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Studentenbabys gegen Gebühr: "In meinem Bauch ist Platz"

Von Thule Möller

Eizellen mit den Genen einer attraktiven Studentin oder Akademikersperma, alles für 500 Euro - das verspricht die Webseite Studentenbaby.de. Mit dieser Satire-Aktion wollen Hamburger Studenten gegen Studiengebühren protestieren.

Weiblich, ledig und vor allem: "derzeit nicht schwanger" - so beschreibt sich Schauspielstudentin Marie S. auf der Internetseite www.studentenbaby.de. Marie ist eine der Hamburger Studentinnen, die sich seit dem 12. Februar online als angebliche Leihmütter anbieten. Mit den Worten "In meinem Bauch ist Platz" wirbt sie um Kunden, die ein Studentenbaby mit ihren Erbanlagen "erwerben" wollen. Ernst gemeint ist das Ganze nicht.

Studentenbaby.de: "Wir schenken Leben. Schenken Sie Zukunft."

Studentenbaby.de: "Wir schenken Leben. Schenken Sie Zukunft."

"Sie träumen von einem Kind - Wir haben die Lösung!" Damit lockt die Satire-Seite Studentenbaby.de. Eine Gruppe von Hamburger Studenten setzt auf Provokation und Täuschung. Nach dem Motto "Kind gegen Studiengebühr" posieren sie als angebliche Leihmütter und Samenspender: "Wir schenken Leben. Schenken Sie Zukunft."

Für 500 Euro stellen demnach Studentinnen ihren Körper als Gebärgefäß zur Verfügung, 500 Euro soll auch Akademikersperma kosten - das wäre übrigens ein sehr ordentlicher Lohn für leichte körperliche Arbeit, denn normale Samenbänke zahlen Studenten gerade mal ein Zehntel pro Schuss.

Die Geschäftsidee ist ein Gag - auch wenn die Initiatoren das so direkt nicht zugeben wollen. Sie tun so, als machten sie ernst. In Hamburg werben sie mit blauen Flugblättern, die auf den ersten Blick harmlos aussehen - ein Kind im Hasenkostüm, davor eine Blume. Auf der sorgfältig gestalteten Website stellen sich Studentinnen und Studenten mit Fotos vor, geben ihre Blutgruppe an, Körpermaße und den Intelligenzquotienten, obendrein "ethnische Herkunft und soziales Milieu".

"Mein Samen ist von Gott"

Das Versprechen lautet: "Studentenbaby.de garantiert eine reibungslose Kontaktvermittlung, professionelle medizinische Betreuung von Kunden und Studierenden und eine verantwortungsvolle Begleitung des Studentenbabys bis zu seiner Geburt."

Doch liest man zwischen den Zeilen, wird schnell klar, dass es sich um einen satirischen Protestakt handelt, etwa wenn Spender Gernot G. bekundet "Mein Samen ist von Gott." In den medizinischen Erläuterungen versuchen Macher den Anschein von Ernsthaftigkeit zu stärken, sagen aber zu den Hintergründen ohne Umschweife, es sei eine "im Rahmen einer künstlerischen Aktion geschaffene Plattform" als Protest gegen Studiengebühren.

Kunsthochschüler waren bei den Hamburger Boykottversuchen des letzten Jahres besonders aktiv und hartnäckig. Die vorgeblichen Samenspender und Leihmütter sind allesamt Studenten der Theaterakademie Hamburg. Wer genau sich dahinter verbirgt, wollen sie nicht preisgeben, sind telefonisch schwer zu erreichen, antworten auch erst nach langem Zögern auf E-Mails.

Der Domaininhaber ist einer der abgebildeten "Samenspender". Naheliegend, dass es sich bei den Kandidaten um die weiteren Initiatoren handelt - auch wenn Benedikt G., ein anderer "Samenspender", das dementiert. Er behauptet, er sei auf dem Campus angesprochen worden, weil er aktiv am Hamburger Gebührenboykott teilgenommen habe. Über die Urheber der Seite dürfe er keine Auskunft geben, das habe er vertraglich zugesichert, sagt er.

Anonym möchten die Protestler bleiben, weil "keine Einzelpersonen im Mittelpunkt stehen" sollen, sondern die "von Studentenbaby.de vertretenen inhaltlichen Aussagen". Auch in einem Telefongespräch mit SPIEGEL ONLINE wollte ein Student namenlos bleiben - "die Gruppe spricht, nicht der Einzelne".

Er will neuen Widerstand gegen die Campusmaut entfachen und dagegen protestieren, dass "Stipendien nur nach Leistung vergeben werden und soziale Gesichtspunkte keine Rolle spielen". Das Ziel bleibe die Abschaffung der Gebühren, denn positive Auswirkungen an den Hochschulen gebe es nicht: "Vielleicht ist das Klopapier ein bisschen weicher geworden, aber ansonsten spüren wir an der Uni von den Gebühren nichts."

Rothaarige mit grünen Augen gesucht

Falls Studentenbaby.de ernsthaft beabsichtigen würde, Kinderlosen zum Kinderglück zu verhelfen, gäbe es ein großes Problem: das Gesetz. Leihmutterschaften und auch deren Vermittlung sind in Deutschland verboten. Im Januar 1991 trat das Embryonenschutzgesetz in Kraft. Es untersagt aus ethischen Gründen jegliche Formen von Leihmutterschaften, die als Straftaten mit Geld- oder Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren geahndet werden.

Völlig abwegig ist die Idee der zornigen Anti-Gebühren-Aktivisten indes nicht. Denn in anderen Ländern sieht die Gesetzeslage anders aus, und das Geschäft mit unfruchtbaren Paaren ist lukrativ: So boomt an US-Universitäten der Markt mit Eizellen-Spenden. Je intelligenter und attraktiver die Spenderin, desto mehr zahlen die kinderlosen Kunden. Der Campus eignet sich besonders gut zur Rekrutierung potenzieller Spenderinnen. Angesichts der Mondgebühren von US-Unis wachsen vielen Studentinnen die Schulden über den Kopf, das macht sie empfängnisbereit für solche Lockangebote.

So versprach die kalifornische Agentur "A Perfect Match" per Annonce in College-Zeitungen Spenderinnen, dass unfruchtbare Paare auf der Suche nach dem maßgeschneiderten Baby bis zu 50.000 Dollar zahlen – für eine Eizellen-Spende. Von den Schattenseiten war nicht die Rede: etwa von körperlichen oder emotionalen Langzeiteffekten, möglichen Nebenwirkungen oder Infektionen.

Studentenbaby.de hat den Katalog in den letzten Tagen um einige Leihmütter und Samenspender erweitert. Angeblich gibt es auch schon "erste konkrete Kundenanfragen": Gesucht werde zum Beispiel eine "rothaarige Leihmutter mit grünen Augen"; auch ein Samenspender sei schon vermittelt worden. Ob's stimmt? Eher unwahrscheinlich. Doch Aufsehen erregen die Studenten mit ihrer satirischen Protestaktion in jedem Fall.

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