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15. August 2011, 13:05 Uhr

Studentinnen singen Eurotrash

Der Hügel-Hype von Tübingen

Von Sophie Lübbert

Zwei Studentinnen singen eine Hymne auf ihr Uni-Städtchen - und werfen dann die Hype-Maschine an. Ihr Video ist eine Hommage an Tübingen, ein aufwendig produzierter YouTube-Clip inklusive Oberbürgermeister. Nebeneffekt: Es soll auch noch eine Bachelor-Arbeit über den Hügel-Hype herausspringen.

Martha und Frauke haben gerade wenig Zeit für Interviews. "Heute kommt der SWR und dreht einen Beitrag über uns", sagt Martha aufgeregt. Bis die TV-Reporter da sind, muss sie sich noch vorbereiten und die Luft aus ihrem aufblasbaren Gummidrachen lassen. Der ist nämlich der heimliche Hauptdarsteller in dem kurzen Film, der Martha Herbold, 23, und ihrer Freundin Frauke Spranz, 24, zu lokaler Berühmtheit verholfen und den Sender heute hergelockt hat.

In dem knapp vierminütigen Musik-Video tanzen die beiden Studentinnen der Kulturwissenschaft samt Gummitier durch die baden-württembergische Unistadt Tübingen. Zum eurotrashigen Beats beklagen sie Tübingens steile Berge, die ihre Gelenke kaputt machen: "Viele reden nur von deinem Genie, niemand denkt dabei an unsere Knie!" Der Text schüttelreimt sich zwar die Berge rauf und runter, dafür hat die Melodie Ohrwurm-Qualität und ist mit etwa 5000 Klicks am Tag ein kleiner Hit auf YouTube.

Der Erfolg war so nie geplant, beteuern die Damen. Der Song sei spontan auf einem Spaziergang entstanden. "Frauke und ich kamen aus der Mensa, waren müde und mussten zu unserem nächsten Seminar den Schlossberg hoch", erinnert sich Martha. Sie kamen dank vollen Magens und steilen Aufstiegs kaum vorwärts - und da knutschte beide die Muse. Aus Verzweiflung fingen sie an, vor sich hin zu summen: "Dann war plötzlich diese Zeile da, mitsamt der Melodie. Es war ein echter Ohrwurm, den niemand mehr aus dem Kopf bekam."

Nachhilfe vom Bruder

Die beiden Studentinnen machten sich an den Feinschliff, Martha mit ihren zehn Jahren Klavier- und Band-Erfahrung unterlegte den Refrain mit Akkorden. "Auch wenn wir eigentlich eher Indierock oder Funk hören, und das nicht so unsere Art von Musik ist", sagt Frauke. Und dann half ihnen noch die Familie. Marthas Bruder ist Produzent in Hannover und arbeitete schon mit Nena und Jürgen Drews zusammen. Auch ihm gefiel der Song.

Innerhalb eines Tages nahmen sie das Stück auf, "mit ganz viel Autotune, denn wirklich gut singen können wir nicht. Eigentlich überhaupt nicht." Zu Hause spielten sie es ihren Freunden vor. Die waren begeistert. Angespornt von den positiven Reaktionen, schrieben sie ein Drehbuch, planten ihr Video und meldeten das Filmchen als "Projektstudium" bei der Uni an. So sicherten sie sich die benötigte Technik zum Nulltarif. Als Statisten mobilisierten sie Freunde und holten einen alten Mitschüler von Frauke mit ins Boot. Als Burschenschafter brachten er und einige Bundesbrüder ihren Wichs mit, damit der Studentenkarneval auf den grünen Hügeln Tübingens schön echt aussah. Alle anderen mussten sich um ihre Verkleidung selbst kümmern. Fraukes Dirndl etwa hat ihre Oma genäht, zum Dreh trug sie es zum ersten Mal.

Das Drehbuch erwies sich als beinahe überflüssig: "Wir haben bald unsere sorgfältig geplanten Ideen über den Haufen geworfen. Es war ein Selbstläufer, eine große Party, die wir abgefilmt haben." Heraus kamen sieben Stunden Rohmaterial - plus noch einmal zehn Sekunden. Denn zufällig lief ihnen während des Drehs Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer über den Weg.

Gute Note für die Hype-Studie: 1,0 für Eurotrash

Der Grünen-Politiker schob gerade sein Fahrrad durch die Innenstadt und war auf dem Weg zum Rathaus. Gefragt, ob er kurz ein paar Worte in die Kamera sprechen könnte, entschied sich der 39-jährige Palmer für Volksnähe. "Das kann ich schon machen", sagte Palmer, stellte sich in Positur und rief enthusiastisch "Tübingen!" - ohne genau zu wissen, was für ein Film da mit seiner Beteiligung gedreht wurde. "Wir haben ihm aber hinterher das Video geschickt, und er fand es gut", sagt Frauke.

Genauso wie viele andere. Auf YouTube haben schon über 70.000 Menschen den Film gesehen und kommentiert, in zwei Wochen. Ein richtig großer Hit auf der Video-Plattform geht zwar ganz anders durch die Decke, aber zum Regional-Hype reicht es allemal. In den Clubs der Uni-Stadt liefe der Song jetzt rauf und runter, sie würden auf der Straße erkannt und mussten sogar schon Autogramme geben. Einmal musste sie sogar auf einer Brust unterschreiben, sagt Frauke und grinst.

Ein Tübinger Kino möchte den Film im Vorprogramm bringen, das Büro für Stadtmarketing unterstützt den Plan, den Song als CD rauszubringen. "Das hat uns alles total umgehauen", sagt Martha. Jetzt will das Duo ausprobieren, wie ihr flacher Hügel-Song in der weiten Bundesrepublik ankommt mit CD und Fan-T-Shirts. Sollte das Projekt Gewinn abwerfen, werde der gespendet, versichern beide. Und wenn der Musikantenstadl anfragt? "Wir brauchen als Martha & Frauke nicht mal einen Künstlernamen, wir können die Nachfolger von Marianne & Michael oder Gitti & Erika werden", sagt Frauke.

Und wenn der große Durchbruch doch ausbleibt, gibt es auch noch einen Plan B. Beide haben nur noch ein Semester an der Uni vor sich, Martha will ihre Bachelor-Arbeit über ihre Erfahrungen mit dem Hügel-Hype schreiben. Damit dürfte sie den Abschluss schon so gut wie in der Tasche haben: Das als "Projektarbeit" angemeldete Musikvideo hat der zuständige Dozent mit einer glatten 1,0 bewertet.

Und hier das komplette Martha & Frauke-Video bei YouTube:

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