Fernsehsendungen und Filme zum Thema. Sie zeigen verwöhnte Kinder und verzweifelte Eltern. So einer möchte niemand sein. Auch deshalb geben die meisten Nesthocker an, mit ihrer Wohnsituation nicht zufrieden zu sein.

Nesthocker aus finanziellen Gründen

Als Nesthocker, das sagen die Zuhausebleiber, könnten ja ebensogut die anderen gelten, die zwar offiziell ausgezogen sind, aber häufig nach Hause pendeln, sich das Auto von den Eltern finanzieren lassen, den Eltern die Behördengänge überlassen oder jede Entscheidung erst mit Mama oder Papa am Telefon durchsprechen.

Anna findet sich nicht unselbständig. "Wenn ich faul wäre, dann wäre ich längst ausgezogen." Zwei Etagen von vieren im Haus putzt sie jede Woche, die Mutter die beiden anderen, Sauberkeit ist ein hohes Gut in der Familie. Anna hängt die Wäsche auf und bügelt. Mal ist sie Sekretärin für den Vater, mal Übersetzerin. Dafür kommt das Geld von den Eltern, wenn sie einen Hosenanzug braucht.

Anna glaubt, keine Wahl zu haben, sie will kein Kostenfaktor sein. Mit ernsten Augen erklärt sie die finanziellen Verhältnisse ihrer Familie. Ihre Eltern haben sich erst vor wenigen Jahren ein kleines Ingenieurbüro im Keller aufgebaut, die beiden Selbständigen arbeiten viele Stunden, besonders der Vater. Oft so viele, dass Anna und ihre Mutter sich Sorgen machen, er könne einen Herzinfarkt bekommen. Anna will, dass die Eltern an ihre eigene Zukunft denken. "Ein Studium können wir dir nicht komplett finanzieren", hätten sie ihrer Tochter gesagt, als sie gerade Abitur machte.

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1.
glen13 26.05.2011
Zitat von sysopFast jeder vierte Student lebt noch bei den Eltern, Tendenz steigend. Das spart teure Miete, lästiges Selberkochen und Wäschewaschen - doch der Preis für die Bequemlichkeit ist hoch. Zu Besuch in Jugendzimmern unter Elterndächern. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,756324,00.html
Wieso ist der Preis für die Bequemlichkeit hoch? Und wieso sind 27 % der Studenten typisch? Sind das nicht eher die anderen 73 %, die nicht zu Hause wohnen? Also ich würde als Student auch zu Hause wohnen bleiben, wenn meine Eltern das gut finden, ich mit ihnen gut auskomme und dadurch finanzielle Abenteuer vermieden werden.
2. Wo ist das Problem?
stefan1904 26.05.2011
Ich bin für mein Studium in Venlo auch zu Hause wohnen geblieben, ansonsten hätte ich mir das Studium nicht leisten können. Warum sich für seine Studium hoffnungslos verschulden, wenn es auch anders geht? Außerdem hätte ich meine ehrenamtliche Tätigkeit aufgeben müssen, wenn ich in die Niederlande gezogen wäre.
3. Unsexy
chramb 26.05.2011
Ich habe das Gefühl das viele junge Erwachsene (Studenten hin oder her) das "normale" Leben einfach "unsexy" finden. All diese Kleinigkeiten die den Alltag ausmachen können und oft eher lästige Pflicht sind als Abenteuer. Dazu kommt das knappe Budget das man als Berufsanfänger oder Student zur Vefügung hat und oft ebenfalls von all diesen kleinen Notwendigkeiten aufgefressen wird, die das profane Leben ausmachen. Den "Stolz" oder das Glück das man empfinden kann auch eben diese Notwendigkeiten selber bestreiten zu können, kennen viele garnicht. Das Geld z.B. für eine Südamerika Reise oder einen Asien Trip auszugeben zu können ist ja auch viel aufregender als für eine Waschmaschine oder ein voller Einkaufswagen.
4. Toll
roninbs 26.05.2011
Da wächst offensichtlich jede Menge Unselbstständigkeit und Lebensfremdheit heran. Klar hat der Alltag seine Tücken. Aber ich als Vater von vier Kindern sehe absolut nicht ein, ihnen das vorzuenthalten. Daran können sie nur reifen und begreifen, was da alles so dran hängt und wie Stress entsteht, der u.U. auch auf das familiäre Umfeld ausstrahlt. Nur so lernen sie überhaupt damit umzugehen. Besonders spannend wird's, wenn zwei NestHocker aufeinandertreffen und den heiligen Bund der Ehe eingehen. Wenn sie erst dann mit voller Wucht mit dem Alltag konfrontiert werden, wirds wohl nicht wirklich lange halten. Na ja, theoretisch kann man dann ja zurück zu Muttern ...
5. x
mmueller60 26.05.2011
Glückwunsch an die Autorin, endlich mal ein gelungener Beitrag mit diesem Thema! Ist ja sonst eher dünne mit der Qualität inzwischen. Besonders schön finde ich das Herausarbeiten der unterschiedlichen Wahrnehmung der Lage durch Eltern und Kinder.
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