Mit feindlichen Übernahmen haben beide Seiten reichlich Erfahrung. Die protestierenden Studenten der Hauptstadt haben in den vergangenen Wochen allerlei Parteizentralen und Senatorenbüros besetzt. Sogar in den edlen Räumlichkeiten der Berliner Bertelsmann-Repräsentanz hatten sich die Besetzungsroutiniers in der vorigen Woche breit gemacht. In dem Medienkonzern, so hatte ein Studentensprecher erläutert, gebe es nämlich sehr viele Befürworter von Hochschulgebühren.
Auf der anderen Seite ist zwar längst nicht mehr jeder taz-Redakteur ein potenzieller Hausbesetzer. Doch noch vor kurzem hatte die Redaktion ihre feindliche Übernahme durch die "Lieblingsfeinde" des Blattes selbst inszeniert. Zum 25. Geburtstag der alternativen Tageszeitung durfte ein erlesener Kreis größtenteils konservativer Schreiber und Politiker unter Leitung von Bild-Chefredakteur Kai Diekmann alles aufschreiben, was in der taz üblicherweise keinen Platz findet.
Selten wurde eine Aufforderung der taz von der Öffentlichkeit so schnell befolgt. Die Studenten müssen sich gefreut haben: Endlich mal eine Institution, an der sie sich nicht die Zähne ausbeißen mussten! Die taz nahm die unangekündigten Gäste auf und ließ sich auf Verhandlungen ein. Die Studenten dürfen nun ihre Gedanken auf Seite eins verbreiten, flankiert von dem Kommentar eines taz-Profis. Außerdem sollen die Besetzer auf zwei Seiten in der Kulturbeilage "über die aktuelle Lage der Studenten informieren".
Es steht zu vermuten, dass Studenten und Blattmacher im Zuge ihrer spontanen Kooperation in einen regen Austausch eintreten werden. Denn schließlich sind beide Seiten kampferfahren: Im Protest gegen Kürzungen im Bildungswesen, gegen den Abbau des Sozialstaats - und gegen die Einstellung der "taz".
Andreas Ross
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