Studienabbrecherin Schöneberger: Durch die Uni wie ein kopfloses Huhn

Von Jan Hauser

Die Note ihrer Zwischenprüfung berechtigte zu den schönsten akademischen Hoffnungen: eine glatte 1,0. Trotzdem sagte Barbara Schöneberger der Uni Adieu. "Wo ist denn das Leben?", fragte sie sich - und nahm Anlauf für eine Karriere als Fernsehmoderatorin und Sängerin.

Irgendwie muss das ein Missverständnis gewesen sein, zwischen ihr und dem Studium. Denn es war ja nicht so, dass sie eine schlechte Studentin war oder dass sie die Inhalte nicht interessiert haben. Dennoch - fragt man Barbara Schöneberger, was rückblickend das Gute war an den drei Fächern, die sie studiert hat, sagt sie erst einmal: "Nichts, um ehrlich zu sein, gar nichts."

Andererseits möchte die 35-Jährige ihr Studium nicht missen. Es war eine "ganz tolle Möglichkeit, ein Wahnsinns-Social-Event, jeden Tag immer voll Action", sagt Barbara Schöneberger. Das Fernsehen machte sie als lustige Schnellrednerin bekannt, inzwischen moderiert sie die "NDR Talk Show" und ist Nebenerwerbssängerin: 2007 veröffentlichte sie ihr erstes Album namens "Jetzt singt sie auch noch!", eine Jazz-Pop-Platte mit Bläsern, Streichern und deutschsprachigen, ironischen Texten. Sie findet: Jeder Mensch solle studieren.

Ein festes Berufsziel hatte Barbara Schöneberger nicht vor Augen. Nach dem Abitur 1993 in München machte sie erstmal ein Volontariat bei einer Modezeitschrift. Sie überlegte zu studieren, fuhr für vier Tage nach Paris, schaute dort immer wieder in ein dickes Buch, in dem alle möglichen Studiengänge beschrieben waren. Jeden Abend strich sie Fächer durch, die ihr nicht gefielen. Übrig blieben am Ende Soziologie, Kommunikationswissenschaften, Kunstgeschichte. 1994 begann ihr erstes Semester in Augsburg: Und jetzt studiert sie auch noch.

"War die nicht in der Werbung, in den Medien und so?"

Ihre drei Fächer waren ein tolles Studium generale, mit Einblicken in viele Bereiche, in Politik, Geschichte, Psychologie. Heute würde Schöneberger empfehlen, mal drei Semester eines dieser drei Fächer zu machen, dann aber auch etwas anderes. Oder man müsse vorher wissen, wo man mit diesen Fächern landen wolle.

Sie wusste es nicht: "Man läuft eigentlich wie ein Huhn mit abgeschlagenem Kopf durch die Uni, hat keinen Plan, was das alles soll, wohin es führt, warum ich das überhaupt mache und was die anderen alle machen. Man denkt die ganze Zeit: Wo ist denn das Leben? Geht es schon los, oder habe ich den Schuss nicht gehört?" Barbara Schöneberger hatte keine Ahnung, was aus ihr werden sollte. Sie hatte nur das Gefühl, dass es schon klappen wird.

"War die nicht in der Werbung, in den Medien und so?", singt sie selbstreferenziell auf der Bühne. "Saß die nicht auf dem Sofa rum, in einer Fernsehshow? Schrill und bunt, üppig und blond." Mit Schwung und in wechselnden Abendkleidern geht sie von einer Ecke in die andere, singt und erzählt aus ihrem Leben. Etwa davon, dass sie ihrer Mutter alle zwei Jahre über den neuen Freund sagte: "Der ist es jetzt aber" - bis er mit Glasplatte auf einem Formel-1-Autoreifen als Tisch bei ihr einziehen will.

Diese Live-Auftritte mit dem eigenen Programm gefallen ihr. "Ich bin jedes Mal wahnsinnig gerührt, wenn die Leute auch aufstehen, schreien oder mitsingen", sagt sie im schwarzen Baumwollpulli, ihre blonden Locken zum Pferdeschwanz gebunden.

Lieber Werbeagentur als Hiwi-Job

Fünf Jahre wohnte sie in Augsburg in einer Vierer-WG, sie mochte das Studium, die Zeit verging wie im Flug. "Ich mochte dahingehen, in der Bibliothek sein und wissen: Um 16 Uhr gehe ich rüber, und dann trinke ich einen Kaffee mit Snickers." Ihr gefielen die Strukturen, die festen Zeiten, in die sie als Studentin eingebunden war. "Ich habe es gehasst, mir selbst überlassen zu sein." Nach der Schule hatten ihr Strukturen, ein Plan und feste Zeiten gefehlt. Auch deswegen dachte sie: Mensch, jetzt studierst du mal.

Nur war ihr Studium, sagt Schöneberger rückblickend, ziemlich das praxis- und realitätsfremdeste, was sie sich vorstellen kann. Kein Berufstätiger erzählte mal im Hörsaal, was er die ganze Zeit macht und wie er dahin gekommen ist. So fand Schöneberger keinen Bezug zu irgendeiner Art von Beruf. "Da wurde über abweichendes Verhalten gesprochen, über Terrorismus, über das Bürokratiesystem von Max Weber, über ich weiß nicht was alles - aber du wusstest gar nicht, was das eigentlich soll", sagt sie: "Warum muss ich das überhaupt wissen und wie kann ich das anwenden? Ich fürchte, man kann es gar nicht anwenden. Man kann damit nur auf irgendwelchen Stehpartys posen."

Das Angeben auf Feten sollte für Studienabbrecherin Schöneberger kein Problem sein. Schließlich war sie eine gute Studentin, eine sehr gute sogar: Die Zwischenprüfung bestand sie als einzige mit der Note 1,0. Das Professorenteam bot ihr eine Hiwi-Stelle am Lehrstuhl an. Schöneberger lehnte ab - die Stelle war ihr nicht lukrativ genug.

Von ihren Eltern erhielt sie 500 Mark im Monat, während ihr WG-Zimmer schon 450 Mark kostete. Um Auto, Handy und Ferienwohnung zu finanzieren, arbeitete sie statt an der Uni lieber bei einer Werbeagentur. Während des Studiums stolperte sie auf die erste kleine Stufe ihrer Fernsehkarriere: Sie wurde Elmar Hörigs Assistentin in der Spielshow "Bube, Dame, Hörig", einer Sat.1-Vormittagssendung.

"Ich wollte einfach nur arbeiten"

Nach zehn Semestern war dann Schluss mit Soziologie, weil das wahre Leben wartete: Schöneberger ließ das Studium sausen und ging zum Fernsehen, moderierte dort die "Weck up Show", die am Sonntagmorgen auf Sat.1 lief. Dabei hatte sie bereits alle Leistungsscheine zusammen, nur noch die Magisterarbeit und -prüfung fehlten: "Ich hatte kein Ziel, aber ich habe einen langen Weg gemacht, und ich finde, jetzt ist es irgendwie so, dass man sagt: Mensch, cool, wo mich der Weg hingeführt hat."

Ihr Laufsteg ist das Fernsehen: Bekannter wurde Schöneberger als und mit "Blondes Gift", einem von ihr selbst entwickelten Talkformat, das von 2001 bis 2005 zunächst im lokalen Programmfenster eines Privatsenders lief, dann im WDR und zuletzt bei ProSieben. Ihre "Schöneberger Show" im ZDF dagegen wurde nach 17 Folgen eingestellt. Danach war sie immer öfter in verschiedenen Comedy-Formaten und Quiz-Sendungen zu Gast.

Ähnlich wie derzeit das NDR-Gewächs Ina Müller war Schöneberger lange irgendwie auf der Suche nach einem Showformat, das ihr als Entertainerin den ganz großen Durchbruch bringt. Sie hat mehr oder weniger abgewartet, was passiert. "Ich wollte einfach nur arbeiten", sagt Schöneberger. "Mir ging es darum, fünf Tage die Woche beschäftigt zu sein, und das habe ich geschafft." Seit 2008 moderiert sie wieder, die "NDR Talk Show". Das reiche ihr, sagt sie: "Ich möchte nichts anderes machen. Ich bin davon weg, zu denken, dass der RTL-Primetime-Sendeplatz der richtige für mich ist."

Schöneberger, die "blonde Amsel aus Othmarschen", scheint sich gefunden zu haben, nachdem sie lange nicht wusste, wo, wie und was sie eigentlich hier und da macht. In ihren Worten: Sie sitzt jetzt auf dem Sofa rum, in einer Fernsehshow. Einer Sendung, die eigentlich ein wenig zu behäbig ist für ihr Temperament .

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