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Rat vom WG-Psychologen: Meine Mitbewohnerin nimmt Flüchtlinge auf

Flüchtlinge in Berlin im Hungerstreik: Muss die Mitbewohnerin Flüchtlinge in der Wohnung tolerieren? Zur Großansicht
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Flüchtlinge in Berlin im Hungerstreik: Muss die Mitbewohnerin Flüchtlinge in der Wohnung tolerieren?

Die Mitbewohnerin von Julia, 26, nimmt ohne Absprache Flüchtlinge auf und vergibt Haustürschlüssel. Julia will deshalb ausziehen, doch die Partnerin droht ihr. Was nun? WG-Psychologe Büter weiß Rat.

Wohngemeinschaften sind eine tolle Erfindung. Das einzig Lästige sind die Mitbewohner. Sie spülen nicht ab, leeren fremde Nutella-Gläser, haben lauten Sex und noch lautere Musikanlagen. Was tun?

WG-Krach war für Ludger Büter lange Alltag. Der Psychologe schlichtete im Auftrag des Kölner Studentenwerks Konflikte in Wohngemeinschaften. Auf dieser Seite lindert er den WG-Kummer der UniSPIEGEL-Leser. Schreibt uns, was euch in den Wohnwahnsinn treibt (wg-kummer@spiegel.de).

Julia, 26, schreibt:

Hallo Herr Büter!

Seit einem Jahr lebe ich in einer Dreier-WG in Berlin-Kreuzberg. Meine Mitbewohner sind eine 38-Jährige Frau, die Deutsch als Fremdsprache unterrichtet, und ein 26 Jahre alter Filmemacher. Das Zusammenleben funktioniert allerdings nicht besonders gut. Als am Oranienplatz einige Flüchtlinge in den Hungerstreik getreten sind, fing meine Mitbewohnerin an, Flüchtlinge zu uns in die Wohnung einzuladen, ohne das mit mir abzusprechen. Ich finde es richtig, schutzlosen Menschen zu helfen, aber ohne Regeln und eine zeitliche Begrenzung funktioniert so etwas nicht.

Irgendwann hat meine Mitbewohnerin sogar angefangen, Haustürschlüssel an Menschen zu vergeben, die ich gar nicht kannte und die dann häufig auch bei uns in der Wohnung waren, während sie weg war. Mit einem der Männer hat meine Mitbewohnerin schließlich eine Beziehung angefangen, der war dann plötzlich ständig da, wobei sie abstritt, dass er eingezogen ist - Miete hat er natürlich nicht gezahlt.

Zurzeit ist der Mann in Italien, weil er in Deutschland kein Asyl bekommen hat. Doch die beiden wollen heiraten, und er soll so bald wie möglich wieder bei uns einziehen, dann allerdings offiziell.

Ich will hier nicht mehr wohnen, das habe ich meiner Mitbewohnerin gesagt. Ich habe mit ihr vereinbart, dass ich noch meine Masterarbeit schreibe und dann ausziehe. Jetzt will sie aber auf einmal, dass ich mich vorher noch - wenn auch für kurze Zeit - als Hauptmieterin mit in den Mietvertrag eintragen lasse.

Die Hausverwaltung will eine Vertragsänderung jedoch nur billigen, wenn auch die Klausel zu den vorzunehmenden Schönheitsreparaturen geändert wird. Nach dem ganzen Auf und Ab im vergangenen Jahr habe ich nun Angst, dass ich auf den Schönheitsreparaturen alleine sitzen bleiben könnte, oder auch gar nicht so ohne Weiteres wieder aus dem Vertrag rauskomme.

Meine Mitbewohnerin hat mir angedroht, mich binnen zwei Wochen auf die Straße zu setzen, falls ich nicht in den Vertrag eintrete. Was soll ich tun, wenn ich nicht rechtzeitig eine neue Wohnung finde?

Viele Grüße, Julia

WG-Psychologe Ludger Büter antwortet:

Liebe Julia,

wie Sie selbst bereits schreiben, ist der Auszug aus der WG die Lösung des Konflikts; offen ist aber noch Ihr Vorgehen auf dem Weg dorthin. Was Sie tun können, hängt einerseits ab von der Zeit, welche Ihnen die Masterarbeit lässt, und andererseits von dem Aufwand, den Sie für Ihre Selbstbehauptung investieren wollen.

Auch aus psychologischer Sicht empfehle ich Ihnen sehr, einen bewährten Rechtsanwalt heranzuziehen, der die Rechtslage nach allen Seiten prüft und die Drohungen Ihrer Mitbewohnerin mit angemessener Deutlichkeit abwehrt.

Sie glaubt offenbar, unter der Flagge der Humanität alle Grenzen und Regeln Ihres Zusammenlebens sprengen zu können, sowohl die, welche dessen Intimität betreffen, als auch alles, was an Sicherheitsbedenken bei der Ausgabe des Wohnungsschlüssels an Fremde angezeigt wäre.

Mit Rücksicht auf den akuten Studienstress bietet sich an, den Rechtsanwalt den aktiven Teil der Auseinandersetzung bestreiten zu lassen und selbst möglichst wenig präsent zu sein in der WG oder im Kontakt mit der Mitbewohnerin. Das wäre die eher "stille", defensive Variante.

Unter der offensiven können Sie zum Beispiel die Hausverwaltung mit heftiger Beschwerde über das Treiben in der WG informieren, die diesem normalerweise aus vielen Gründen nicht tatenlos zuschauen sollte.

Gehen Sie indes Streitgesprächen aus dem Weg, denn: Was Sie Ihrer Masterarbeit und dem Abschluss des Studiums abringen, weist weit über die Dauer und Bedeutung dieses Konfliktes hinaus. Ein guter Jurist wird Ihnen helfen, einen möglichst schnellen Weg aus dem misslichen Wohnverhältnis zu finden. Danach können Sie sich wieder konzentriert dem zuwenden, was für Ihre nächste und weitere Zukunft wirklich wichtig ist.

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1. Unfassbar...
indy555 03.11.2014
Ich denke auch, der Wohnungseigentümer hat in dieser vertraglich widersprechenden Nutzung seines Eigentums ein Mitspracherecht und ein hohes Interesse, den ursprünglichen Vertragszustand wiederherzustellen. Leider ist es nicht kalt genug, da wirken eine zeitgleiche Reparatur von Heizungsanlage und Haustür Wunder.
2. Auf keinen Fall eintreten !
Hans_Kammerer 03.11.2014
Ich hoffe sehr, Julia, Du liest das hier und es ist noch nicht zu spät. Trete auf keinen Fall als Hauptmieterin in den Mietvertrag ein. Wenn Du, so wie jetzt, Untermieterin bei irgendwem bist, kannst Du jederzeit das Mietverhältnis mit der entsprechenden Frist kündigen. Sobald Du jedoch mit anderen Personen zusammen Hauptmieter bist, kannst Du nur noch mit diesen Personen gemeinsam kündigen. Verweigert einer dieser Personen die Zustimmung zur Kündigung, musst Du vor Gericht die Zustimmung zur Kündigung erstreiten. Kurzum, die Aktion Deiner Mitbewohnerin könnte den Zweck haben, Dich an diesen Mietvertrag zu knebeln und Dir auch etwaige Kosten für Renovierung etc. mit aufzubrummen. Tu das auf keinen Fall ! Geh im Zweifel zur Rechtsberatung der Studierendenschaft Deiner Uni oder wende Dich privat an einen Rechtsanwalt.
3. Nicht unterschreiben...
AxelSchudak 03.11.2014
es gibt keinen guten Grund, kurzfristig Hauptmieter zu werden - zumindest nicht für die Autorin. Und die Mitbewohnerin hört sich nicht nach einer Person an, mit der man sich gutmütig einigen kann. ich würde den Betreuer der Arbeit wg. einer Fristverlängerung ansprechen und sofort eine neue Wohnung suchen. Ob man dann über Meldungen an den Vermieter nachkachelt, ist charaktersache.
4. In meinen Augen alles Blödsinn
trimedial 03.11.2014
Ratschlag: sofort ausziehen und eine juristische Auseinandersetzung - sofern diese überhaupt eingeleitet wird - der Gegenseite überlassen. Ein vorübergehendes Zimmer, um die Masterarbeit zu schreiben, wird sich immer finden. Für mich ist der Fall so klar, dass ich nicht verstehe, wenn jemand daran auch nur einen Gedanken verschwendet.
5. Ihre Mitbewohnerin hat keine Chance
Rosenblüte 03.11.2014
Innerhalb von zwei Wochen auf die Straße setzen? Das soll sie versuchen; wenn sie das wirklich tut, würde ich die Polizei rufen. Dazu hat sie nämlich gar nicht das Recht. Kündigungsfrist ist mindestens drei Monate. Die Kündigung muss die Mitbewohnerin Ihnen auch erstmal schriftlich geben, damit die Kündigungsfrist beginnt. Darüber hinaus sind Sie während der Abschlussarbeit auch ein Härtefall, da würde auch ein Gericht einer Eigenbedarfskündigung widersprechen. Die Mitbewohnerin hat unter dem bestehenden Mietvertrag wahrscheinlich ganz und gar keine Möglichkeit, Sie vor Ende Ihrer Masterarbeit überhaupt legal aus der Wohnung herauszubekommen. Fragen Sie mal beim örtlichen Mieterverein nach; da gibt es Beratung durch Anwälte und Broschüren zum Thema. Bloß ja keinen neuen Vertrag unterschreiben!!!
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    Der Diplom-Psychologe schlichtete im Auftrag des Kölner Studentenwerks Konflikte in Wohngemeinschaften. Auf dieser Seite lindert er den WG-Kummer der SPIEGEL-ONLINE-Leser.

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