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Studenten-Proteste in Paris: Party-Guerilla schockt Miethaie

Von Gregor Waschinski, Paris

850 Euro sind ein stolzer Preis für 18 m², selbst in Paris. Bezahlbare Wohnungen für junge Leute gibt es dort kaum. Bei unverschämt teuren Apartments wird die Gruppe "Jeudi-Noir" aktiv, verwandelt Besichtigungstermine in Spontanpartys und schockt gierige Vermieter.

Treffpunkt ist eine Metrostation im Osten von Paris, etwas hinter der Bastille. "Du wirst uns schon erkennen", hatte ein gewisser Lionel am Telefon gesagt, mehr wollte er erstmal nicht verraten. Nur soviel ist klar: Es handelt sich um eine jener Protestaktionen, mit denen Studenten und junge Berufstätige seit einigen Wochen gierige Pariser Vermieter schocken.

Gut 30 junge Männer und Frauen haben sich vor dem Eingang der Metrostation versammelt. Für ein konspiratives Treffen sind sie ziemlich auffällig: Einige haben bunte Hüte aufgesetzt, andere tragen Sektflaschen in der Hand oder schleppen einen Ghettoblaster. Schwarze Luftballons umwehen die Gruppe. Auf einer Kreidetafel stehen die Eckdaten der Wohnung, in der die Spontan-Party stattfinden soll: "25 qm² für 720 Euro". Es ist kurz nach zwei Uhr nachmittags, die Stimmung ist bestens. Ein bisschen wie Karneval.

Die Gruppe nennt sich "Jeudi-Noir" , übersetzt schwarzer Donnerstag - der Wochentag, an dem die Anzeigenblätter mit den unbezahlbaren Wohnungsannoncen erscheinen. "Die Spekulation auf dem Pariser Immobilienmarkt hat die Mieten in den letzten Jahren in unglaubliche Höhen getrieben", sagt Lionel, einer der Gründer von "Jeudi Noir". "Manchmal werden 18 Quadratmeter-Zimmer für 850 Euro angeboten."

Viele junge Leute können sich bei diesen Preisen keine angemessene Bleibe leisten. Einmal hat ein Vermieter den "Jeudi-Noir"-Aktivisten sogar vorgeschlagen, ein 10 qm²-Zimmer zu zweit zu bewohnen - dann würde es pro Person auch nur noch 260 Euro im Monat kosten. Daneben verlangen Vermieter und Maklerbüros als Sicherheit oft ein monatliches Nettoeinkommen, das dreimal so hoch ist wie der Mietpreis.

Diskretes Signal der Vorhut

Berufsanfänger verdienen aber selten genug für eine vernünftige Wohnung, Studenten brauchen finanzkräftige Eltern als Bürgen. Für Lionel gibt es deshalb nur zwei Alternativen: "Entweder man zieht weg aus Paris. Oder man nimmt sich ein winziges Dachzimmer ohne Heizung, in dem der Schreibtisch zugleich der Küchentisch ist."

Mit ihren Spontan-Partys in unverschämt teuren Apartments wollen Lionel und die anderen Aktivisten von "Jeudi-Noir" Politik und Medien für die prekäre Wohnungslage der jungen Leute sensibilisieren. Ihre Strategie scheint zu funktionieren: Heute wird die Gruppe wieder von einem Kamerateam begleitet. Kürzlich hat sogar der französische Wohnungsminister "Jeudi-Noir" zu einem Gespräch eingeladen. Der Minister zeigte sich verblüfft über das Vorgehen der Gruppe, eine Lösung des Problems konnte er aber nicht anbieten. Also feiert "Jeudi-Noir" weiter.

Lionel steht etwas abseits der Metrostation, in der Hand hält er sein Handy. Zwei Mitglieder von "Jeudi Noir" sind bereits zur anvisierten Wohnung vorgegangen und spielen die Interessenten. Wenn der Vermieter die Tür öffnet, besichtigen sie ganz normal das Apartment - und geben per Telefon ein diskretes Signal an Lionel, dass die Gruppe zur Hausbesetzer-Party nachrücken kann.

Der Anruf des Vorauskommandos lässt auf sich warten. Als das Kamerateam langsam ungeduldig wird, gibt Lionels Handy endlich den erwarteten Klingelton von sich. Der Feierüberfall kann beginnen. Die bunte Horde zieht eine enge Seitenstraße entlang und verschwindet in einem Hauseingang. Im Treppenhaus versuchen die Aktivisten lautlos an den gepflegten Topfpflanzen vorbei in den dritten Stock zu schleichen - und fallen in die Wohnung ein. Musik und Gejohle lassen den Lärmpegel schnell auf ähnliche Höhen wie das Mietniveau steigen. Sektflaschen machen die Runde, die schwarzen Luftballons zerplatzen, aus ihnen regnet es Konfetti.

Feiern, bis die Polizei kommt

Die Vermieter, ein graumelierter Herr in feiner Kleidung und eine zierliche Frau mit drahtiger Frisur, wissen in den ersten Minuten nicht recht, was sie von der Party-Guerilla halten sollen. Dann beginnt die Frau hysterisch zu keifen, der Mann drückt die Fernsehkamera weg und ruft die Polizei. Auf dem Flur haben Nachbarn ihre Türen einen Spalt geöffnet und schauen leicht verstört auf die Szenerie.

Eine zierliche Studentin versucht mit dem Vermieter zu diskutieren, der will aber von ihren Argumenten nichts wissen. Einige der ungebetenen Gäste sammeln die Konfettischnipsel vom Boden auf. Jemand fragt, ob es einen Staubsauger in der Wohnung gibt. Zehn Minuten später halten zwei Streifenwagen mit Blaulicht vor dem Gebäude. Schluss mit Feiern, Katerstimmung.

Die Aktivisten von "Jeudi-Noir" verlassen das Haus und beteuern, dass ihre Besichtigungen normalerweise nicht mit einem Polizeieinsatz enden. "Wir haben bisher immer mit den Vermietern reden können", sagt Marie. Die 25-Jährige ist nach ihrem Politikstudium auf Jobsuche und findet, dass sich die älteren Generationen schamlos auf Kosten der Jungen bedienen. "Einige Vermieter haben uns gesagt, dass sie mit den Mieteinnahmen so viel Geld wie möglich für das Alter zurücklegen wollen", ärgert sie sich.

Unterdessen sind Lionel und ein Mitstreiter in die Wohnung zurückgegangen, um mit den Polizisten und den Vermietern zu sprechen. Eine halben Stunde später kommt Lionel aus der Haustür und grinst. "Nichts passiert", sagt er. "Die Vermieter wollten Anzeige erstatten, doch die Polizisten konnten für unsere Wohnungsbesichtigung keinen Straftatbestand finden."

Die Gruppe ist beruhigt, schließlich hat sie für heute noch einen weitere Spontan-Party geplant. In einem Apartment im 18. Arrondissement: 35 Quadratmeter für 1120 Euro.

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