Studenten-TV: Kochshow von Kochshow-Hassern

Von Verena Töpper

Sie finden das normale Fernsehprogramm grässlich. Also haben Hamburger Studenten ihre Wohnung zum Studio gemacht und produzieren eine eigene Show. Das Erfolgsrezept der "Konspirativen Küchenkonzerte": Fast alles ist erlaubt - Essen ausspucken und Stagediving inklusive.

Foto: Konspirativeküchenkonzerte

Im Wohnzimmer von Kerstin und Marco schläft ein Mann mit Pfefferspray in der Jackentasche. Zwei Nächte hat er schon bei ihnen verbracht, auf dem Boden, zwischen Kabeln und Klebeband-Markierungen, mit Blick auf die Decke. Dort hängt, was er bewachen soll. Scheinwerfer, mehrere tausend Euro teuer und von den beiden Kulturanthropologie-Studenten für drei Tage gemietet, inklusive Wachmann.

Mit den Scheinwerfern verwandeln sie ihr Zuhause in ein Fernsehstudio, an diesem Abend schon zum 18. Mal.

90 Quadratmeter ist ihre Zwei-Zimmer-Wohnung groß. Sie liegt im ersten Stock einer alten Farbenfabrik in Hamburg-Wilhelmsburg, im Boden sind Schienen eingelassen, mit dem Lastenaufzug kann man vom Wohnzimmer in den Keller fahren oder in die Büroräume im Dachgeschoss. Vor der Aufzugtür, wo sonst Tisch und Stühle stehen, haben die Studenten eine provisorische Bühne aufgebaut.


Acht Scheinwerfer sind darauf gerichtet, vier auf die leere Fläche davor, fünf auf die Küche. Sie steht frei im Raum, auf einem kleinen Podest, damit das Spülwasser besser abfließen kann. Gasherd, Spüle und Anrichte sind mit einer Mauer verkleidet, die Steine hat Marco Antonio Reyes Loredo, 31, aus seiner Heimatstadt Weimar nach Hamburg gekarrt.

In Weimar hat er auch die Küche ersteigert. Sie stand früher in der Kantine der Deutschen Bundespost. Jetzt ist sie der Mittelpunkt von Marcos Fernsehshow, den "Konspirativen Küchenkonzerten", einer Kochshow für Kochshowhasser. "Wir tun hier so, als ginge es ums Kochen", sagt Marco. Tatsächlich gehe es ihnen aber um nichts weniger als die Rettung des guten Geschmacks im Fernsehen.

Die Band wünscht sich ein Gericht, Marco kocht

Zu Beginn der Küchenkonzerte bestand die Crew nur aus ihm, seiner Freundin Kerstin, 31, die er im Seminar zum "Kulturthema Grillen" kennengelernt hatte, und acht Kommilitonen der Uni Hamburg, die von Castingshows und Musikfernsehen mit dem Klingelton-Werbetier "Crazy Frog" genervt waren. Film- oder Medienwissenschaften studierte niemand von ihnen. Mittlerweile gehören 35 Mitarbeiter zum Team, die meisten studieren in Hamburg oder Lüneburg und nutzen die Küchenkonzerte als Praxistest für eine Karriere als Kameramann, Regieassistent oder Produzent.

In jeder Sendung sind eine Band und ein Künstler zu Gast. Der Künstler gestaltet das Wohnzimmer von Kerstin, 31, und Marco, die Band heizt den Zuschauern ein und darf sich dafür ein Gericht wünschen, das Marco dann für alle kocht - live vor der Kamera. Heute spielen Egotronic, der österreichische Künstler Thomas Ehgartner hat sogenannte Baumpilze an die Wände gehängt, und zum Essen gibt es "irgendwas mit Lamm und Bohnen in Bioqualität".

Töpfe und Pfannen stehen schon auf dem Herd, Fleisch und Schokolade auf einem Beistelltisch. Marco bindet sich eine Schürze um und pustet zur Probe den Kochlöffel an. An seinem Stiel ist mit Klebeband ein Mikrofon befestigt. Dann werden die Zuschauer aus dem Keller geholt.

Dort unten stehen eine verschlissene Couch, eine antike OP-Lampe, ein riesiger Fernseher und ein noch größerer Kühlschrank. Hier sammeln sich die Gäste. Viele waren schon bei den ersten Küchenkonzerten dabei. Vor dem Kühlschrank bildet sich eine Schlange, weil alle noch schnell Bier und Limo mitnehmen wollen, dann stürmen 60 Menschen das Wohnzimmer. Ein rot-weiß gestreiftes Sperrgitter pfercht die Zuschauer zwischen Küche und Bühne.

Große Aufmerksamkeit für eine kleine Sendung

"Wir wollen euch tanzen sehen", brüllt Egotronic-Frontman Torsun ins Mikro. Die Menge tanzt, Marco schwingt sein Kochlöffel-Mikro, drei Kameramänner laufen hin und her, und nur Thomas Ehgartner sitzt leicht verloren auf einer Couch auf der Bühne. Was er mit seinen Baumpilzen ausdrücken wolle, fragt ihn schließlich Marco. Die Antwort geht im allgemeinen Durcheinander unter. Eigentlich ist sie auch egal. Denn Moderator und Gäste wollen jetzt nur eines: Musik hören.

Philosophiert wird später, beim Mario-Kart-Spielen im Keller. Da erzählt Torsun, wie lange er arbeitslos war und dass er seinem Label so dankbar sei, dass er sich dessen Logo gleich auf den Unterarm habe tätowieren lassen. Thomas Ehgartner darf nicht mitspielen.

Die Zuschauer bleiben oben in der Küche, sie sehen die Keller-Szene auf einem Fernseher. Ein zweites Interview im Lastenaufzug wurde schon vorher aufgezeichnet, das könne man dann in der fertigen Sendung im Internet sehen oder im Fernsehen, sagt Marco zu den Zuschauern. Ausgestrahlt wird "der heiße Scheiß", wie Marco sagt, auf den offenen Kanälen Tide TV, Okto.tv, Fisch TV "und anderen Sendern, die ähnlich sexy sind".

Trotz wenig attraktiver Sendeplätze wurden Marco und sein Team im vergangenen Sommer mit ihren Küchenkonzerten für den Grimme-Preis nominiert - als erste Sendung eines Bürgerkanals überhaupt.

Die zehn Tenöre ließ Marco abblitzen

Seitdem haben sie 25 neue Mitstreiter gewonnen, sie erhielten ein Stipendium für eigene Büros auf dem Gelände von Studio Hamburg, einen Transporter als Übertragungswagen und einen Praktikanten aus Marburg. Eine Produktionsfirma hat sich bei ihnen gemeldet, NDR und Radio Bremen, die zehn Tenöre und Regisseurin Geli Fuchs, die schon bei den Talkshows von Günther Jauch, Harald Schmidt und Reinhold Beckmann hinter der Kamera stand.

Die zehn Tenöre hat Marco abblitzen lassen, die Regisseurin nicht. Sie sitzt jetzt draußen im Hof im neuen Übertragungswagen und koordiniert die Kameras, ohne ein Honorar zu verlangen.

Das könnten die Studenten sowieso nicht zahlen. Denn die "Konspirativen Küchenkonzerte" sind eine Non-Profit-Sendung. Das Geld der wenigen Sponsoren reiche gerade so für Scheinwerfer-Miete und Essen und Trinken für die Gäste, sagt Kerstin. Von den offenen Kanälen bekämen sie keinen Cent, Eintritt von den Zuschauern wollten sie nicht verlangen - und auf ein Angebot eines öffentlich-rechtlichen Fernsehsenders warteten sie noch. "Bisher ist es leider bei Telefonanrufen geblieben", sagt Kerstin. Geli Fuchs hat dafür eine Erklärung; "Die Sender haben Angst vor der Anarchie." Gerade das Unperfekte sei das Schöne an den Küchenkonzerten.

Eingeladen wird, wer Kerstin und Marco zum Tanzen oder Nachdenken bringt. Gespielt wird, worauf die Band Lust hat. Das Wohnzimmer wird auch mal schwarz gestrichen und die Zuschauer dürfen Marcos Essen ausspucken und das Mobiliar zertrümmern. Gespuckt haben sie schon, zertrümmert noch nichts, zu Marcos Bedauern. "In 17 Sendungen ist nichts kaputt gegangen, das geht eigentlich gar nicht. Macht mal was!", hat er vor der Sendung den Zuschauern zugerufen.

Und nun sieht es fast so aus, als ob sein Wunsch in Erfüllung gehen würde. Frontman Torsun stürzt sich zum Stage Diving von der Bühne, wird von Händen zu Händen gereicht - und bleibt an der Wohnzimmerlampe hängen. Sie schwankt, Kerstin verzieht das Gesicht, doch dann ist auch schon alles vorbei, Torsun steht wieder auf der Bühne. Zur Stärkung bekommen nun alle Wraps gereicht mit "irgendwas mit Lamm und Bohnen", eine Wodkaflasche macht die Runde durch den Zuschauerraum, auf dem Boden verbinden sich Soßenklekse mit Bierlachen.

Macht nix, sagt Kerstin, später fahre ein Nachbar mit einer Kehrmaschine durchs Wohnzimmer.

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insgesamt 13 Beiträge
sincere 05.02.2011
ist nur eine neue Art der Hipster auf sich aufmerksam zu machen, mehr nicht.
ist nur eine neue Art der Hipster auf sich aufmerksam zu machen, mehr nicht.
Pyr 05.02.2011
Das sind ja total die ausgeflippten crazy Typen da in Hamburg! ALTER! Kommt Leute, heute machen wir mal so eine obermegageile kafkaeske Hornbrillen-Äktschn, so mit Küche und feschen Bands und ach, eigentlich hassen wir ja alle [...]
Das sind ja total die ausgeflippten crazy Typen da in Hamburg! ALTER! Kommt Leute, heute machen wir mal so eine obermegageile kafkaeske Hornbrillen-Äktschn, so mit Küche und feschen Bands und ach, eigentlich hassen wir ja alle Kochen, weiße was, scheiß drauf, haha, und dann dieser crazy frog ey, und immer diese Handyton-Werbung, denken die denn, wir sind alle total doof, oder was? scheiß Kaiptal ey! und danach brüllen wir der Kanzlerin "Yeeeeaahhh" zu, wenn sie auf dem Gänsemarkt ne' Rede hält, und dann hin zur Freezing-Äktschn da im Supermarkt, wurde bei Facetwitteraapipi angekündigt... voll geil, ey! Ach, ich mag Studenten... wirklich. Man kann durchaus schlimmere Dinge mit seinem Leben anstellen. Und es tut ja auch eigentlich keinem weh. Also nicht direkt jedenfalls.
bommelbaum 05.02.2011
oder befriedigt dich, was sonst so in der glotze läuft?
oder befriedigt dich, was sonst so in der glotze läuft?
realpirate 05.02.2011
Och Pyr, was klingen sie ermuedet - sollte das ihre spezielle art der altersweisheit, so mit taetschel auf dem kopf und 'lass se mal spielen'grinsen sein ? Funktioniert nicht wirklich. voll ungeil, eyh !
Zitat von PyrDas sind ja total die ausgeflippten crazy Typen da in Hamburg! ALTER! Kommt Leute, heute machen wir mal so eine obermegageile kafkaeske Hornbrillen-Äktschn, so mit Küche und feschen Bands und ach, eigentlich hassen wir ja alle Kochen, weiße was, scheiß drauf, haha, und dann dieser crazy frog ey, und immer diese Handyton-Werbung, denken die denn, wir sind alle total doof, oder was? scheiß Kaiptal ey! und danach brüllen wir der Kanzlerin "Yeeeeaahhh" zu, wenn sie auf dem Gänsemarkt ne' Rede hält, und dann hin zur Freezing-Äktschn da im Supermarkt, wurde bei Facetwitteraapipi angekündigt... voll geil, ey! Ach, ich mag Studenten... wirklich. Man kann durchaus schlimmere Dinge mit seinem Leben anstellen. Und es tut ja auch eigentlich keinem weh. Also nicht direkt jedenfalls.
Och Pyr, was klingen sie ermuedet - sollte das ihre spezielle art der altersweisheit, so mit taetschel auf dem kopf und 'lass se mal spielen'grinsen sein ? Funktioniert nicht wirklich. voll ungeil, eyh !
Atheist_Crusader 05.02.2011
Unabhängig was ich von der Sendung selbst halte... wurde es uns nicht als Kindern eingeimpft, es sei besser selbst was zu machen, als sich ständig nur zu beschweren wie schlecht es andere hinbekommen? ;)
Unabhängig was ich von der Sendung selbst halte... wurde es uns nicht als Kindern eingeimpft, es sei besser selbst was zu machen, als sich ständig nur zu beschweren wie schlecht es andere hinbekommen? ;)
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  • Samstag, 05.02.2011 – 15:56 Uhr
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