Von Astrid Langer
Die vier buchten einen Flug in die tadschikische Hauptstadt Duschanbe und eine anschließende Helikopterpassage zum Basislager auf 4400 Meter Höhe. Fünf Wochen durfte die Expedition dauern, so lange konnten sie sich in den Sommerferien von Arbeitsstelle und Uni loseisen.
Familie und Freundinnen waren von der Idee wenig begeistert, zumal im angrenzenden Kirgisistan gerade Bürgerkrieg herrschte. Das Team mietete ein Satellitentelefon, um sich regelmäßig zu melden.
Das Fitnessprogramm zur Vorbereitung musste nebenbei laufen, jeder wählte sich seine eigenen Methoden. Christoph packte sich Bleiplatten in den Wanderrucksack, 70 Kilo, und stieg damit Treppen. Hermann fuhr jeden Tag mit dem Rad zur Arbeit, 20 Kilometer hin, 20 Kilometer zurück. Sebastian behielt sein Fitnessprogramm bei: Rennrad fahren, Skilanglauf, Joggen. Steffen machte Bergläufe. Dann, am Ende, das Höhentraining: Gemeinsam erklommen die vier den Eiger und den Biancograt, beide etwa 4000 Meter hoch.
Trockenes Brot, fettige Suppe und Getreidebrei
In Duschanbe angekommen, erwartete die Bergsteiger aus Deutschland erst einmal eine Überraschung: Es ging nicht direkt mit dem Helikopter weiter. Irgendwas stimme mit dem Visum nicht, sie müssten noch eine Nacht bleiben, sagte der Übersetzer der Reiseagentur. Am Tag darauf brauchte angeblich der Präsident den Hubschrauber. Und dann war das Wetter zu schlecht. Vier Tage hingen sie in der Hauptstadt fest. Verhandeln ging nicht, sie beherrschten die Sprache nicht, und die Reiseagentur versagte.
Der Helikopter flog schließlich doch. Die erste Nacht im Basislager auf 4400 Metern war hart, die Höhe machte Kopfschmerzen, sie akklimatisierten sich langsam mit Schlafen, Kartenspielen und Lesen. Das Basislager sieht noch immer aus wie zu Zeiten der Sowjetunion - der Pik Kommunismus war der höchste Berg der UdSSR. Je nach Wetterlage tummeln sich hundert bis zweihundert Bergsteiger aus aller Welt im Basislager, sie schlafen in heruntergekommen Zelten verstreut über den Platz. In einer Wellblechbaracke gibt es Duschen und eine Sauna, die mit einem alten Benzinofen beheizt wird und 15 Euro pro Stunde kostet.
Gekocht und gegessen wird auf Holzbänken in einem großen Pavillon in der Mitte des Platzes. Um die Verpflegung all der Bergsteiger kümmert sich ein einziges Küchenteam; entsprechend schlecht gelaunt und gestresst sind die Angestellten. Zu essen gibt es trockenes Brot und fettige Suppe, Getreidebrei, Nüsse. Wenn gerade der Helikopter da war, gibt es auch mal frisches Obst und Gemüse - aber das ist nach einem Tag verschlungen. Das Tee- und Kochwasser wird aus einem nahe gelegenen See gepumpt, in dem Müll, Fässer und Öllachen schwimmen.
Ein paar Schluck Wodka gegen Durchfall - und dann los
Nach drei Tagen setzen die Deutschen einen "Höhenreiz", wie Steffen den Kurzausflug auf 5000 Meter nennt. Sebastian geht es nicht gut - seit der Ankunft im Land hat er Durchfall, der ihm in der Höhe besonders zusetzt. Er muss Antibiotika nehmen, bevor das Abenteuer überhaupt richtig angefangen hat.
Am Abend vor dem Aufstieg greifen sie zu einem bewährten Hausmittel einheimischer Bergsteiger: ein paar Schluck Wodka, das ist gut gegen Durchfall und das flaue Gefühl im Magen. Dann geht es los auf den Pik Korschenewskoi.
Auf 5400 Höhenmetern ist für Christoph Schluss. Sein Knie plagt ihn schon länger, die Kniescheibe hat eine angeborene Fehlstellung und war kurz vor der Expedition herausgesprungen. "Aber ich dachte, ich kann pokern", sagt er. Der Rucksack mit seinen 30 Kilo ist zu schwer, um jeden Preis will Christoph den Gipfel nicht erzwingen. "So etwas kann auch ganz schnell böse enden."
Er steigt ab ins Basislager, Steffen, Hermann und Sebastian gehen zu dritt weiter. Pro Tag legen sie 500 Höhenmeter zurück. Alles wird beschwerlicher, auch das Atmen. Sie trinken viel Wasser, das sie morgens aus Schnee geschmolzen haben. Zum Abendessen gibt es Suppe und getrocknete, eingeschweißte Expeditionsnahrung in den Geschmackssorten "Pasta Siciliana" oder "Rindfleisch Stroganoff", die in heißem Wasser aufquillt. Er konnte den Fraß schon nach ein paar Tagen nicht mehr sehen, sagt Steffen. Doch im Vergleich zu Schokoriegeln und Powergels, die sie tagsüber essen, ist alles Warme eine willkommene Abwechslung. Gutes, frisches Essen vermissen sie alle.
Die meisten Unfälle passieren beim Abstieg
Am vierten Tag der Angriff auf den Gipfel: Die Gruppe löst sich auf, jeder kämpft sich nach eigener Kraft den Berg hoch. Ab 6800 Meter wird die Luft noch dünner, Sebastian muss für jeden Schritt zweimal atmen. "Das pustet die Lunge bis zur letzten Bronchiole durch", sagt auch Hermann. Sebastian sieht Steffen schon oben stehen und sprintet vor Freude die letzten Meter. "Oben hab ich beinahe gekotzt", erzählt Sebastian.
Wie gut ein Bergsteiger die Höhe verträgt, lässt sich mit Hilfe eines Puls-Oxymeters an der Sauerstoffsättigung im Blut feststellen. Sebastians Sättigung auf dem Gipfel liegt bei 66 Prozent - in deutschen Krankenhäusern erwägen Ärzte ab 80 Prozent abwärts eine künstliche Beatmung. Dabei steht das Schlimmste noch bevor: Die meisten Bergunfälle passieren beim Abstieg. "Die Konzentration war dahin", sagt Sebastian. Er fühlt sich betrunken beim Weg nach unten. Sie teilen den Abstieg in zwei Hälften und übernachten im Zelt auf 5800 Metern.
Der Weg ins Basislager verläuft unterhalb eines Gletscherabbruchs, auf dem grobes Geröll liegt. Steffen hat die Stelle schon passiert, Sebastian und Hermann sind mitten in der Querung, als sich zwei Felsbrocken aus dem Eis lösen. Steffen schreit "Stein!", Sebastian rettet sich hinter einen Vorsprung aus Eis, Hermann wirft sich zur Seite und rollt ein paar Meter den Hang hinunter.
Sie blicken sich schockiert an. Hermann muss sich hinsetzen, erschöpft vom Adrenalinstoß. "Man muss sich vor so einer Expedition klarmachen, dass das gefährlicher ist, als über die Straße zu gehen." Er hat als Einziger der vier eine Familie und eine Lebensversicherung, damit die beiden Kinder im Unglücksfall abgesichert sind.
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