Studentin Marina Weisband: Offenherzige Ober-Piratin

Von Guido Kleinhubbert

Sie twittert Intimes, singt bei YouTube, stellt private Fotos ins Netz und Offenheit ist ihr Programm. Die Psychologiestudentin Marina Weisband ist Geschäftsführerin der Piraten. Sie lebt vor, was ihre Partei fordert - Transparenz. Kann das gutgehen?

Marinas Lippen sind mit Blut beschmiert. Da ist Marina schon wieder, umgeben von leichenblass geschminkten Gesichtern, sie steht auf Vampire. Marina knotet sich aus dem Hemd ihres Freundes eine Art Cocktailkleid für die nächste Party um den Leib. Marina trägt schüchtern ein Liebeslied vor, begleitet sich auf der Gitarre. Marina trinkt ihren Kaffee mit vier Stück Süßstoff und einer halben Tasse Milch.

Fotos, Tweets, YouTube-Filmchen - in wenigen Minuten hat man sich tief reingegoogelt ins Privatleben von Marina Weisband, 24 Jahre alt, Psychologiestudentin aus Münster. Vielen gefällt, was sie da sehen. "Wieso müsst ihr Frauen aus dem Osten eigentlich immer so umwerfend sein?", schwärmt einer der YouTube-Zuschauer.

Marina Weisband, in der Ukraine geboren und 1994 als Aussiedlerin nach Deutschland gekommen, hat Tausende Spuren im Netz hinterlassen, und es kommen jeden Tag neue hinzu. Neben ihrem Blog und einem Twitter-Konto unterhält sie eine eigene Website. Darauf: selbstgemalte Bilder, selbstverfasste Kurzgeschichten. Die Hobby-Künstlerin, Hobby-Autorin, Hobby-Musikerin und begeisterte Rollenspielerin mit dem Pseudonym "Afelia" macht kein großes Geheimnis aus ihren Gedanken und Gefühlen. Sie lebt seit Jahren vor, was ihr neuer Arbeitgeber einfordert: Transparenz.

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Seit Mai dieses Jahres ist Marina Weisband politische Geschäftsführerin der Piratenpartei und damit wichtige Repräsentantin einer Vereinigung, die vor knapp drei Monaten mit unglaublichen 8,9 Prozent der Wählerstimmen ins Berliner Landesparlament einzog. Wäre jetzt Bundestagswahl, bekämen die Piraten laut Meinungsforschungsinstituten sieben Prozent der Stimmen. Weit mehr als die FDP. Marina hätte damit realistische Chancen auf einen Sitz im Bundestag. Sie könnte sogar in einer Regierungsfraktion landen: Piraten-Chef Sebastian Nerz hat angekündigt, dass seine Partei im Fall eines Wahlerfolgs im Bund für Koalitionsgespräche zur Verfügung stünde.

"Ich will offen und ehrlich sein"

Müsste Weisband jetzt nicht viel stärker trennen zwischen Marina, der Studentin mit einer Leidenschaft für Vampire, und Frau Weisband, dem Bundesvorstandsmitglied mit Aussicht auf eine Karriere in Berlin? Kann sie weiterhin über ihre Unterleibsschmerzen twittern? Ihre Einkaufsgewohnheiten? Ihre Kinderpläne? Macht sie sich damit nicht angreifbar? "Mir egal", sagt sie, "ich will den Menschen zeigen, wie ich bin und was bei mir privat so abgeht. Ich will offen und ehrlich sein."

Ein Montagnachmittag im November. Marina öffnet die Tür zu ihrer Wohnung: Zwei-Zimmer-Küche-Bad im Studentenviertel am Hafen, etwa 60 Quadratmeter, die sie sich mit ihrem Freund Marcus teilt. Sie hat Marcus in ihrem Vampir-Club kennengelernt und bei einer inszenierten Bluthochzeit gleich "zum Manne" genommen, wie sie später berichten wird. Marina bietet Hagebuttentee an und weist dann den Weg ins Wohnzimmer. Wuchtiges Ecksofa, gewaltiger Flachbildfernseher und ein Bücherregal mit Tolstoi, Tschechow und Fantasy-Schmökern.

In der Ecke hat Marina das Parteibüro eingerichtet. Da, am Computer, sitzt sie nun oft bis morgens um vier. Sie habe derzeit, erzählt Marina, ja nicht nur "die Partei im Nacken", sondern schreibe gleichzeitig auch noch an ihrer Diplomarbeit zum Thema "Wertemodelle ukrainischer Kinder".

Für ihre Hobbys finde sie momentan so gut wie keine Zeit, sagt Marina, nicht mehr fürs Theaterspielen, nicht fürs Malen, nicht fürs Komponieren. Am Wochenende habe sie nach etlichen Monaten endlich mal wieder an einem Live-Rollenspiel teilnehmen können, dieses Mal in einem Wäldchen bei Marl zum Thema "Römerzeit". Ihr Job war es, als "Sklavin" schwere Tonkrüge voll Met heranzuschleppen und am Abend für die Soldaten "zum Klang der Laute" auf dem Tisch zu tanzen. "Das ging ganz schön auf Arme und Beine", erzählt sie, "war aber auch eine schöne Entspannung nach all dem Parteistress der letzten Wochen."

Bis zum Sommer 2009 hatte Marina Weisband mit Politik "fast gar nichts" am Hut. Die Menschen, die da im Bundestag und im Fernsehen zu sehen waren, kamen ihr alle "wahnsinnig fremd" vor, fern ihrer Lebenswelt. Sie war angeödet von den Männern und Frauen, die immerzu so täten, "als würden sie alles richtig machen", und den Eindruck hinterließen, es gäbe nur die Politik in ihrem Leben. Gerade die Abgeordneten und Regierungsmitglieder unter 40, zum Beispiel Bundesfamilienministerin Kristina Schröder, wirkten auf sie "wie 90-Jährige", die krampfhaft versuchen, auf jung und trendy zu machen.

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insgesamt 157 Beiträge
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1. Exhibitionismus
dasbeau 03.01.2012
...ist nicht das gleiche wie Transparenz.
2. Offenheit
Meckermann 03.01.2012
Zitat von sysopSie twittert Intimes, singt bei YouTube, stellt private Fotos ins Netz, Entblößung ist Programm: Die Psychologiestudentin Marina Weisband ist Geschäftsführerin der Piraten. Sie lebt vor, was ihre Partei fordert - Transparenz. Kann das gutgehen? http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,803801,00.html
Die Medien werden natürlich versuchen aus jeder Merkwürdigkeit eine Staatsaffäre zu Zimmern, nach dem Motto "Piratenfunktionärin befürwortet Sklaverei" u.ä. Ihre Wähler werden denken: Endlich mal eine normale Frau in der Politik.
3. Offenherzig und tranparent?
alterknacker 03.01.2012
Das sind Striptease-Tänzerinnen auch, aber für solche Nachrichten (Neues von den Piraten … und nichts Gutes | Freies in Wort und Schrift (http://freies-in-wort-und-schrift.info/2012/01/02/neues-von-den-piraten-und-nichts-gutes/)) ist sich wohl der SPON zu schade, denn mit diesem derzeitigen Niveau bekommt man einfach mehr Zugriffe.
4. vielleicht ein Weg
seltene_meinung 03.01.2012
Ich kenne Marina nicht (und werde wahrscheinlich auch nicht gleich nach ihren Infos im Netz googeln). Persönlich für mich bin ich auch gegen zuviele private Informationen im Netz. Wulffi zeigt aber gerade wieder überdeutlich, dass es mit unserer egoistischen karrierekonzentrierten und ziemlich korrupten heutigen "Berufspolitikern" nicht in die richtige Richtung geht. Vielleicht ist die Transparenz von Marina ein Weg. Sie gefährdet damit maximal nur ihre persönliche "Karriere", aber keinen von den Wählern, die ihre Partei wählen. Die wissen so, worauf sie sich einlassen (was bei KEINEM anderen Politiker in D derzeit der Fall ist). Ich könnte hier jetzt Seiten schreiben, die für und wider zu den inhaltlichen Themen betreffen. Doch ich glaube das Fazit reicht: "Die Piraten sind vielleicht ein Weg, die Kluft zwischen den Menschen in Deutschland und der abgehobenen überheblichen Politikerklasse ein wenig zu schließen." Ein letztes: "Keine Partei hat derzeit eine Ahnung davon, wie eine soziale und funktionierende Wirtschaftspolitik aussehen sollte. Aber nur die Piraten haben das spontan und offen für sich zugegeben :-)"
5.
niska 03.01.2012
Zitat von sysopSie twittert Intimes, singt bei YouTube, stellt private Fotos ins Netz, Entblößung ist Programm: Die Psychologiestudentin Marina Weisband ist Geschäftsführerin der Piraten. Sie lebt vor, was ihre Partei fordert - Transparenz. Kann das gutgehen? http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,803801,00.html
Ich teile ihren Totalexhibitionismus nicht, trotzdem halte ich sie für eine Schlüsselfigur für den erfolgreichen Weg der Piraten. Gerade durch ihre libertäre Offenherzigkeit hat sie die integrativen Fähigkeiten, die verschiedenen Strömungen zu einen.
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Heft 6/2011 Marina Weisband studiert Psychologie und führt die Geschäfte der Piratenpartei

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