Wohnheimplatz-Lotterie: "Wir werden viele enttäuschen müssen"

Von Marian Schäfer

Schlafen im Wohnmobil der Eltern? Für Studentin Lucia und 750 weitere Erstsemester war eine Wohnheimplatzverlosung in München die letzte Chance auf ein günstiges Zimmer. Bei nur 150 Restplätzen gingen die meisten leer aus - Lucia aber hatte großes Glück.

Studenten auf Wohnungssuche: "Meine Eltern haben ein gutes Wohnmobil" Fotos
Marian Schäfer

Eine Stunde vor Annahmeschluss ist die Schlange der Hoffnung noch über hundert Meter lang. Gut 750 Erstsemester aus ganz Deutschland reihen sich im oberen Stock der Mensa an der Münchner Leopoldstraße ordentlich auf, das ausgefüllte Los in der Hand: Name, Heimatort, Studienort, Studiengang.

Im Kriechgang geht es voran, immer der Beschilderung nach, bis zu den Glücksfeen des Studentenwerks. "Hier: Abgabe der Verlosungskarten", steht auf einem hölzernen Aufsteller.

150 Wohnheimplätze in ganz München gibt es hier und heute zu gewinnen, von der Bleibe in einem Hochhaus auf einer Etage mit 20 Zimmern und Gemeinschaftsbad bis zum kleinen Apartment. Die monatliche Miete beträgt dann zwischen 170 und 300 Euro - Schnäppchenpreise in einer der teuersten Uni-Städte Deutschlands.

Wohnungsbesichtigungen zum Reinprügeln

In München ist die Verlosung ein alljährliches Ritual, weil das Studentenwerk Plätze für diesen einen Tag aufspart, die dann bei der Verlosung vergeben werden. So haben Studenten, denen erst kurzfristig ein Studienplatz zugesagt wurde, drei Wochen vor Semesterbeginn noch eine Chance auf ein günstiges Zimmer. Allerdings zeigt die Verlosung, wie angespannt der Mietmarkt in der süddeutschen Großstadt ist.

Die Studenten jedenfalls, die sich in der Warteschlange vorwärtsschieben, sind glücklich über die Gelegenheit: Die Wahrscheinlichkeit, ein Zimmer zu kriegen, ist mit etwa eins zu vier vergleichsweise gut. Julia Eilenberger, 18, bekam Anfang September die Zusage für einen Studienplatz in Medizin. "Eigentlich würde ich gerne in einer WG wohnen, aber ich habe das Ganze wohl unterschätzt", sagt sie. Mit Anrufen kam sie oft nicht durch, schriftliche Anfragen blieben unbeantwortet. Diejenigen, die antworteten, berichteten ihr von 200 und mehr Anfragen. Dann erlebte Julia Massen-Castings: "50 Leute bei einem einzigen Besichtigungstermin. Da musste man sich reinprügeln." Jetzt ist sie noch einmal vom Bodensee gekommen, um ihr Los-Glück zu versuchen.

50 Anfragen, drei Antworten

Dass beim Studentenwerk über 5000 Studenten auf der Warteliste stehen, wundert daher kaum. "Ich habe vor allem über Internetportale gesucht", sagt Nicolai Hans, 21, der aus Konstanz gekommen ist. "Auf 50 Anfragen kamen drei Antworten." Auch Lucia Senftl, 18, hat sich längst einen Plan B zurechtgelegt: "Meine Eltern haben ein gutes Wohnmobil. Es gibt drei Campingplätze, die in Frage kommen", sagt Senftl, die aus Schönberg bei Mühldorf angereist ist.

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Dass Studenten wirklich auf dem Campingplatz überwintern, wird wohl die Ausnahme sein. Doch während das Studentenwerk überall in der Stadt darum wirbt, dass Privatpersonen noch das kleinste Zimmer günstig untervermieten sollten, werden für viele Erstsemester Notlösungen wahrscheinlicher: Der Studienstart auf dem Sofa des entfernten Bekannten, Zwischenmiete. "Zur Not fahre ich erst einmal jeden Tag", sagt der 19-jährige Felix Fischer aus dem 100 Kilometer entfernten Garmisch-Partenkirchen. Dann wäre er vier Stunden am Tag unterwegs, rechnet Felix vor.

Neben den letzten Studenten, die ihre Lose abgeben, stehen auch immer wieder Eltern. Sie müssen ihren minderjährigen Kindern im Falle eines Gewinns den Mietvertrag unterschreiben. "Ich bitte die Eltern, den Raum zu verlassen und Platz zu machen", sagt eine Mitarbeiterin des Studentenwerks, bevor ihr Chef ausspricht, was gleich passieren wird: "Wir werden viele enttäuschen müssen."

Für die Leute vom Studentenwerk allerdings keine neue Erfahrung: Zwar liege die "Abdeckungsquote" bei rund elf Prozent, 8862 Wohnplätze stehen in München für über 100.000 Studenten zur Verfügung. Das sei rekordverdächtig gut, erklärt ein Studentenwerkssprecher. Aber im Vergabealltag heißt die schlechte Nachricht nach einer Bewerbung meist: Wir haben leider kein Zimmer, sondern nur einen Wartelistenplatz für Sie.

"Wohl meine einzige Chance"

Es ist still im Essenssaal, eine Lostrommel gibt es nicht, die Glücksfeen bringen stattdessen dicke schwarze Mappen herein. Die Verlosung erinnert an die Zeugnisvergabe bei Abiturfeiern: Namen werden aufgerufen, Glückwünsche verteilt, Hände gedrückt, Verträge unter dem Applaus der anderen entgegengenommen.

Auf einmal gibt es wenige Gewinner und viele Verlierer. Julia Eilenberger und Nicolai Hans sind darunter, er setzt jetzt auf Zwischenmiete. Jonas Klein, 19, der mit einem Würzburger Freund eine WG gründen wollte und auf 100 Wohnungsanfragen sechs Antworten bekam, geht ebenfalls leer aus. "Die Ansprüche waren anfangs höher und sind jetzt schon stark runtergegangen", sagt er.

Lucia Senftl hingegen muss nicht in den Campingwagen ihrer Eltern ziehen. Sie hat ein Einzelzimmer gewonnen, zehn Quadratmeter, 280 Euro Miete. Bad- und Küchen teilt sie sich mit ihren Mitbewohnern in einem Haus des Studentenwerks, weit weg von ihrer Uni. "Aber man darf nicht wählerisch sein", sagt sie.

Auch Marie-Christin Schilloks, 20, gehört an diesem Tag zu den Gewinnern: Eine Unterkunft auf einer 20-Zimmer-Etage, 285 Euro Miete. Zuletzt hatte die Flensburgerin sich ein 18-Quadratmeter-WG-Zimmer angeschaut - nette Leute, 570 Euro Miete, 200 Interessenten: "Das hier war wohl meine einzige Chance."

Fakten zu Studentenwohnheimen
Deutschlands längste Wartelisten
In München warten gut 5000 Studenten auf einen Wohnheimplatz - doch auch in Karlsruhe ist die Lage angespannt, hier ist die Warteliste sogar 5200 Studenten lang. In Heidelberg warten gut 4000 Studenten. In Hamburg hoffen derzeit gut 2400 Studenten auf eine günstige Studentenwerksbude, in Frankfurt am Main sind es 1200. Ein neuer Hotspot ist Berlin: Dort gab es lange Zeit so günstige WGs und Wohnungen, dass das Studentwerk keine Warteliste brauchte. Stand Wintersemster 2012/2013: Die Liste ist 880 Bewerber lang.
Wie viele Plätze gibt es eigentlich?
Bundesweit gibt es zurzeit 228.500 öffentlich geförderte Wohnheimplätze, die im Durchschnitt 215 Euro kosten. Das Deutsche Studentenwerk, das der Träger von etwa 181.000 dieser Plätze ist, fordert schon lange 25.000 Plätzen mehr und überlegt, diese Zahl angesichts steigender Studentenzahlen zu erhöhen. Im Wintersemester 2011/12 waren knapp 2,4 Millionen Studenten eingeschrieben, eine durchschnittliche Abdeckungsquote von gut zehn Prozent.
Welche Stadt hat die meisten Wohnheimwohner?
Zwar führen laut Deutschem Studentenwerk Baden-Württemberg (3000) und Bayern (2500) die Rangliste beim Neubau und bei der Neuplanung von Wohnheimplätzen an. Was die Abdeckungsquote (Stand: Winter 11/12) anbelangt, liegen Sachsen mit 14,2 Prozent und Thüringen mit gut 14 Prozent aber vorne. Schlusslichter sind Bremen mit 6,4 Prozent und Berlin mit 6,6 Prozent.
München verlost Plätze - wer noch?
In der Regel gehen Studentenwerke bei der regulären Vergabe nach dem Zeitpunkt der Bewerbung – wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Außerdem gilt: Bewerber vom Studienort haben wenige Chancen. Ausländische Studenten, Schwangere, Menschen mit Behinderungen werden bevorzugt, auch der finanzielle Hintergrund ist wichtig. Dennoch kommen Verlosungen vor – in Augsburg, Bayreuth, Bonn oder Hamburg beispielsweise, wo es eine Restplatzbörse gibt. Die genauen Infos zur Wohnungsvergabe sind in aller Regel online auf den Seiten der Studentenwerke zu finden.

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insgesamt 32 Beiträge
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1.
spiegelklammer 24.09.2012
Warum will dieser Staat eigentlich immer mehr Leute zum Studieren bewegen, wenn er nicht mal in der Lage ist angemessenen Wohnraum für die jetzigen Studenten bereitszustellen. Traurig, traurig. Noch schlimmer finde ich, dass sich damit so manche eine goldene Nase verdienen können, indem sie jeden Abstellraum mit Platz für ein Bett vermieten können.
2. Verknappung hat auf jeden Fall eine preistreibende Wirkung
neanderspezi 24.09.2012
Eins ist merkwürdig, dass sich im Bericht keine Aussage finden lässt, die auf die Ursachen für die Verknappung von bezahlbarem Wohnraum für Studenten hinweist. Dabei wäre es vielleicht nicht schwierig zu erkennen, dass die Möglichkeit Quadratmeterpreise von über 20 Euro in Universitätsstädten ohne Schwierigkeit realisieren zu können, unversehens einen ganzen Rattenschwanz von Bereicherungswilligen anziehen und auch Bürger, die noch eine ungenutzte Besenkammer in der Rückhand haben ein eurotisches Glitzern in die Augen zwingt. Lieb Student magst ruhig sein, diese Verknappung ist gewollt und wird auf vielfache Art gefördert, man höre nur bei Gelegenheit einen aufgeweckten Vermieter über die gewinnträchtigen Möglichkeiten der Wohnraumvermietung an Studenten dozieren und verächtliche Bemerkungen bezüglich der Notlage dieser sich abstrampelnden Mietzins-Zuträger unter vorgehaltener Hand süffisant mit gleichgepolten Nutznießern austauschen.
3. Oha
ron_ben_david 24.09.2012
Mensch, ich bin begeistert. Diese Preise sind ja extrem günstig: (...) ein Einzelzimmer (...), zehn Quadratmeter, 280 Euro Miete. Oder: (...) ein 18-Quadratmeter-WG-Zimmer (...) 570 Euro Miete. 570€ für 18qm? Ein bisschen realitätsfremd ist das aber schon! :O
4.
sprücheklopferklopfer 24.09.2012
Manche könnten etwas weiter denken... Den Stundenplan besser legen, zb auf 1-2 Tage die Woche und dann Pendeln, entweder fahren und 1 Pensionszimmer etc...bin auch über ein Jahr von München nach Salzburg problemlos gefahren, alles auf einen Tag gebündelt gehabt... Oder halt etwas weiter rausziehen, als in Schwabing zu bleiben....oder etwas mehr arbeiten... Aber kurzdenken ist wohl angesagt!
5. Jaja
zickezackehoihoihoi 24.09.2012
Zitat von neanderspeziEins ist merkwürdig, dass sich im Bericht keine Aussage finden lässt, die auf die Ursachen für die Verknappung von bezahlbarem Wohnraum für Studenten hinweist. Dabei wäre es vielleicht nicht schwierig zu erkennen, dass die Möglichkeit ......
die bösen Vermieter. Investieren ein Schweinegeld und wollen dann auch noch, dass sich das rechnet. Unglaublich das.
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Rangfolge der Hochschulstädte nach der Höhe der monatlichen Ausgaben für Miete und Nebenkosten
Rang Standort Ausgaben für Miete*
1 Köln 359
2 München 358
3 Hamburg (ohne Uni Hamburg) 351
4 Düsseldorf 338
5 Frankfurt-a.M. 337
6 Mainz 327
7 Konstanz 327
8 Darmstadt 322
9 Berlin 321
10 Wuppertal 318
11 Heidelberg 314
12 Ulm 313
13 Duisburg 311
14 Bonn 309
15 Bremen 308
16 Freiburg 307
17 Stuttgart 306
18 Münster 305
19 Tübingen 304
20 Aachen 304
21 Mannheim 302
22 Braunschweig 302
23 Potsdam 301
24 Karlsruhe 300
25 Hannover 299
26 Regensburg 295
27 Marburg 294
Gilt für Standorte, für die Angaben von mindestens 50 Studierenden vorliegen; *einschließlich Nebenkosten (Bezugsgruppe "Normalstudent", arithm. Mittelwert in Euro)

Quelle: DSW/HIS 20. Sozialerhebung

...und die Plätze 28 bis 54
Rangfolge der Hochschulstädte nach der Höhe der monatlichen Ausgaben für Miete und Nebenkosten
Rang Standort Ausgaben für Miete*
28 Oldenburg 292
29 Bochum 290
30 Kiel 290
31 Siegen 289
32 Augsburg 289
33 Trier 289
34 Saarbrücken 288
35 Passau 288
36 Bamberg 286
37 Rostock 282
38 Greifswald 281
39 Osnabrück 280
40 Gießen 279
41 Göttingen 277
42 Würzburg 277
43 Kassel 277
44 Bayreuth 275
45 Bielefeld 274
46 Kaiserslautern 268
47 Hildesheim 262
48 Jena 260
49 Magdeburg 253
50 Leipzig 251
51 Halle 249
52 Erfurt 248
53 Dresden 247
54 Chemnitz 211
Gilt für Standorte, für die Angaben von mindestens 50 Studierenden vorliegen; *einschließlich Nebenkosten (Bezugsgruppe "Normalstudent", arithm. Mittelwert in Euro)

Quelle: DSW/HIS 20. Sozialerhebung


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