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Studenten-Satire: "Minister Udo Corts bleibt unser Held"

Hessens Wissenschaftsminister mag nicht länger Politiker sein und will in die Wirtschaft wechseln. Dabei hat Udo Corts sogar einen "Fanclub". Im Interview erzählt Dirk Völlger vom Asta der TU Darmstadt, warum Studenten dem CDU-Minister satirisch huldigen und ihr "Idol" vermissen werden.

SPIEGEL ONLINE: Überraschend hat Udo Corts, strammer Befürworter von Studiengebühren, angekündigt, dass er Anfang 2008 alle politischen Funktionen aufgeben will. Auf Ihrer Fanclub-Homepage wird er als "unser Udo", als "Idol" und "charismatischer Held" bejubelt. Ist sein Rückzug nicht ein herber Schlag?

Dirk Völlger: Aber sicher. Als wir davon gestern per SMS erfahren haben, waren wir schwer geschockt. Immerhin haben wir gehofft, dass er bald noch höhere Studiengebühren einführt und ihn seine politische Karriere noch höher emporträgt. Und natürlich wollten wir ihn auch im hessischen Wahlkampf 2008 begleiten und unterstützen. Dass Udo Corts jetzt schnöde die Brocken hinwirft und seine Fans vor den Kopf stößt, macht uns sehr betroffen. Das müssen wir erst einmal verdauen.

SPIEGEL ONLINE: Corts hat die Campusmaut für Regierungschef Roland Koch durchgefochten und will in die Wirtschaft wechseln, sonst ist noch nichts bekannt. Wissen Sie als treue Anhänger mehr?

Völlger: "Udo tritt zurück und wird Frisör - Get your Cortshaarschnitt", haben wir auf der Webseite gemeldet und sogleich selbst dementiert - ein unzutreffendes, wenn auch schönes Gerücht. Wer weiß, vielleicht wird Corts tatsächlich mit einem kleinen Start-up bürgernah aktiv. Zuzutrauen wäre es ihm, er berechtigt ja zu den schönsten Hoffnungen.

SPIEGEL ONLINE: Wie konnte es überhaupt passieren, dass hessische Studenten sich zum "Udo-Corts-Fanclub" zusammenschlossen?

Völlger: Es begann vor gut einem Jahr bei einer feuchtfröhlichen Feier in der hessischen Landesvertretung in Berlin. Anschließend war Corts noch mit Asta-Mitgliedern auf dem Kudamm unterwegs - und hat sie durch seine heitere, souveräne Art so beeindruckt, dass spontan die Idee aufkam: Der Mann braucht einen eigenen Fanclub. Durch sein unermüdliches Eintreten pro Studiengebühren hat er uns darin bestärkt.

SPIEGEL ONLINE: Ist die Homepage nur ein Insider-Gag, oder gibt es dort auch Besucher?

Völlger: Ziemlich viele sogar, vor allem in den Spitzenzeiten des Protestes gegen die Campusmaut. Letzten Sommer haben täglich 3000 bis 4000 Besucher die besondere Form der Imagepflege für unseren Minister honoriert.

SPIEGEL ONLINE: Das Ministerium war nicht amüsiert. "Das geht sehr ins Persönliche, trifft den Minister und seine Familie", sagte ein Sprecher...

Völlger: Auch Corts selbst hat uns bei einem Treffen mit Asta-Mitgliedern vorgeworfen, es handele sich um einen ins Private gehenden Protest gegen Studiengebühren. Uns ist das ein komplettes Rätsel, das haben wir Corts auch gesagt: Auf der Fanclub-Seite wurden lediglich seine politischen Aktivitäten kommentiert, satirisch aufgearbeitet und seine Termine veröffentlicht. Ins Privatleben reicht das beim besten Willen nicht, seine Familie haben wir strikt 'rausgehalten.

SPIEGEL ONLINE: Die Veröffentlichung der "Tourdaten" hat zuverlässig dazu geführt, dass Corts stets von Gebührengegnern in Empfang genommen wurde. Geht es beim Fanclub nur um "kindische Proteste von Computerfreaks", wie Corts es nannte?

Völlger: Von einzigartiger Kompetenz bis zu unfassbarem Charisma kann man Udo Corts vieles nachsagen - was wir ja mit Vergnügen tun. Aber unter dringendem Humorverdacht steht er sicher nicht. Wir gehen überspitzt und provokant auf das Tagesgeschehen ein, nehmen den Minister auf die Schippe. Das ging bei seinen Terminen weiter: Wo immer er auftrat, wurde er über Monate gefeiert und bejubelt, seine Fans trugen Corts-T-Shirts und skandierten "Wir wollen den Udo sehen!". Was kann es für einen Politiker Schöneres geben? Seine Tourdaten sind allesamt öffentlich bekannt, natürlich wollen manchmal Bürger ihren Minister persönlich treffen. So ist das eben in einer Demokratie.

SPIEGEL ONLINE: Bei einem Beliebtheits-Ranking der Wissenschaftsminister, vom Deutschen Hochschulverband im März ausgerechnet am Geburtstag von Corts veröffentlicht, landete er ganz hinten. Verraten Sie uns, wir sagen's auch nicht weiter: Hatte der Fanclub da seine klebrigen Finger im Spiel?

Völlger: Das muss ich aber ganz energisch zurückweisen! Im Ernst: Wir haben weder aktiv eingegriffen noch dazu aufgerufen. Dass Udo Corts Klassenletzter wurde, muss mit seiner Politik zu tun haben.

SPIEGEL ONLINE: Zuletzt war auf der Hommage-Homepage nicht mehr viel los. Ist Ihnen der Satirestoff ausgegangen?

Völlger: Das liegt mehr daran, dass ich mitten in der Diplomphase stecke. Außerdem konzentrieren wir uns jetzt voll auf die studentische Verfassungsklage gegen Studiengebühren. Dafür brauchen wir landesweit genau 43.308 Unterschriften - über 40.000 sind es bereits, den Rest wollen wir bis Ende Mai sammeln. Für den Fanclub fehlte da die Zeit. Aber vielleicht ist diese Spielart der Politiker-Satire inzwischen auch etwas ausgereizt. Für uns war erstaunlich, wie schnell so ein kleines Experiment im Web groß werden und ein mediales Eigenleben entfalten konnte. Corts und seinen Mitarbeitern wollten wir die Homepage übrigens nicht zumuten und haben ihnen den Zugang gesperrt. Wer vom Ministerium aus auf unsere Seite will, sieht ein Fernsehtestbild mit dem Hinweis: "Unser Angebot können Sie nur nutzen, wenn Sie Ihren Beitrag von 500 Euro pro Semester überweisen."

SPIEGEL ONLINE: Bald ist Corts weg aus der Politik. Möchten Sie ihm gute Wünsche mitschicken?

Völlger: Wir werden Udo vermissen, er ist und bleibt unser Held. Wenn er in eine Wirtschaft wechselt, wird er mit seinen Begabungen sicher auch dort reüssieren und weniger fremdeln als im Ministeramt. Für seine berufliche Zukunft wünschen wir ihm mehr Fingerspitzengefühl im Umgang mit Öffentlichkeit und Presse - und noch mehr Humor als bisher.

Das Interview führte Jochen Leffers

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