Von Astrid Langer
3.15 Uhr in der Nacht, der Wecker klingelt. Es ist Anfang August, eigentlich Sommer, aber auf 6400 Meter Höhe ist es kalt. Sehr kalt. Steffen kann seinen Atem sehen, als er die Stirnlampe anknipst. Schnell rein in die Skiunterwäsche, Fleece-Pulli eins, Fleece-Pulli zwei, Daunenjacke, Mütze, zwei Paar Handschuhe. Er zwängt sich aus dem kleinen Zelt, in dem sie alle gedrängt liegen.
Das Thermometer zeigt 30 Grad minus. Wegen des Sturms müssen sie im Vorzelt Schnee schmelzen und Tee kochen, zum Frühstück gibt es Nüsse und Müsli mit Milchpulver.
Plötzlich schießt eine Stichflamme aus dem Gaskocher und versengt Steffens Augenbrauen. Schnell, schnell, raus mit dem Ding, er schleudert den Kocher in den Schnee vor dem Zelt. Das Gas, das sie von Tadschiken im Basislager gekauft haben, war wohl von schlechter Qualität. Glück gehabt, puh, so einen frühen Adrenalinschub kann Steffen eigentlich gerade nicht gebrauchen. Denn er und seine Kumpane haben heute Großes vor: Der Gipfel des Korschenewskoi wartet, 7105 Meter hoch.
Zwei Siebentausender zu besteigen, das war das Ziel. Dafür flogen Steffen Otto, 26, Christoph Goretzka, 22, Sebastian Truffner, 23, und Hermann Elsenhans, 50, diesen Sommer nach Tadschikistan. Die drei Studenten und der erfahrene Elsenhans hatten sich durch den Bergsport im Alpenverein kennengelernt und schon manche anspruchsvolle Tour gemeinsam gemeistert. Allesamt steigen sie seit Kindertagen auf Berge, mit den Jahren kamen dann Fels- und Eisklettern, Skitouren und Extrembergsteigen dazu.
Nach dem Pik Lenin Hunger auf mehr
Doch die Gipfel in Europa waren ihnen irgendwann nicht mehr hoch genug.
In Steffens Tübinger Wohngemeinschaft treffen sie sich nun zum ersten Mal seit ihrer Rückkehr wieder, es gibt Spaghetti Bolognese, Salat, Schokokuchen. Das verlorene Gewicht, zwischen zwei und zehn Kilo, haben sie sich schon wieder angefuttert. Nun hat sie der Alltag wieder: Für Steffen und Sebastian stehen Prüfungen in Neurobiologie und Maschinenbau an, Christoph ist mitten im Umzug nach Bern, Hermann hat acht Stunden Büroarbeit hinter sich.
Doch für ein paar Stunden ist die aufregende Expedition noch einmal ganz nah: Die vier tauschen Fotos und Ausrüstungsgegenstände aus, sehen Videos an, gehen noch einmal die brenzligsten Augenblicke durch.
Die Idee einer gemeinsamen Expedition entstand im vergangenen Jahr. Steffen, der in Tübingen Bioinformatik studiert, und Hermann waren 2008 in Kirgisistan, hatten von dort den zu Sowjetzeiten so getauften Pik Lenin bestiegen, der als einfacher Siebentausender gilt. Begeistert von den Gipfeln im Pamir-Gebirge zog es sie nun wieder nach Zentralasien. Doch diesmal sollten es zwei Siebentausender sein, und sie wollten alles allein durchziehen, ohne organisierte Gruppe. "Das Pamir-Gebirge ist auch viel billiger als der Himalaja, was Logistik und Flug angeht", sagt Hermann. Seine Leidenschaft hat ihn schon auf 8000-Meter-Gipfel in Tibet und Nepal getrieben; im normalen Leben arbeitet er als IT-Berater bei einer Computerfirma in Stuttgart.
"Zwei Gipfel waren eine echte Herausforderung", sagt Sebastian; er studiert in Stuttgart Maschinenbau. Zusätzlich entschloss sich das Quartett, nicht die Normalrouten zu gehen, in ihren Augen ausgetretene Wanderpfade. Gratüberschreitungen sollten es schon sein, keine Spur von Himalaja-Tourismus mit Sherpas und Co., die gesamte Ausrüstung wollten sie auf dem Rücken tragen. "Wie die Schnecke, die das ganze Haus immer mitschleppt", sagt Christoph, der im Herbst ein Geografiestudium in Bern beginnt. Die Wahl fiel auf den Pik Korschenewskoi und den 7495 Meter hohen Pik Ismoil Somoni, der bis 1998 Pik Kommunismus hieß.
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