Studenten-Radio im Web: Sendepause für Dudelfunker

Von Maximilian Popp

Kampf dem durchformatierten Einheitsfunk! Drei Studenten aus Leipzig gründeten ihren eigenen Radiosender. Verboten sind bei Detektor FM: Die Megahits der Achtziger, Neunziger und das Beste von heute. Jeden Tag brechen die jungen Senderchefs so die Regeln der Branche - und feiern Erfolge.

Radiomacher Bielefeld, Bollert, Engert: "Die Freiheit, die wir haben, ist grandios" Zur Großansicht
Grit Schwerdtfeger

Radiomacher Bielefeld, Bollert, Engert: "Die Freiheit, die wir haben, ist grandios"

Irgendwann hatten sie ihn satt: den immer gleichen Dudelfunk. Sie hatten genug von den Gewinnspielen, genug von den blöden Witzen, genug von den "Megahits der Achtziger, Neunziger und dem Besten von heute". Marcus Engert, Hans Bielefeld und Christian Bollert, Studenten der Universität Leipzig, saßen vor anderthalb Jahren in der Kneipe, tranken Bier und fällten eine Entscheidung, die ihr Leben verändern sollte: Lasst uns unser eigenes Radio machen, Radio, wie wir es hören wollen.

Es war die Geburtsstunde von Detektor FM, einem Internet-Radiosender, der derzeit für Furore sorgt. Nicht nur in Leipzig, sondern auch in Hamburg und in Berlin, überall dort, wo viele Studenten wohnen.

Bollert, 28, öffnet die Tür zu dem Studio, das er und seine beiden Kollegen vor genau einem Jahr bezogen haben, es liegt in einem Gewerbegebiet. Sie haben den Boden neu verlegt, Wände eingezogen, die Technik installiert. Jetzt stehen hier Ikea-Regale, Bierkisten und Schreibtische, auf denen sich Zeitungen und Manuskripte stapeln. In der Ecke ein Kickertisch, darüber hängen "Weltuhren", die, nicht ganz ernst gemeint, die Zeit in Husum, Borken und Ulm zeigen. Es gibt hier auch einen Fernseher und ein Nintendo-Spiel, an dem die drei manchmal gemeinsam zocken. Das Studio ist auch ein Spielplatz, ein kreatives Chaos, aber vielleicht ist dies das Geheimnis.

Detektor FM widersetzt sich dem Trend

Zweieinhalb Jahrzehnte nach der Zulassung des Privatfunks gibt sich das deutsche Radio erschreckend gleichförmig. Die meisten Sender arbeiten mit nur 150 "Hits", die sich in der Rotation abwechseln: Robbie Williams, Shakira, Kylie Minogue, Musik eben, die man irgendwie weghört, die keinem weh tut. Bevor ein neuer Song ins Programm genommen wird, entscheiden Test-Hörer: Was nicht ankommt, geht nie auf Sendung. Deswegen klingen viele Sender so, als wären sie Klone von anderen. Morgens läuft so etwas wie die "Crazy Morning Show", abends "Comedy mit den besten Gags der Stadt", dazwischen die "Greatest Hits".

Detektor FM widersetzt sich dem Trend. Es bricht die Regeln der Branche: Es gibt keine Verkehrsnachrichten, kein Wetter, keine Musik, die jeder Zweite auf seinem MP3-Player hat. Stattdessen wird auch mal ein Special zu einer kanadischen Indie-Band gesendet, die noch kaum einer kennt. "Wir machen, worauf wir Lust haben", sagt Bollert. "Es war ein Risiko, klar. Von Anfang an. Ist es immer noch."

Aber es funktioniert.

Jetzt schon hören 2000 Leute regelmäßig Detektor FM, und jeden Monat werden es mehr. Immer wieder gibt es Lobeshymnen in Musikforen, selbst die Bundesregierung kann dem Sender etwas Gutes abgewinnen: Das Wirtschaftsministerium hat die Homepage als "beste deutsche Internetseite des Jahres" ausgezeichnet.

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insgesamt 22 Beiträge
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1. Sowas gibts im Internet zu Hauf
README.TXT 17.01.2011
Den teuren Umweg über 'air' hätten sie sich sparen können. Aber trotzdem: viel Erfolg.
2. Swf3...
theorie 17.01.2011
JA der gute alte SWF3, wie ich Ihn vermisse... Die ELMI-Show war noch das letzte was an diesem Sender gut war, seitdem geht es nur noch steil bergab. Seit der Zusammenlegung mit dem SDR ist dieser Sender (jetzt SWR3) sowas von grottenschlecht geworden, einfach unhörbar! Siehe auch: http://hifi-news.info/hifi-news-magazin/HiFi-Scene/HiFi___High_End/SWF3_war_Kult/swf3_war_kult.html
3. °!°
jot-we 17.01.2011
Wie hoch sind eigentlich die GEMA-Gebühren für so einen IRadiosender? Da es tausende INetSender gibt, kann das im Prinzip ja jeder machen ...
4. KölnCampus
Barxxo 17.01.2011
In Köln gibt es schon seit 2002 das Studentenradio Kölncampus. Man kann es in Köln auf 100 Mhz empfangen oder sich auf der koelncampus- Webseite in den Livestream einklinken. Das Prinzip, sich von den Megahits der 80er und 90er und dem grössten Bullshit von heute fernzuhalten, wird dort schon lange verfolgt.
5. Dudelfunk
kdholle 17.01.2011
Ich glaube die Sender haben garkeine 150 Musiktitel. Aber in Zeiten der Wirtschaftskrise (geringere Werbeeinnahmen) können sich die Sender nicht mehr soviel Musiktitel leisten. Ich wollte deswegen auch schon mal an Radio-NRW schreiben. Aber wegen einer Meinung werden die sich nicht von Ihrem Dudelfunk verabschieden. Also müßten viel mehr Personen schreiben.
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Heft 6/2010 Warum sich Studenten für die Ehe entscheiden

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Hochschulfunk: Von Nord bis Süd
Wo geht's denn hier in den Journalismus?
"Irgendwas mit Medien..."
DPA
Für viele Abiturienten und Studenten ist Journalist ein Traumberuf. Rechtlich darf jeder sich so nennen - das garantiert Artikel 5 des Grundgesetzes, die Pressefreiheit verbietet jede Reglementierung des Berufszugangs. In Deutschland gibt es rund 70.000 Journalisten, rund die Hälfte Freiberufler. Wer davon leben will, muss sein Handwerk lernen und beherrschen.
Der klassische Weg: Volontariat
Praxis pur verspricht das Volontariat - bei Zeitungen und Zeitschriften, in Online-Redaktionen, bei Radio und Fernsehen, privat oder öffentlich-rechtlich. Die Ausbildung dauert zwischen zwölf und 24 Monaten und ist meist durch Tarifverträge geregelt. Typischerweise fahren Volontäre Karussell: Sie durchlaufen verschiedene Ressorts ("Volo, du Amöbe, mach' du den Abendtermin!") und nehmen an Fortbildungen teil. Ein vorheriges Studium ist keine Pflicht - aber längst die Regel.
Der Königsweg: Journalistenschule
Viel Andrang, rare Plätze: Journalistenschulen sind ein Nadelöhr. Auch hier dominiert die Praxis. Es unterrichten gestandene Journalisten, in Praktika wird das Gelernte eingesetzt und ausgebaut. Die Ausbildung dauert in der Regel anderthalb bis zwei Jahre. Mal zahlen Journalistenschüler Gebühren, mal erhalten sie Geld.

Zu den wichtigsten Einrichtungen zählen die Henri-Nannen-Schule (Hamburg), die Deutsche Journalistenschule (München), die Berliner Journalisten-Schule, die Axel-Springer-Akademie und die Evangelische Journalistenschule (alle in Berlin). Die RTL-Journalistenschule (Köln) bildet speziell für TV-Berufe aus, die Electronic Media School (Babelsberg und Bremen) für Radio, Fernsehen und Internet. Die Holtzbrinck-Schule (Düsseldorf) und die Kölner Journalistenschule sind auf Wirtschaft spezialisiert.
Der Trampelpfad: Studium
Und wo bleibt die Theorie? Hier: Studiengänge in Journalistik oder Publizistik, Medien- oder Kommunikationswissenschaft gibt es an beinah jeder größeren Universität (siehe Hochschulkompass). Besonders bekannt sind die Journalistik-Studiengänge in Leipzig, Dortmund und München. Dort absolvieren die Studenten auch Pflichtpraktika - wer nur theoretisch weiß, wie eine gute Glosse entsteht, hat es schwer.

Was Chefredakteure der ganz alten Schule von den Absolventen halten? Sie rümpfen die Nase, rollen die Augen und raten: "Studieren Sie lieber etwas Handfestes, Jura oder BWL oder sogar Byzantinistik." Damit haben sie nicht unbedingt Recht, ein Medienstudium kann schon nahe an den Beruf heranführen. Trotzdem gehen Absolventen meist noch ins Volontariat oder in eine Journalistenschule - denn ein schickes Uni-Zeugnis allein beeindruckt im Journalismus niemanden. Erstklassige Arbeitsproben und sinnvolle Praktika schon.
Der Sonderweg: Rein ins Wasser, Schwimmen lernen
Was ebenfalls geht: Man wird Journalist, indem man's einfach ist - "Learning by doing" in Neudeutsch. Medienberufe sind offen für Autodidakten und Quereinsteiger mit krummen Biografien. Wer viel und gut schreibt, der findet auch seinen Platz. Praktika und Kontakte sammeln, sich als Experte für bestimmte Themen einen Namen machen, die Arbeit intelligent organisieren - und irgendwann fragt niemand mehr nach Ausbildung und Abschlüssen. Für das große Heer der freien Journalisten gilt das ohnehin, für Redakteursjobs nur bedingt. Da zählen bei der Einstellung auch formale Qualifikationen.

Der Test-Triathlon
Reuters; DPA
Jetzt kommt es knüppeldick: 50 Fragen zum Allgemeinwissen, 30 Fotos mit mehr oder weniger prominenten Menschen, dazu eine Textübung. Die Aufnahme an der Hamburger Henri-Nannen-Schule schafft nur, wer diesen Parcours mit Bravour absolviert. Schaffen Sie's?