Bildung als Tauschware: Schnaps und Kuchen sind mein Lohn

Tauschware Bildung: "Eine Alternative zur Konsumgesellschaft" Fotos
dapd

Bezahlung? Nein danke. In Halle unterrichten Siebdrucker, Musiker und Tänzer ihre Schüler, ohne Geld dafür zu wollen. Stattdessen wünschen sie sich Mitbringsel. Das Credo: Jeder kann etwas, das auch was wert ist.

Falko Gerlinghoff wirft sich eine Trainingsjacke aus quietschbunter Ballonseide über. Das gute Stück hatte seine besten Jahre in den Achtzigern. "Ich steh drauf", sagt der junge Mann über die Secondhand-Klamotte. Das Retro-Teil war für den 28-Jährigen umsonst. Es ist die Gabe eines Schülers, der bei Gerlinghoff etwas über Textil-Siebdruck lernen kann.

Bildung im Tausch gegen Dinge, das ist das Motto einer Tauschakademie, kurz TAAK!, in Halle an der Saale. Dafür öffnete ein ehemaliges Ladenlokal vom 15. bis zum 22. Januar in der Innenstadt. Geld spielt keine Rolle. Wer bei der Tauschakademie mitmachen möchte, sollte sich einbringen.

Die einen bieten ihr Wissen an, und andere kommen, um zu lernen. Die Teilnahme an allen etwa 30 Workshops in der Aktionswoche von Salsa über Trommel schlagen bis hin zum Crashkurs im Programmieren für Anfänger ist kostenlos, aber eben nur im Tausch zu haben. Als Wertschätzung für den angebotenen Kurs dürfen sich die Leiter etwas von ihren Schülern wünschen.

"Was ist es mir wert, was der andere macht"

Gerlinghoff hatte auf seine Wunschliste unter anderem eine Retro-Jacke gesetzt. "Die Trainingsjacken gefallen mir einfach." Einige Zeit hat Moritz Koza investiert, um solch eine Jacke aus Ballonseide aufzutreiben, sagt der 20-Jährige Geografiestudent, der am Siebdruck-Kurs teilnimmt.

"Der Workshopleiter freut sich doch über die Jacke mehr als über Geld", meint Koza. Neben anderen Tauschutensilien wurde Gerlinghoff auch mit Mirabellenschnaps und selbstgebackenem veganen Kirschbananenkuchen bedacht.

"Was ist es mir wert, was der andere macht", sagt Jenni Ottilie Keppler, eine von vier Studentinnen der Kunst- und Designhochschule Burg Giebichenstein in Halle, die TAAK! initiiert haben. Nach Aufenthalten in New York kam Keppler in Kontakt mit der Trade-School-Bewegung, die dort 2010 entstand. Schließlich transportierte die Studentin die Idee in die ostdeutsche Provinz.

Der Austausch von Wissen und Fähigkeiten, ohne dafür Geld bezahlen zu müssen, sei ein wichtiger und sinnvoller Versuch, meint Keppler. Um eine Revolte gegen Geld als Währungsmittel gehe es aber nicht, sagt Mitorganisatorin Franziska Tanner. Wohl aber darum, "eine Alternative zur Konsumgesellschaft" aufzuzeigen: "Wir möchten einfach Menschen zusammenbringen, denn wir gehen davon aus, dass jeder etwas kann, was es wert ist, weitergegeben zu werden."

Kurse voll belegt

Die Aktion richte sich an alle Generationen und soziale Gruppen. "Die Workshopleiter sind zwischen 18 und 60 Jahren alt", sagt Tanner. Dem Ruf der Kommunikations- und Industriedesignstudentinnen sind zahlreiche Interessierte gefolgt. Bereits zum Start der Tauschakademie melden die Kurse "volle" oder "fast volle" Besetzung.

Vor einigen Wochen hatten die Studentinnen begonnen, für TAAK! zu werben, mit Plakaten und Postkarten und im Internet. Zudem schickten sie etwa ein Fahrrad auf Reisen durch die größte Stadt Sachsen-Anhalts. Es sollte im Tausch von Hand zu Hand gehen und schließlich zum Start der Aktionswoche am temporären Ort der Tauschakademie wieder auftauchen. "Irgendwo ist es versackt", heißt es über das Rad.

Derzeit die Tauschakademie nur ein Experiment, sagt Ottilie Keppler. Sie wünscht sich aber, dass das Modell sich in Halle etabliert. Es sei an der Zeit, Wertschätzung auch außerhalb des Geldes neu zu denken.

Sandra M. Hänel/dapd/cht

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insgesamt 30 Beiträge
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1. Geld ist nicht schlecht, aber die Menschen:
rosalux 21.01.2013
Aha, Utilitarismus ist gut und Kapitalismus ist böse. Ergo, es lebe die Tauschwirtschaft, statt dem Geldkreislauf. :-)
2. Seltsam...
BettyB. 21.01.2013
Wie blöd muß man eigentlich sein, zu meinen, dass man beim Tauschhandel nicht "bezahlt" wird. Das Entgeld ist nur nicht so einfach wiederverwertbar wie - eben - Geld.
3. spielbankprinzip
autocrator 21.01.2013
ein interessanter ansatz - nicht weil er wirklich praktikabel für den alltag wäre, aber weil er das bewusstsein schärft: Was ist mir eine dienstleistung, hier bildung, wirklich (!) wert? Es erinnert mich so ein bißchen an eine spielbank: Wieso gibt es in spielbanken chips, und wird nicht das geld direkt in scheinen und münzen gesetzt? - klar, einen 100-€-chip gibt man leichteren herzens aus der hand als einen 100-€-schein. Der persönliche bezug zum stück plastik ist weniger eng als zum echten geldschein. und in der realwirtschaft? - 3 €uro 50 für ein T-shirt ... man zückt das geld, bezahlt, und gut ist, denkt sich nicht viel. Was aber, wenn das kind aus bangladesh, das dies T-shirt im akkord zusammennäht, direkt vor einem sitzen würde und man es nicht mit geld, sondern mit waren bezahlen müsste? Wer würde sich trauen, das T-Shirt dann für eine lumpige halbe banane einzutauschen? Wie gesagt, für die masse des alltagsgeschäftes ist tauschen ziemlich unbrauchbar. Aber so ein experiment zeigt auch mal wieder auf, was geld ist: dass geld auch eine entpersonalisierung, damit entfremdung und letztlich auch entmenschlichung bedeutet.
4.
Deta1945 21.01.2013
Das ist ja Staatsschädigend ! Das geht doch nicht. Wovon soll denn unserer aufgeblähter Staatsapparat, Beamte und Politiker nebst Diäten bezahlt werden ? Und unsere Griechen. Es ist ein Fall der Steuerhinterziehung und das ist strafbar. Ab in den Bau mit allen, die da tauschen ! Da muss gleich noch ein Gesetz daher, liebe Politiker, aber schnell.
5.
verpiler 21.01.2013
Das ist einfach nur Weltflucht im kapitalistischen Stil. Wer nicht gut genug ist, für sein Wissen Geld zu verlangen, verscheuert es dann im Tausch auf dem Flohmarkt. Die Hippis sollten sich mal lieber einen Job suchen, und sich für die Allgemeinheit einsetzen, indem sie ihre Leistung effizient in das System einbringen, dafür ein Gewerbe gründen, und ihre Umsätze ordentlich versteuern. Das planlose Gemansche war schon in vielen Gesellschaftssystemen Gang und Gäbe, die allesamt früher oder später den Bach runter gegangen sind.
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