Per Anhalter nach England: "Eigentlich wollten wir Richtung Portugal"

Wie weit weg kommt man in 24 Stunden ohne Geld? Studenten aus Leipzig haben ein Tramprennen veranstaltet. Gewonnen haben Tim Vogel, 21, Medizin, und Klarissa Kaiser, 21, Tiermedizin. Sie landeten nördlich von London - unerwartet und mit sehr viel Glück.

Eine Woche Abenteuerurlaub für hundert Euro: Daumen raus Fotos
Klarissa Kaiser

SPIEGEL ONLINE: Anfang August sind Sie mit Ihrer Freundin Klarissa losgetrampt, ohne zu wissen, wohin, Sie wollten einfach nur möglichst weit weg. Was war los?

Tim Vogel: Wir haben beim Tramprennen der Uni Leipzig mitgemacht. Die Idee kommt aus Großbritannien, in Cambridge hat das sogenannte "Jailbreak" eine lange Tradition. Sechs Zweierteams trafen sich morgens um neun Uhr auf dem Augustusplatz in Leipzig. Wer in 24 Stunden am weitesten weg kommt, gewinnt. Einzige Vorgabe: keinen Euro für den Transport ausgeben.

SPIEGEL ONLINE: Klingt wie eine verrückte Wette. Was haben Sie mitgenommen?

Tim Vogel: Klamotten, Essen für ein bis zwei Tage, einen Campingkocher, ein Zelt, Isomatten und Schlafsäcke. Außerdem eine große Deutschlandkarte und mehrere unbeschriftete Pappschilder.

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie gar kein Ziel vor Augen?

Tim Vogel: Eigentlich wollten wir Richtung Portugal, aber unsere ersten Fahrer haben uns Richtung Nord-Westen gebracht. Wir sind über Hannover an die niederländische Grenze getrampt, durch Utrecht und Antwerpen bis Gent. Ein Lastwagenfahrer hat uns dann bis Calais in Frankreich mitgenommen, von dort kann man mit der Fähre übersetzen nach Dover in England.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommt man ohne einen einzigen Euro über den Ärmelkanal?

Tim Vogel: Ach, das war gar nicht so schwierig. Viel heftiger war die Situation vor der Überfahrt. Unser Fahrer wollte bei Calais auf einem Truckerparkplatz übernachten. Es war schon spät, also schlugen wir auch in der Nähe unser Zelt auf. Plötzlich fuhr ein Mannschaftswagen der französischen Polizei vor, mehrere Polizisten stiegen aus, eine Taschenlampe in der einen Hand, die andere Hand an der Waffe. Wir könnten dort nicht übernachten, sagten sie. Der Ort sei zu gefährlich, es sei ein Treffpunkt für bewaffnete Banden und Diebe. Wir würden in jedem Fall ausgeraubt werden.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie gemacht?

Tim Vogel: Wir wussten nicht, wohin. Also fuhren uns die Polizisten kurz vor Mitternacht noch zur Fähre. Wir hatten Glück: Ein britischer Gentleman nahm uns mit, in seinem Auto und auf seinem Ticket. Um 2.30 Uhr erreichten wir britischen Boden und um 4.30 Uhr kamen wir in Brampton an, einer Kleinstadt nördlich von London. Das war das Ziel unseres Fahrers, ein sehr sympathischer Mann.

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SPIEGEL ONLINE: Ahnten Sie da schon, dass Sie das Tramprennen gewonnen hatten?

Tim Vogel: Wir waren tatsächlich überrascht, wie weit wir in der kurzen Zeit gekommen sind. Wir hatten beide schon Tramperfahrungen, Klarissa war in Norwegen und ich als Anhalter in Island. Zusammen waren wir aber noch nicht getrampt, und auch noch nie unter solchem Zeitdruck.

SPIEGEL ONLINE: Woran erkennt man als Tramper, ob ein Fahrer gut und vertrauenswürdig ist?

Tim Vogel: Das erkennt man nicht sofort. Wir hatten in den 24 Stunden neun Fahrer, darunter Deutsche, Niederländer, Belgier, Rumänen, Polen, Briten. Ein niederländisches Paar um die 50 hat supercoole Elektromusik gehört, das hätten wir beim Einsteigen nicht erwartet. Und am herzlichsten war ein Paar, das gerade aus Neuseeland nach England gezogen war. Nach dem Wettrennen sind wir noch nach Edinburgh weitergefahren. Auf dem Weg dorthin haben die beiden uns erst 600 Kilometer mitgenommen und uns dann für eine Nacht zu sich nach Hause eingeladen und sogar für uns gekocht. Wir hatten nur eine unangenehme Situation: Klarissa hat den Daumen rausgehalten, ich stand etwas abseits. Ein älterer Mann hielt an, doch als er mich sah, fuhr er sofort weiter.

SPIEGEL ONLINE: Was ist das Beste am Trampen?

Tim Vogel: Wer trampt, kommt definitiv an. Man darf nur nicht in Eile sein. Günstig ist es auf jeden Fall: Wir haben in einer Woche zu zweit ungefähr hundert Euro ausgegeben. 60 Euro für Essen und 40 Euro für das Rückfahrtticket mit der Fähre.

Die Fragen stellte Lena Greiner

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insgesamt 42 Beiträge
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1. memories...
eunegin 23.08.2013
Leider scheint das Trampen allerdings aus der Mode gekommen zu sein. Hat nun jeder ein Auto? Noch als ich Student war (vor 20 Jahren...) war Autostop weit verbreitet. Ich bin oft mitgenommen worden, musste selten warten und hatte verschiedene Taktiken entwickelt. Die weiteste Strecke war bis in die Türkei, allerdings ohne Zeitdruck. Waren nette Erlebnisse, die easy jet nicht bietet. Jetzt würde ich Anhalter auch mitnehmen, nur sieht man (fast) keine mehr. Wo sind sie abgeblieben?
2. optional
Bobby Shaftoe 23.08.2013
Schade, dass die Anhalterkultur so den Bach runter gegangen ist. Früher standen am ehemaligen Grenzübergang Dreilinden freitags immer mindestens ein Dutzend Tramper, heute lässt sich da kein Mensch mehr blicken.
3. Das war früher normal !
Na Sigoreng 23.08.2013
Für die Strecke Krefeld - Trappani (Süd-Sizilien) habe ich früher regelmässig unter 24 Stunden gebraucht .... dann ging's weiter durch Nordafrika. Damals habe ich mir geschworen, jeden Tramper mitzunehmen, wenn ich ein Auto habe, aber heute trampt doch niemand mehr !
4. Und die Konkurrenten
haukerohlfs 23.08.2013
Zu einer runden Story fehlt mir noch ein wenig Information über die Konkurrenz. Wie weit haben es denn die anderen Teams geschafft?
5. trampen
nostruktor 23.08.2013
Nett zu lesen; das entspricht auch meiner Erfahrung Ende der 70er. Ich war damals (Mann, 25-30, allein oder mit Freund/Freundin) oft mit ähnlichem Gepäck unterwegs; Berlin - Dülmen (Nähe Osnabrück) dauerte 8-12 Std., Berlin - Bremerhaven 6-8 Std., Berlin - Südfrankreich (Mittelmeer) je nach Fahrern 24-36 Std. Auch ich bin damals oft zum Übernachten eingeladen worden; in Irland sogar einmal auf einem richtigen alten Landschloss! Ich war damals schlank, lange blonde Haare und Vollbart; die einzige schlechte Erfahrung war, dass, wenn ich mit ausgestrecktem Daumen eine Landstrasse entlang ging, sich mitunter von hinten ein Fahrer näherte, anhielt, und wenn er dann den Bart sah, gleich wieder Gas gab. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt... Schön zu lesen, dass es diese Möglichkeit des Reisens auch heute noch gibt!
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