Studienabbrecher Sven Regener: "Jetzt machst du mal eine Sache richtig"

Von Jan Hauser

Musikwissenschaften studieren oder lieber konsequent Musik machen? Beides halb, beides schlecht war für Sven Regener keine Lösung. Er entschied sich für seine Band Element of Crime, als ihr Erfolg noch in den Sternen stand - ganz "ohne Geld-zurück-Garantie".

Irgendwann muss sich jeder entscheiden - was er vom Leben möchte, in welche Richtung der Weg führt, wofür die Kraft reichen soll. An dem Punkt sah sich Sven Regener bei der Gründung seiner Band Element of Crime. Er entschied sich für die Musik. Und ließ sein Studium sausen.

Sven Regener, Jahrgang 1961, aufgewachsen in Bremen, wollte immer in eine größere Stadt, "in eine Stadt, in der auch eine U-Bahn fährt und so". Nach dem Zivildienst in Lüneburg zog er 1981 nach Hamburg. Musik war in der Schule sein Leistungsfach, also studierte er Musikwissenschaft: "Was anderes fiel mir, ehrlich gesagt, auf die Schnelle auch nicht ein. Ich dachte, das ist irgendwie cool." Ein Berufsziel hatte er nicht, wollte einfach studieren. "Das fand ich interessant. Auch wenn ich abgebrochen habe, habe ich nicht das Gefühl, dass es verlorene Zeit war", sagt er heute.

Nach einem Hamburger Jahr zog er 1982 wegen einer Frau in eine noch größere Stadt, nach Berlin, wo er heute noch lebt: "Ein Glücksfall, weil da auch erst was ging." An der TU studierte er weiter und spielt bei der Band Zapotek Trompete: "Da war ich schon verloren. Von der Rock'n'Roll-Geschichte war ich sehr angefixt." Die Gruppe brachte eine Platte heraus und ging auf Deutschland-Tour, bevor Regener 1984 zur Band Neue Liebe wechselte.

Der größte Uni-Horror: Gruppenarbeit

Musikwissenschaften interessierte ihn. Dennoch fragte er sich: "Ist es nur das allgemeine Interesse, oder verfolge ich hier wirklich einen Berufsweg? Wer extrem unglücklich wird, wem was anderes wichtiger ist, der muss wechseln - und wenn die Zeit in den Cafeterias in keinem Verhältnis zur Zeit in Seminaren und Vorlesungen steht."

Regener kannte fast alle Studentencafeterias. "Das Beste an der Uni war die Ernährung. Es gab aber auch ein paar sehr gute Professoren." Was er am Studium überhaupt nicht mochte? Gruppenarbeit! "Meine Erfahrung war, dass ich immer zu schnell ungeduldig wurde, die Sachen gemacht haben wollte und dann alles an mich gerissen habe. Dann kann man es gleich allein machen."

1985 war Regener reif für die Entscheidung. Er gründete mit vier anderen Musikern Element of Crime und merkte bald: "Das ist kein Hobby, keine Amateurband, das ist eine richtig ernsthafte und professionelle Angelegenheit." Hier spielte er fortan Trompete und Gitarre, schrieb Songs, sang und textete: "Wer so eine Band macht, sollte zusehen, damit richtig was zu werden und möglichst weit zu kommen."

Das Studium erschien ihm immer sinnloser. Seine studentische Leistungskurve zeigte nach unten: Er verpasste Seminare, machte weniger Scheine und bekam Depressionen, weil er nichts richtig schaffte - "ich mache zwei Sachen: beide halb, beide schlecht." Also ganz oder gar nicht, Regener hängte das Studium an den Nagel. "Es hat mir auch einen Kick gegeben, etwas abzubrechen und zu sagen: Nein, jetzt machst du mal eine Sache richtig."

"Unmoralisch, weiter Geld von meinen Eltern zu nehmen"

Seine Eltern haben ihn immer unterstützt. "Als ich 24 war, dachte ich, dass ich dieses Konto ausgereizt hatte", sagt Regener, ein wesentlicher Grund für den Abbruch: "Ich fand es unmoralisch, weiter Geld von meinen Eltern zu nehmen für ein Studium, das ich nicht ernsthaft betreibe, also unter Vortäuschung falscher Tatsachen." Das erzählte er ihnen, sie verstanden es: "Es ist einfacher, seinen Eltern zu erklären, ein Orchideenstudium abzubrechen als sein Arztstudium, weil damit ein klarer Berufsweg verbaut ist."

Was ihm sein Studium gebracht hat? Ganz präzise lässt sich das nicht sagen, meint Regener. Aber er erwarb Kenntnisse und Fähigkeiten, die nicht verlorengehen: Sein Gehör wurde geschult, er kann eine Studienpartitur mitlesen, Harmonien analysieren oder ein Orchesterarrangement schreiben. "Diese Beschäftigung mit Musik passte in mein Leben. Daran war nichts falsch."

Viele prominente Studienabbrecher können sich beim Abbruch bereits auf das zweite Standbein verlassen. Bei Regener war das nicht so. Er trennte sich von der Hochschule, damit die Band laufen lernen konnte: "Es gibt keine Geld-zurück-Garantie auf zukünftigen Erfolg einer Band, nur weil man sie gut findet oder weil sie vielleicht auch gut ist." Von der Musik konnte er noch lange nicht leben. Der Studienabbruch war Wagnis und Befreiung: "Auch wenn es vom Geld her nicht reicht und man noch nebenher arbeiten muss, ist es das wichtigste, was man macht. Umso schöner, wenn man dann irgendwann tatsächlich davon leben kann."

Später Start als Schriftsteller

Mit der Band ging es immer leicht aufwärts, der finanzielle Erfolg kam jedoch erst spät. 1989 quittierte er seinen Nebenjob. Zunächst machte Element of Crime charmant rumpelnde Gitarrenmusik mit englischen Texten, wechselten dann zu melancholischem Chanson-Pop, nunmehr komplett in deutscher Sprache. Das brachte den Durchbruch. Ab dem Moment konnte Sven Regener dank des erfolgreichen Albums "Weißes Papier" gut von der Musik leben.

Längst ist Sven Regener nicht nur Element-of-Crime-Mann, sondern auch Schriftsteller. Das erste Kapitel seines Debütromans "Herr Lehmann" schenkte er einer Freundin 1991 zum Geburtstag. "Dann hab ich mir überlegt, mehr daraus zu machen. Da ist Musik drin." Die Geschichte eines trinkfreudigen Hängers in der Westberliner Alternativszene hatte er seitdem im Kopf. Und fand erst 2000 die Zeit, sie aufzuschreiben.

Das erste Buch aus dem Leben des Frank Lehmann erschien 2001, das zweite Buch "Neue Vahr Süd" 2004. Regeners finanzielle Lage ist nicht mehr angespannt: "Das ist eine privilegierte, sehr angenehme Situation, dass man von materieller Not zu weit entfernt ist, als dass man als Künstler irgendwas nur aus finanziellen Gründen raushauen müsste." Im September soll "Der kleine Bruder" als drittes Buch der Lehmann-Trilogie erscheinen.

In über 20 Jahren hat Element of Crime viele Songideen verworfen - und dafür jetzt nur wenige Lieder, die sie lieber weggelassen hätten. "Auf der Bühne nützt es dir gar nichts, dass du das gutgemeint hast oder es irgendwie ganz interessant ist. Entweder es ist richtig gut, oder du kannst gleich wieder einpacken", sagt Regener. Es geht um Spreu und Weizen, darum, das Gute vom Schlechten zu trennen - "wenn man das nicht kann, dann wird man nichts". Sven Regener kann's. Und die richtigen Entscheidungen trifft er auch.

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