Studentin beim Parabelflug: Miss Schwerelos

Aus Bordeaux berichtet Jens Radü

Forschen im Sturzflug: Für ein Uni-Experiment wagt sich die 24-jährige Christina in ein Parabel-Flugzeug. Zwischen schwerelosem Flickflack sucht sie die wissenschaftliche Erkenntnis - zumindest solange die Spritze gegen Übelkeit wirkt.

Esa

Christina dreht sich eine Zigarette. Es ist schon die zweite an diesem Morgen, dabei raucht Christina normalerweise gar nicht so viel. Normalerweise. Doch die Maschinenbau-Studentin ist nervös. Und die Gespräche in der Raucherecke tragen nicht gerade dazu bei, sie zu beruhigen: "Die Amis haben ja in den Siebzigern mal einen Jet versenkt", erzählt der bärtige Professor neben ihr lachend und zieht an seiner Zigarette. "Die haben versucht, die Schwerelosigkeit möglichst lange auszudehnen und haben es dann eben etwas übertrieben. Naja, so sind immerhin einige Uni-Stellen frei geworden."

Christina, 24, ringt sich ein Lächeln ab. Morgen schon soll sie selbst in einen solchen Jet steigen, einen umgebauten Airbus A300 der französischen Firma Novespace, 116 Tonnen schwer, spezialisiert auf Parabelflüge. 30 Mal werden die Piloten die Maschine im steilen Winkel in die Luft jagen und dann die Triebwerke drosseln. Für die Insassen ein Achterbahnerlebnis über den Wolken: Erst werden sie mit der doppelten Erdbeschleunigung an den Boden gedrückt, dann sind sie für eine halbe Minute schwerelos.

Und das alles wegen zwei Zentimetern. So groß könnte der Wassertropfen werden, der bei dem Experiment von Christinas Team der Universität Darmstadt in der Schwerelosigkeit entsteht. "Wir untersuchen das Strömungsverhalten von Wassertropfen auf porösen Oberflächen", erklärt Christina und streicht sich eine dunkelblonde Haarsträhne aus der Stirn.

Jagd auf den Riesentropfen

Auf der Erde lassen sich wegen der Erdanziehungskraft nur Zwei-Millimeter-Winzlinge erzeugen. In der Schwerelosigkeit hingegen können Wassertropfen deutlich größer werden. "So können wir den Maßstab vergrößern und genauer beobachten, was mit den Tropfen auf unterschiedlichen Materialien passiert", erklärt Christina.

Wenn sie vom Experiment erzählt, wird sie schnell sehr sachlich. Bis ins Detail kann sie den Ablauf herunterbeten. Schließlich hat sie das Experiment mit ihrer ersten Studienarbeit vorbereitet. Ihr Betreuer, Andreas Lembach, kommt gerade aus dem schlichten Container-Gebäude von Novespace, das an den Flughafen Bordeaux grenzt. Christina drückt die Zigarette aus, es gibt Arbeit.

Sicherheitsabnahme der Experimente an Bord: Christina und Andreas kauern im Bauch des Airbus neben einer Plexiglasbox, ein Mitarbeiter von Novespace inspiziert die Konstruktion. Tropfengenerator, Laptop, Videokamera - alles musste Andreas fest verschrauben, scharfe Kanten sind mit silberfarbenem Klebeband überklebt, damit sich im schwerelosen Durcheinander niemand verletzen kann.

Christina wird die durchlöcherten Plexiglasscheiben austauschen, für jede Versuchsreihe einmal. Um in der Schwerelosigkeit nicht wegzudriften, muss sie sich mit roten Gurten am Boden festschnallen. "Das ist ganz schön unbequem, ich glaube, ich muss die ganze Zeit über knien und den Kopf verdrehen", sagt sie. Die Sicherheitsleute haben keine Einwände, grünes Licht.

Pille oder Spritze

14 Experimente sollen bei dieser Parabelflug-Kampagne der Europäischen Raumfahrtagentur Esa mitfliegen. Es geht um Zellkulturen, Staubteilchen und Nanopartikel. Doch Christina wirkt abwesend, als die Teams am Nachmittag ihre Versuche im schlecht belüfteten Hörsaal vorstellen. Auch noch, als Vladimir das Mikrofon in die Hand nimmt.

Vladimir ist bei Novespace der Flugkoordinator, hat schon mehr als 5000 Parabeln hinter sich und den Ruf, Neulingen gern Angst einzujagen. "Ganz wichtig: Ihr müsst die Kotztüte erst aufmachen, bevor ihr sie schließt, ok?", witzelt der tiefgebräunte Franzose. Der Saal lacht, Vladimir grinst, Christina guckt gequält. "Ich weiß nicht, ob ich die Pille oder die Spritze nehmen soll", sagt sie.

Es geht um Scopolamin. Das Medikament, das in den fünfziger Jahren auch als Wahrheitsserum verwendet wurde, dämpft den Brechreiz und wird deshalb allen Erstfliegern als Injektion empfohlen. "Aber eine Kollegin von mir ist von der Spritze in Ohnmacht gefallen", sagt Christina.

Der bärtige Professor zwei Reihen hinter ihr beschwichtigt auf seine Art. "Früher haben sie gegen die Müdigkeit zusätzlich noch Amphetamine gegeben. Vor zwei Jahren haben sie damit aber aufgehört, wegen dem Betäubungsmittelgesetz", sagt er und grinst. Vorn ergreift der Flugarzt das Mikrofon und gibt letzte Tipps: "Kein Alkohol heute Abend und nur ein leichtes Abendessen. Und beim Flug immer leicht die Bauchmuskeln anspannen, dann wabbeln die Gedärme im Bauch nicht so herum." Das mit dem leichten Abendessen fällt Christina nicht schwer.

Bloß nicht den Kopf bewegen!

Für eine Zigarette ist jetzt keine Zeit mehr. Christina steht in der Schlange vor dem Arztzimmer, noch eine Stunde bis zum Start. Alle tragen bereits die sackartigen blauen Overalls mit dem Esa-Logo, die mit den vielen Reißverschlusstaschen, weil sonst nachher alles herumfliegt. Christina hat sich nun doch für die Spritze entschieden. "Aber ich soll nur die halbe Dosis bekommen, ich hoffe, das reicht trotzdem", sagt sie. Ihr Betreuer Andreas beruhigt sie. Er fliegt schon zum zweiten Mal mit und macht sich mehr Sorgen um das Experiment als um die Kotztüte, die zuvor jedem ausgehändigt wurde.

Dann ist Christina an der Reihe. Das Scopolamin lässt sie sich in den Bauch spritzen. Ihr wird etwas schwindelig, als sie die Gangway zum Airbus hochsteigt und sich neben Andreas anschnallt. Die Lautsprecher knacken, der Pilot nuschelt eine kurze Begrüßung und reißt im nächsten Moment die Maschine in den Himmel.

Christina wird in den Sitz gedrückt, der Jet steuert die Südküste Frankreichs an. "Ist ja gut, dass ich gleich am ersten Tag fliege", sagt Christina. "Aber im Moment wäre ich einfach froh, wenn ich nicht von der Spritze umkippe."

"Pull up", tönt es aus dem Lautsprecher, der Pilot geht über dem Atlantischen Ozean in den Steigflug über. Im 47-Grad-Winkel weist die Nase des Airbus nach oben, auf allen lastet jetzt die zweifache Erdbeschleunigung. Jetzt bloß nicht den Kopf bewegen, sonst spielt der Gleichgewichtssinn verrückt. Christina sitzt im Schneidersitz im "Freefloat"-Bereich, der mit Netzen abgeteilt ist, und fixiert den gepolsterten Boden. Noch fünf Sekunden, drei, zwei. "Injection", meldet der Pilot, und plötzlich löst sich das tonnenschwere Blei, das gerade noch durch die Adern zu fließen schien, in Luft auf: Christina schwebt.

Vladimir von der Sicherheits-Crew wirbelt sie ein paar Mal hin und her wie eine Puppe, ihr schulterlanges Haar tanzt um ihr Gesicht. "Open your eyes", fordert er sie auf, Christina öffnet die Augen und lacht. Vergessen die Nervosität, vergessen die Kotztüte in der Seitentasche, vergessen die Horrorgeschichten des bärtigen Professors. "20, 30, Pull out", krächzt der Lautsprecher, und Vladimir drückt Christina zurück auf den Boden, damit sie nicht zu tief fällt, wenn wieder die doppelte Erdbeschleunigung auf sie wirkt. Christina lächelt noch immer, als sie sich zwischen den übrigen Experimenten zu Andreas und dem Tropfen-Experiment zurückschlängelt.

Elf Minuten Schwerelosigkeit

"Das hat echt Spaß gemacht", sagt sie. "Jetzt muss ich aber arbeiten. Die ersten Parabeln hatte ich noch frei, um mich an die Schwerelosigkeit zu gewöhnen." Sie schlüpft in die grünen Handschuhe und wechselt die gelöcherte Plexiglasscheibe aus, auf die der übergroße Tropfen in der Schwerelosigkeit treffen soll.

Schon nach einigen Minuten wird das regelmäßige Schweben zur Routine - schlecht ist Christina kein bisschen. Ihr Betreuer Andreas allerdings ist nach 30 Parabeln etwas blass um die Nase. "Da musste dann doch mal die Tüte herhalten, aber der Tropfen ist da, wo er hin soll, und das war ja der kritische Punkt."

Der Pilot setzt zum Landeanflug an, Christina streift die Gummihandschuhe ab. Gigabyteweise Daten haben die beiden gesammelt, bei jedem Versuch filmte die Hochgeschwindigkeitskamera mit. Die Auswertung wird dauern: Zurück im hessischen Darmstadt, werden sie die Messreihen untersuchen und auch mit den Ergebnissen von Christinas Studienarbeit vergleichen.

"Jetzt bereue ich es fast schon, dass ich nur heute mitfliegen darf", sagt sie und hüpft die letzten Stufen der Gangway hinunter. Sie ist nicht umgekippt, ihr ist nicht schlecht geworden, insgesamt elf Minuten lang schwebte sie schwerelos in der Luft. Darmstadt ist gerade ganz weit weg.

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