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04. Februar 2013, 10:50 Uhr

Diskriminierung an der Discotür

"Guck mal, wie du aussiehst"

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Dunkle Haut, dunkle Haare, dunkle Augen: Vor allem junge Männer kommen wegen ihres Aussehens oft nicht in die angesagten Clubs. Einige Studenten wehren sich jetzt gegen die Diskriminierung - mit Erfolg.

Wenn er Freunde treffen, vielleicht eine Frau kennenlernen, wenn er einfach etwas Spaß haben will, geht Said ins Hamburger Schanzenviertel. Dort gibt es viele Kneipen, Bars und Restaurants. Und vor allem: keine Türsteher. Die sind auf der Reeperbahn, dem "Kiez", dort, wo die bekannten Clubs der Stadt sind. Doch da will Said nicht hin, nicht mehr. Zu oft wurde er abgewiesen.

Said, 27, ist in Hamburg geboren. Er wuchs in einem wohlhabenden Stadtteil auf und steht kurz vor seinem zweiten juristischen Staatsexamen. Seine Eltern kommen aus Afghanistan, Said hat schwarze Haare, dunkle Augen und eine, wie er sagt, typisch indische Hautfarbe. Weil er so aussieht, kennt er viele Clubs nur von außen.

Saids erster Discobesuch, vielmehr der Versuch dessen, wurde zur ersten rassistischen Erfahrung in seinem Leben. Said stand kurz vor dem Abi, er hatte sich die Haare gegelt und seine Klamotten mit Bedacht gewählt, "ästhetischer Hip-Hop-Style". Gegen Mitternacht stellte er sich mit Freunden in die Schlange vor einen Club.

Als Said vor dem Türsteher stand, sagte dieser: "Heute nicht". Und auf Nachfrage: "Wir haben schlechte Erfahrungen mit Südländern gemacht." Das sei eine Anweisung vom Chef. "Das hat mich umgehauen. Ich war doch immer bemüht, mich von aggressiven Ausländern abzugrenzen. Ich sehe nicht aus wie ein Schläger", sagt Said. Er fuhr nach Hause, schaute in den Spiegel und suchte den Fehler. "Ein widerliches Gefühl." Said tauschte seine weiten Klamotten gegen den "Hamburger Hockey-Dresscode", den er eigentlich verachtete: Polo-Hemden, am besten Doppelkragen, enge Hosen, Segelschuhe. So wie die Jungs, die reingelassen worden waren.

Einmal klappte es sogar. Beim nächsten Mal wieder nicht. Auch nicht, als eine blonde Bekannte Said an der Hand nahm und dem Türsteher sagte, er sei ihr Freund. In den USA oder in Belgien, wo er lebte, ist ihm das nie passiert. Irgendwann beschloss er, nicht mehr in Hamburger Szeneclubs zu gehen.

Sieben Klagen gegen Clubs in Leipzig

Wie Said geht es vielen, jedes Wochenende heben oder senken Türsteher in Deutschland den Daumen. Es ist nicht neu, dass es für jemanden, der für einen Ausländer gehalten werden kann, schwieriger ist, reingewunken zu werden. "Es ist ein strukturelles Problem, überall in Deutschland, vor allem aber in größeren Städten", sagt Birte Weiss vom Antidiskriminierungsbüro in Hamburg.

Neu ist, dass sich nicht mehr alle Betroffenen verschämt umdrehen, nach Hause schleichen und dort womöglich mit ihrer Identität hadern. Neu ist auch, dass junge ausländische Männer gegen diese Diskriminierung in Deutschland vor Gericht ziehen - und gewinnen.

Allein in Leipzig gab es in den vergangenen Monaten sieben Klagen gegen sechs Clubs. Aziz Bachouri, 26, ist einer der Kläger. Kürzlich wurde er vom Deutschen Akademischen Austauschdienst für sein Engagement ausgezeichnet. Aziz kam vor acht Jahren aus Syrien nach Deutschland. Mittlerweile spricht er fast perfekt Deutsch, macht seinen Master in Orientwissenschaften und sitzt als Studentenvertreter im akademischen Senat. "Ich lebe gern hier", sagt er. Diskriminierung kannte er nicht - bis zu einem Abend im Mai 2011.

In der Leipziger Innenstadt liegen mehrere Discos nur wenige Gehminuten voneinander entfernt, am Wochenende ziehen viele Studenten von Club zu Club. Auch Aziz, blaugrünes-Karohemd, dunkle Jeans, blaue Strickjacke, ging mit zwei syrischen Freunden los. Sie wollten in einen beliebten Kellerclub. Alle um sie herum wurden reingelassen, Aziz und seine Freunde nicht. "Guck mal, wie du aussiehst", blaffte der Türsteher in ausgeprägtem Sächsisch, als die drei wissen wollten, warum gerade sie draußen bleiben sollten. "Schau mal, was ihr anhabt." Aziz und seine Freunde trugen ähnliche Klamotten wie die anderen.

Testings in mehreren Großstädten

Aziz schämte sich, aber er wollte den Frust über das Erlebnis nicht runterschlucken. Im Internet fand er den Antidiskriminierungsverband. Daniel Bartel, Leiter der Leipziger Beratungsstelle, suchte zunächst das Gespräch, später organisierte die Stadt einen Runden Tisch mit den Clubbetreibern. Die aber pochten auf ihr Hausrecht. Aziz und einer seiner Begleiter beschlossen zu klagen. Doch um juristisch vorzugehen, brauchten sie Beweise und Zeugenaussagen.

Auch deshalb führt der Antidiskriminierungverband immer wieder sogenannte Testings durch, bei denen sich drei junge Männer, die Türsteher für Ausländer halten könnten, und drei hellhäutige Deutsche voneinander getrennt in die Schlange stellen. Passende Kleidung, ruhiges Verhalten, nicht alkoholisiert - alles ist gleich, bis auf das Aussehen. Die Ergebnisse aus Köln, Leipzig, Berlin und Hamburg: Die Kontrollgruppe kommt rein, die andere wird meist abgewiesen. Aziz Bachouri und Daniel Bartel nahmen beide an dem Leipziger Testing teil. "Geht mal bitte zur Seite, damit die Gäste reinkommen können", sagte ein Türsteher zu Aziz' Gruppe. "Die Gäste" waren Bartel und seine Begleiter.

Grundlage für die Klagen ist das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz. Drei Klagen haben Aziz und seine Mitstreiter bereits gewonnen, in einem Fall einigten sie sich nach einer Mediation. Zwei weitere Klagen befinden sich im Berufungsverfahren, nachdem sie in erster Instanz aus formaljuristischen Gründen abgewiesen wurden. Ein verklagter Leipziger Clubbetreiber versteht die Aufregung nicht: "Bei uns gilt gleiches Recht für alle, und wir lassen ständig Ausländer rein", sagt Frank Richter vom Club Night Fever. Er sei sich keiner Schuld bewusst. "Die Klagen sind eine Rufmordkampagne des Antidiskriminierungsverbands, der eine Daseinsberechtigung sucht."

Die härtesten Türen Hamburgs

Auch in Hamburg überlegen Betroffene, vor Gericht zu ziehen. Dabei geht es den Klägern weder um einen langwierigen Prozess noch um Schmerzensgeld - die vom Gericht zugesprochene Entschädigung für die jungen Männer in Leipzig war ohnehin gering, nach Abzug der Kosten blieb manchmal gar nichts übrig.

Sie wollen, dass sich die Verhältnisse ändern. Keine Uni soll Studentenpartys in Clubs veranstalten, die rassistische Einlasskontrollen durchführen. Und alle Clubs sollen den "Fünf-Punkte-Plan" des Antidiskriminierungsverbands umsetzen: Transparente Hausordnungen, Mitarbeiter-Schulungen und ein ernsthaftes Beschwerdemanagement gehören dazu. "Türsteher haben kein geschlossenes rechtes Weltbild", sagt Bartel von der Leipziger Beratungsstelle. Vielmehr folgten sie einer "alltagsrassistischen Logik", wonach ein bestimmtes Aussehen mit Aggressivität verknüpft werde.

Aber nicht jeder Clubbetreiber sieht Bedarf für Änderungen: "Uns sind solche Fälle nicht bekannt", heißt es beim Deutschen Hotel- und Gaststättenverband in Hamburg. "Ja, das Problem ist uns bekannt", heißt es hingegen beim Clubkombinat Hamburg, einer Vereinigung von kleineren, alternativen Läden. Vor allem kommerzorientierte Discos seien betroffen. "Imagepflege" nennen das viele.

Drei junge Frauen in schwarzen Nylonstrumpfhosen und Highheels sind gut fürs Image. "Hi Ladys", sagt der Mann, der von sich sagt, an einer der "härtesten Türen Hamburgs" zu arbeiten. Ein kurzer Blick auf die Ausweise, er öffnet die rote Kordel, schon ist der Weg frei in einen der derzeit angesagtesten Clubs auf der Reeperbahn.

Kommt hier eigentlich jeder rein? "Nö", sagt der Türsteher. Wer nicht? Hm, er windet sich. Frauen hätten es einfacher. Die Klamotten sollten stylish sein. Ein Irokesenhaarschnitt wäre ein Problem. Ausländer? "Wenn sie sympathisch sind."

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