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Studenten-Beichte: Die Jugendsünden von Juristen

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Schwarzfahren, raubkopieren, kiffen - fast kein Jurastudent hat eine völlig weiße Weste. Das zeigt das Experiment eines Tübinger Professors, der seinen Studenten die Beichte abnahm. Was viele nicht ahnen: Schon kleinere Delikte können die Juristen-Karriere ruinieren.

Im Juristen-Witzbuch findet man diesen Eintrag: Ein junger Richter fragt seinen Kollegen a.D. um Rat. "Ich habe da einen Schwarzbrenner im Gerichtssaal sitzen - wie viel soll ich dem wohl geben?" Antwortet der Alte: "Auf keinen Fall mehr als drei Euro pro Liter."

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Der Tübinger Juraprofessor Jörg Kinzig, 44, erzählt manchmal solche Witze. Zum Beispiel kürzlich, als er seinen Studenten vor Augen führen wollte, dass in den platten Pointen rechtswissenschaftlicher Humoristik durchaus ein Fünkchen Wahrheit steckt: In der Vorlesung über Jugendstrafrecht befragte er 51 Studentinnen und 22 Studenten zu ihren eigenen Jugendsünden. Nicht zwecks Juristen-Bespaßung, sondern im Dienste der sogenannten Dunkelfeldforschung.

"Aufgrund der Forschungsergebnisse in diesem Bereich geht man davon aus, dass nahezu alle Jugendlichen kleinere Straftaten verüben", erklärt Kinzig. Das sollten seine Studenten mit ihren eigenen Lebenserfahrungen abgleichen. Empirisch ein voller Erfolg: Fast 80 Prozent der Befragten sind schon mal schwarzgefahren. 60 Prozent gestanden, sie hätten illegal Software kopiert. Und über die Hälfte der künftigen Anwälte, Staatsanwälte und Richter hat gekifft.

"Schon erstaunlich", meint Teilnehmer Arne Teuteberg, 23, "als ich in einem Essay gelesen habe, dass fast alle Jugendlichen Straftaten begehen, fand ich das ziemlich übertrieben - bis ich gezwungen wurde, über meine eigenen Jugendsünden Buch zu führen." Die Umfrage veranschaulichte zudem, mit welcher hohen Dunkelziffer es Kriminologen zu tun haben: Nur 10 der 73 Befragten gaben an, wegen ihrer Jugendsünden Ärger mit dem Gesetz bekommen zu haben - ein in der Dunkelfeldforschung durchaus üblicher Wert.

Gefühl für Verurteilungs-Folgen entwickeln

Bei der Auswertung hatten die Studenten manche harte Empirie-Nuss zu knacken. "Eine Frage zur generellen Einstellung zu Drogen lautete 'Wie oft waren Sie schon mehr als beschwipst?'", erzählt Mirjam Lubrich, 22. "Die Ergebnisse variierten zwischen 'gar nicht' bis 'unzählbar' - nicht leicht, sowas sinnvoll zu ordnen." Zumal ein Student im Plenum, ganz Jurist, auch noch wissen wollte, wie genau man denn "Schwips" definiere.

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Jurastudenten zum Beispiel in München oder Hamburg wissen das genauer: Sie werden bei organisierten Gelagen bis über alle Promillegrenzen fachgerecht befüllt - damit sie am eigenen Leib erfahren, wie Alkohol das Bewusstsein trübt. Auch anderswo werden junge Juristen zu Versuchskaninchen ihrer eigenen Wissenschaft: So erzielte ein Bochumer Kriminologe jahrelang große Heiterkeitserfolge, als er neben echten Ganoven auch Staatsanwälte, Richter oder Polizeipräsidenten im Hörsaal aufmarschieren ließ - mit der Bitte an die Jurastudenten, sie möchten allein aufgrund des Äußeren schätzen, wer Verbrecher und wer unbescholtener Bürger sei. Was den Studenten durchweg misslang.

Beicht-Fragebögen über Jugendsünden wie in Tübingen füllen auch Gießener Erstsemester in der Kriminologie-Einführung aus; in Freiburg und Erlangen gibt es ähnliche Experimente. "Für die Universitäten stellt sich bei solchen Projekten natürlich die Frage: Wie verkaufen wir den Medien, dass unsere eigenen Jurastudenten mal delinquent waren?", so Kinzig. Da aber fast jeder als Jugendlicher etwas angestellt habe, sei diese Erkenntnis wenig brisant.

Für viel wichtiger hält Kinzig, dass angehende Strafjuristen ein Gefühl dafür entwickeln, ob und wann eine Verurteilung von Jugendlichen sinnvoll ist. "In der Rechtswissenschaft gibt es das Konzept der Diversion. Es besagt, dass die meisten Jugendlichen ihr delinquentes Verhalten auch ohne förmliche staatliche Reaktion von selbst wieder einstellen", erläutert er. Zu hartes Durchgreifen könne bei Jugendlichen mehr Schaden anrichten als nützen: "Ist ein Jugendlicher oder Heranwachsender erst als 'Krimineller' stigmatisiert, übernimmt er eventuell dieses Selbstkonzept und stellt nur noch mehr an", sagt Kinzig.

Schon kleinere Vergehen können sich bitter rächen

Angehenden Anwälten und Richtern müsse man bereits an der Uni die Tragweite rechtlicher Entscheidungen bewusst machen. Das kommt auch nach Ansicht vieler Studenten zu kurz. "Im Studium bekommen wir vor allem das rechtstechnische Rüstzeug vermittelt. Allgemeine ethische Fragen werden zu wenig diskutiert", findet Arne Teuteberg.

Um die Debatte zu befeuern, stellte Kinzig auch generelle kriminalpolitische Fragen. Ein Resultat: 22 Prozent der befragten Juristen würden die Todesstrafe bei besonders schweren Delikten wie Kindestötung wieder einführen. "Bei solchen Ergebnissen kann man sich als Lehrender schon fragen, ob man in der Ausbildung nicht noch stärker auf berufsethische Fragen eingehen sollte", so der Professor, der die Todesstrafe kategorisch ablehnt.

Immerhin scheint das Studium von Gesetzestexten delinquentes Verhalten zu dämpfen: Laut Umfrage sind 56 der 73 Befragten in ihrer Jugend schwarzgefahren - aber nur noch 15 gaben an, dies in den letzten zwölf Monaten getan haben. Teuteberg führt den Rückgang auf die abschreckende Wirkung des Jurastudiums zurück: "Wenn man im Seminar haarklein erklärt bekommt, welche Konsequenzen der illegale MP3-Download haben kann, lässt man's vielleicht eher bleiben."

In der Tat sollten angehende Juristen von kleinkriminellen Delikte dringend die Finger lassen: Die nämlich können die Kariere kosten - was die wenigsten wissen (siehe Kasten). Professor Kinzig hat offenbar schon in seiner Jugend vorgebeugt: "Ich kann ganz aufrichtig sagen, dass ich selbst ein furchtbar braver Mensch gewesen bin. Meine einzige Jugendsünde bestand darin, für ein Schulprojekt einige Pflanzen aus öffentlichen Grünanlagen zu rupfen. Das können Sie ruhig schreiben - ist längst verjährt."

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