Studienabbrecher Jürgen von der Lippe: Germanist im Hawaiihemd

Von Jan Hauser

Er tingelte, bis ihm zwischen Auftritten und Uni-Bürokratie die Peilung flöten ging - Schluss war mit dem Studium der Germanistik und Philosophie. Direkt geschadet hat es Jürgen von der Lippe nicht: Der Showmaster mit den schlimmen Hemden ist seit mehr als 30 Jahren Bühnenprofi.

Auch Komiker kennen ernste Zeiten. "Schöne Jahre waren das nicht", sagt Jürgen von der Lippe, Entertainer, Liedermacher und Träger furchterregend scheußlicher Hawaiihemden, die seit Ewigkeiten sein Markenzeichen sind. Mit den unschönen Jahren meint er aber nicht sein abgebrochenes Studium, sondern die Zeit davor. Bei der Bundeswehr.

Jürgen von der Lippe, der eigentlich Hans-Jürgen Dohrenkamp heißt, trägt ein schwarzes T-Shirt und Brille, während er an einem kleinen, weißen Tisch sitzt und in einer Bücherzeitschrift liest. Dann startet der 61-Jährige die Zeitreise, zurück in die Vergangenheit, erzählt von der Bundeswehr, damals Ende der sechziger Jahre. Drei Jahre trug er Soldatentracht, vor allem wegen der Bezahlung. "So einen Batzen Geld kriege ich sonst nicht", dachte sich der junge Jürgen, diente und legte sich den Sold fürs Studium zurück. Sein Vater war Barkeeper, die Eltern hatten nicht viel und hätten ihn nicht finanzieren können. So ebnete die Bundeswehr seinen Weg an die Uni.

Ursprünglich wollte Jürgen von der Lippe Journalist werden. Dafür bekam er den Rat: "Mach irgendein Fachstudium, das dir Spaß macht", erzählt er. Für ihn war das Germanistik und Philosophie. 1970 begann er sein Studium in Aachen, machte dort die Zwischenprüfung und wechselte zwei Jahre später nach Berlin, "weil ich mich total in diese Stadt verliebt habe und vor allem, weil ich dort Auftrittsmöglichkeiten hatte". Denn das war es, was Jürgen von der Lippe unbedingt machen wollte: Auftreten mit komischen Geschichten, wie er es nennt.

"Die Kombination kannst du gar nicht machen"

Ab und zu liest er heute noch Prüfungsarbeiten, weil es in manchen Arbeiten auch um ihn geht. Das sei nach wie vor gequirlter Käse: "Was man sich da aus den Pfoten saugen muss, was wirklich kein Mensch braucht!" Auch manches, was er im Studium gemacht hat, erscheint ihm eher sinnfrei. So zählten sie in einer Gruppenarbeit die Art von subjektiven und objektiven Äußerungen in Kritiken. Das Ergebnis nach einem Jahr Arbeit: Je länger eine Kritik ist, desto mehr subjektive Äußerungen enthält sie. "Ist das nicht sensationell?", fragt von der Lippe heute, "muss man das sagen?"

Richtig toll fand er dagegen seinen Studentenjob, den er schon im zweiten Semester in Aachen angefangen hat: Als Tutor an der Uni brachte Jürgen von der Lippe Ausländern Deutsch bei. "Ein Riesenspaß", den er in Berlin fortsetzte. Insgesamt arbeitete er acht Jahre als Deutschlehrer und verdiente damit fast 1000 Mark im Monat, während er für sein WG-Zimmer 90 Mark zahlte.

So studierte er weiter, unterrichtete als Deutschlehrer und trällerte nachts lustige Lieder. Nur - als er sein Examen machen wollte, stellte sich heraus, dass er in Berlin gar nicht den Abschluss erhalten konnte, für den er angetreten war. "Ich hatte alles zusammen", erzählt er. "Und dann sagen die: Die Kombination kannst du hier gar nicht machen."

Ein altes Zirkuspferd findet immer die Manege

Für sein Examen hätte er zurück nach Nordrhein-Westfalen ziehen oder in Berlin noch ein Nebenfach studieren müssen. Jürgen von der Lippe entschloss sich für keines von beidem und brach sein Studium ab. "Zu dem Zeitpunkt konnte ich schon sehr gut von der Singerei leben", sagt er. "Da war mir einfach klar, dass das mein Ding war."

Sein Ding zog Jürgen von der Lippe durch, dann eben ohne Studienabschluss - das hat er mit vielen Medienleuten wie Günther Jauch oder Barbara Schöneberger, Herbert Feuerstein oder Bernhard Hoëcker gemeinsam. Als Solist sang er sich durch Berliner Kneipen, gründete 1976 die Kabarettistengruppe "Gebrüder Blattschuss" mit (die 1978 den berüchtigten Blödel-Gassenhauer "Kreuzberger Nächte" landeten), brachte ein Jahr später sein erstes Solo-Album heraus. Gleichzeitig begann er für den Hörfunk zu arbeiten.

Richtig bekannt wurde er über zahlreiche Fernsehsendungen: von "So isses" und "Donnerlippchen" in den Achtzigern über "Geld oder Liebe" und "Wat is?" bis zur RTL-Sitcom "Der Heiland auf dem Eiland" und "Extreme Activity" auf ProSieben. Jürgen von der Lippe hat viele Flecken der deutschen TV-Landschaft gesehen und entdeckt. Nicht ohne mit Preisen behängt zu werden: Er wurde mit Bambi, Echo und dem Goldenem Löwen ausgezeichnet, hat eine Goldene Schallplatte für "Guten Morgen, liebe Sorgen" und ist zweifacher Grimmepreisträger.

Dabei ist Fernsehen nicht sein Hauptberuf. "Das glaubt ja immer keiner", so von der Lippe, "die Bühne ist das Ding." Er hat unzählige Lieder veröffentlicht, darunter so zarte florale Lyrik wie im "Blumenmann" (weil's so unvergleichlich subtil ist, hier der komplette Text). Er hat acht Bücher geschrieben, zwei Kinofilme synchronisiert - und tourt immer noch. Im aktuellen Programm präsentiert er "Das Beste aus 30 Jahren" seines künstlerischen Lebens.

Doch 300 Tage im Jahr würde er auch nicht auftreten wollen, das wäre ihm zu öde. "Immer dieses Ein- und Auschecken und immer dieselben Gesichter, nach anderthalb Monaten geht einem das auch auf den Geist." Dann sagt er sich: Jetzt muss mal was anderes gemacht werden. Zur Abwechslung gehört für ihn derzeit die MDR-Sendung "Frei von der Lippe", in der er sich unterhaltsam mit der deutschen Sprache beschäftigt und damit sein Germanistik-Wissen aus dem Studium hervorholen kann.

Geld oder Liebe, Herr von der Lippe?

Die ARD-Samstagabendshow "Geld oder Liebe" hat Jürgen von der Lippe zwölf Jahre lang moderiert. Demnach sollte er für diese Frage Experte sein: Also, was ist wichtiger im Leben, Herr von der Lippe - Geld oder Liebe? "Ich habe beides", antwortet er. Es komme drauf an, was man gerade braucht. Geld hat für ihn nur eine Bedeutung, wenn er etwas kaufen will. "Es anzuhäufen, war für mich noch nie eine Triebfeder. Ich wollte mir mein Studium finanzieren können. Dafür brauchte ich Geld. Also habe ich gesehen, dass welches rankam."

Seitdem hat er sich über Geld nicht wirklich Gedanken gemacht - es war schlicht nicht mehr nötig: Von der Lippe hat mit dem, was ihm Spaß gemacht hat, Geld verdient. "Und es macht noch immer unheimlich Spaß." Dabei ist ihm egal, ob die Sendung groß oder klein ist, ob fünf Millionen Menschen zusehen oder eine Million. Das interessiere ihn nicht.

Wirklich nicht? "Wirklich nicht", sagt von der Lippe, ohne zu zögern.

Dann geht er wieder auf die Bühne und macht, was er am liebsten macht. Seit Jahrzehnten. Jürgen von der Lippe setzt sich auf einen Barhocker, hält die Gitarre in der Hand und singt. Er singt "Guten Morgen, liebe Sorgen, seid ihr auch schon alle da", imitiert wieder Peter Maffay, Udo Lindenberg und neuerdings auch Mario Barth. Mit roter Clownsnase und hoher Stimme singt er vom Blumenmann: "Sum, sum, sum, ich liebe Blumen." Dann ist er wieder der lustige Liedermacher. "Joi, joi, joi, ich bin ein Blumenboy."

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik WunderBAR
RSS
alles zum Thema Studienabbrecher
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite
Fotostrecke
Uni-Deserteur von der Lippe: Ihn machen Blumen an

Fotostrecke
Prominente Studienabbrecher: Es gibt ein Leben nach der Uni