Studentische Fußball-Analyse: Jogi, wir rechnen dir die Griechen aus

Von Armin Himmelrath

Sie selbst kicken auf Amateurniveau, doch sie beraten den Bundestrainer: Studenten der Sporthochschule Köln haben über 3000 Stunden Fußball analysiert, mehrere Hundert-Seiten-Dossiers schickten sie ins Quartier der Nationalelf. Nur mit einem konnten sie nicht rechnen - Griechenland!

Studenten als Löw-Berater: Fußball? Griech ich nicht genug von
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REUTERS

Die Griechen? "Nein", sagt Jürgen Buschmann und lacht. Die Griechen hatte er für das Viertelfinale nicht so richtig auf dem Schirm. "Tschechien, Polen, Russland, dazu natürlich die Mannschaften in der deutschen Gruppe - auf die hatten wir uns primär eingestellt, die gehörten zu den A-Teams", sagt der Professor an der Deutschen Sporthochschule in Köln.

"Griechenland aber war für uns nur ein B-Team, dem wir das Weiterkommen eigentlich nicht zugetraut hatten." Eine Fehleinschätzung, die vorkommen kann. Und die Buschmann, zusammen mit seinen Studenten, in viel Nacht- und Sonntagsarbeit am vergangenen Wochenende ausbügeln musste - denn es wird ein heißer Tanz gegen die Hellenen, kündigte deren Trainer Fernando Santos zwei Tage vor dem Viertelfinale an. Wer gegen sein Team spiele, müsse "Blut spucken, um uns zu bezwingen".

Wenig heißblütig, dafür mit kühler Analyse ist Sportwissenschaftler Buschmann, wie bei jedem großen Turnier seit der WM 2006, auch zur aktuellen Europameisterschaft wieder aktiv. Der Auftrag kommt direkt vom DFB-Trainerstab. "Wir betreiben für die Nationalmannschaft qualitatives Scouting der gegnerischen Teams", sagt Jürgen Buschmann.

Rund 50 Studenten mit guten Fußballkenntnissen haben sich dafür in den vergangenen Monaten die Qualifikationsspiele aller EM-Teilnehmer vorgenommen und die Video-Mitschnitte akribisch analysiert. Wie agieren die Teams in der Defensive? Wie groß sind die Abstände zwischen den einzelnen Spielern der Viererkette? Wo liegen die Stärken, wo die Schwächen im Angriff?

Daten für die Trainer

Nach jedem Spiel bei der EM werden die entsprechenden Dossiers ergänzt. "Wir analysieren nach vielen Einzelkriterien, aber immer auf der Basis der deutschen Spielphilosophie", sagt Kai Krüger, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Sporthochschule. Den Trainern um Joachim Löw werden die Daten und Einschätzungen geliefert, mit deren Hilfe dann die Mannschaft auf den nächsten Gegner eingestellt werden kann.

"Nachdem Samstagabend feststand, dass Griechenland weiter ist und damit der mögliche Gegner Deutschlands, haben wir hier noch mal richtig losgelegt", erzählt Timo Groß, 21. Er ist einer der Sportstudenten in Buschmanns Team. Zusammen mit sieben anderen sitzt er im Obergeschoss des "IG IV", des Institutsgebäudes Nummer vier an der Deutschen Sporthochschule. Durchs Fenster geht der Blick ins Grüne, an der Wand hängt ein Trikot der Nationalmannschaft mit den Unterschriften aller Spieler.

Die Studenten klassifizieren mit einer speziellen Analyse-Software wieder und wieder einzelne Spielszenen. "Fußball ist für uns alle ein großes Hobby", sagt Groß, "und da ist es einfach toll, für den DFB an diesem Projekt mitzuarbeiten."

100 Spiele, 3000 Stunden

Seit Anfang 2011 ist Groß als Co-Analyst dabei, gerade flimmert die Griechenland-Partie gegen Polen aus der Vorrunde über seinen Schirm. Wenige Tage vor dem Anpfiff des Viertelfinales geht es nur noch um Feinheiten der griechischen Defensive, der ausführliche Bericht an Löw, Flick und Co. ist schon seit Montagmittag im Quartier der Nationalmannschaft.

Und natürlich geht der Blick schon weiter, auf den nächsten möglichen Gegner im Halbfinale. "Sobald das gegnerische Team feststeht, müssen wir so schnell wie möglich liefern, damit die Vorbereitung darauf aufbauen kann", sagt der Kölner Chef-Anaylst Buschmann. Eine 100-seitige "Scouting-Fibel" legt dabei genau fest, wie die Studenten vor den Bildschirmen einen "Pass in die Tiefe" oder ein "gegnerüberwindendes Dribbling" zu bewerten haben.

Schon vor der Europameisterschaft waren so bis zu 500-seitige Berichte über die einzelnen Mannschaften zusammengekommen, angereichert mit Presseartikeln und Einschätzungen über einzelne Spieler und deren Spielcharakteristik. Jetzt, während der EM, wird an der Sporthochschule jede weitere Begegnung unmittelbar nach dem Abpfiff in ihre Einzelheiten zerlegt und mit den bisherigen Ergebnissen abgeglichen.

"30 bis 40 Seiten können bei einem einzigen Spiel zusammenkommen", sagt Jürgen Buschmann. Sein Mitarbeiter Kai Krüger schätzt, dass die Kölner EM-Studenten bis zum Finale "weit über hundert Spiele sichten - mit einem Aufwand von über 3000 Analyse-Stunden". Einmal schauen reiche nicht, manche Partien müssten vier- oder fünfmal durchgesehen werden - und das von mehreren Studenten.

Lerneffekte für die Analysten

Wer sich als Student - neben dem normalen Uni-Betrieb - so viel Fußball antut, muss ziemlich fasziniert sein. Fast alle Teammitglieder spielen selbst aktiv, unter den wenigen Studentinnen ist auch eine Bundesligaspielerin.

"Wenn man dann selber wieder auf dem Platz steht, hat sich durch die ständigen Analysen die Wahrnehmung geändert", sagt Kai Krüger und grinst: "Ich spiele dadurch zwar nicht besser. Aber ich merke schneller, was ich falsch gemacht habe." Insofern, bestätigt Timo Groß, sei die Analysearbeit eine gute Fortbildung: "Bei jedem einzelnen Spiel lerne ich etwas." Und den Spaß gebe es gratis dazu.

Trotz stundenlanger Arbeit werden die studentischen DFB-Helfer aber auch diesmal kein Rezept für den sicheren Sieg finden. "Im Fußball kann man nicht alles planen, das macht ja gerade die Faszination aus", sagt Buschmann. Und auch wenn er im Kontakt mit dem Trainerstab steht: Wie die Mannschaft konkret spielen soll, "da mische ich mich sicher nicht ein". Zum Anpfiff am Freitagabend sind die Analysten mit den Gedanken schon wieder weit weg - bei den möglichen Halbfinalgegnern England oder Italien.

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insgesamt 31 Beiträge
follow 21.06.2012
3000 Stunden der Analyse stellt sich mir die Frage nach einer angemessenen Entlohnung. Ich vermute mal, dass man ganz bewusst diese Hiwi-Variante (wahrscheinlich noch nicht einmal das) gewählt hat, um für gute Arbeit so gut wie [...]
3000 Stunden der Analyse stellt sich mir die Frage nach einer angemessenen Entlohnung. Ich vermute mal, dass man ganz bewusst diese Hiwi-Variante (wahrscheinlich noch nicht einmal das) gewählt hat, um für gute Arbeit so gut wie nichts bezahlen zu müssen. Stichwort "Geiz ist geil" Liebes Deutschland, gute Arbeit muss auch bezahlt werden. Diese Mentalität wird Deutschland zugrunde richten. Und natürlich werden die Studenten nichts fordern, stehen diese doch in einem Abhängigkeitsverhältnis zu ihrem Professor. Weil sie alle die beste Note wollen und sich so billig wie nur möglich verkaufen, um nicht ausgetauscht zu werden wie ein Batterie.
Als Student hatte ich bei weniger Arbeit mehr Netto in der Tasche als jetzt...
Als Student hatte ich bei weniger Arbeit mehr Netto in der Tasche als jetzt...
MrSnoot 21.06.2012
---Zitat--- Bei 100 Spielen und 3000 Stunden der Analyse stellt sich mir die Frage nach einer angemessenen Entlohnung. ---Zitatende--- Würde mich erst mal interessieren, was das ganze wirklich bringt. Es hocken sowieso immer [...]
---Zitat--- Bei 100 Spielen und 3000 Stunden der Analyse stellt sich mir die Frage nach einer angemessenen Entlohnung. ---Zitatende--- Würde mich erst mal interessieren, was das ganze wirklich bringt. Es hocken sowieso immer Spielbeobachter vom DFB im Stadion, und mMn kann ein Profi da mehr erkennen, als Studenten mit irgendeiner Software. Außerdem gabs das ganze 2006 bei der WM auch schon - damals mit Unterstützung der Telekom und Premiere. für den Titel hats trotzdem nicht gereicht.
rainman_2 21.06.2012
Na ja, Fußball ist auch von Zufällen (Glück) und von den Launen eines Schiedsrichters und dessen Fehlentscheidungen abhängig.
Zitat von sysopSie selbst kicken auf Amateurniveau, doch sie beraten den Bundestrainer: Studenten der Sporthochschule Köln haben über 3000 Stunden Fußball analysiert, mehrere Hundert-Seiten-Dossiers schickten sie ins Quartier der Nationalelf. Nur mit einem konnten sie nicht rechnen - Griechenland! Studenten analysieren für Löw und DFB den EM-Gegner Griechenland - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,840030,00.html)
Na ja, Fußball ist auch von Zufällen (Glück) und von den Launen eines Schiedsrichters und dessen Fehlentscheidungen abhängig.
Gast999 21.06.2012
In dem Artikel geht es um die von der DSH durchgeführten Spielanalysen. Darüber, wie gut die Studenten bezahlt werden, ist kein Satz geschrieben, da es auch zu dem eigentlichen Thema gar nichts beiträgt. Hier also zwanghaft [...]
Zitat von follow3000 Stunden der Analyse stellt sich mir die Frage nach einer angemessenen Entlohnung. Ich vermute mal, dass man ganz bewusst diese Hiwi-Variante (wahrscheinlich noch nicht einmal das) gewählt hat, um für gute Arbeit so gut wie nichts bezahlen zu müssen. Stichwort "Geiz ist geil" Liebes Deutschland, gute Arbeit muss auch bezahlt werden. Diese Mentalität wird Deutschland zugrunde richten. Und natürlich werden die Studenten nichts fordern, stehen diese doch in einem Abhängigkeitsverhältnis zu ihrem Professor. Weil sie alle die beste Note wollen und sich so billig wie nur möglich verkaufen, um nicht ausgetauscht zu werden wie ein Batterie.
In dem Artikel geht es um die von der DSH durchgeführten Spielanalysen. Darüber, wie gut die Studenten bezahlt werden, ist kein Satz geschrieben, da es auch zu dem eigentlichen Thema gar nichts beiträgt. Hier also zwanghaft wieder die Diskussion um eine Geiz-ist-geil Mentalität zu starten, halte ich für vollkommen am Artikel vorbei gedacht. Den Niedergang Deutschlands aufgrund einer Sparmentalität hinaufzubeschwören, halte ich bei einem Beitrag um Spielanalysen (sehr interessanter Artikel übrigens) für etwas zu weit hergeholt. Auch geht es nicht um ein Abhängigkeitsverhältnis zwischen Professoren und Studenten, sondern schlicht und ergreifend um Spielanalysen und ich für meinen Teil hoffe sehr, dass Deutschland daran nicht zu Grunde gehen wird und bin zur Zeit auch noch sehr zuversichtlich
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  • Donnerstag, 21.06.2012 – 09:18 Uhr
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