Von Kim Bode
Wenn David Gong abends in Brisbane ausgeht, weiß er längst, dass "Are you having a big one?" oder auch "Are you going hard tonight?" nicht etwa gängige australische Anmachsprüche sind. Nach zweieinhalb Jahren im Land versteht der 28-jährige Student aus China die gängigen Floskeln. Sie fragen einfach, ob er heute bis spät in die Nacht heftig feiern möchte.
Das war nicht immer so: Als Gong gerade sein Event-Management-Studium in Australien anfing, hatte er große Probleme mit dem australischen Englisch. "Die Australier sprechen häufig Slang und in einem komischen Dialekt", sagt er. Geholfen hat ihm das Heft "The Insider", eine Initiative von einheimischen Studenten, die ihren internationalen Kommilitonen das Einleben erleichtern wollen.
So genannte Überlebensbroschüren zum Thema Wohnen, Vorlesungszeiten und Versicherungen gibt es zwar schon viele von den Universitäten selbst, "The Insider" aber erklärt den Gästen aus Übersee das australische Studentenleben - mit der eindeutigen Betonung auf Leben.
Wer nur mit einem Teller zur Party kommt hat ein Problem
"Wir internationalen Studenten sind gerade am Anfang so viel mit dem Alltag beschäftigt, dass es schwer fällt, dazu noch den Kontakt zu den Einheimischen zu suchen", erinnert sich Ricardo Carlos, 24, aus Brasilien, der seit dreieinhalb Jahren in Australien lebt und gerade sein Business-Studium beendet hat. "Vieles vom Leben kriegt man aber erst über Mundpropaganda mit, während man mit den Leuten vor Ort abhängt."
Ricardo lebt zwar mit Brasilianern zusammen, seine Arbeitskollegen und die meisten seiner Freunde sind allerdings Australier: "Die wissen immer, was in der Stadt los ist, wo gute Musik gespielt wird. Außerdem sind die Australier ziemlich extrovertiert und für jeden Spaß zu haben." Für ihn bot "The Insider" vor allem gute Tipps, um mit Einheimischen in Kontakt zu kommen.
Das Heft erklärt neben Umgangssprache und Kleidergrößen zum Beispiel auch einige Regeln zum typisch australischen Barbecue: So heißt "Please bring your plate" nicht nur, dass die geladenen Gäste ihren eigenen Teller mitbringen sollen, sondern eben auch das Fleisch darauf. Dazu unbedingt auch die eigenen Getränke. Ohne beides aufzutauchen, gilt als Fauxpas und wäre vor den australischen Gastgebern ziemlich peinlich.
Wichtig ist auch die "Barbecue-Hierarchie": Es gilt die Regel, dass nur ein einzelner das Fleisch wenden darf, "während vier bis fünf Männer mit einem Drink in der Hand zuschauen". Und falls die Gastgeber danach auch noch auf die Idee kommen, mit allen Gästen Kricket spielen zu wollen: "Keine Panik! Einfach nur den Ball schlagen und rennen", rät das Heft.
"Internationale Studenten suchen lieber nach einem vertrauten Gesicht"
"Wenn unser Heft unseren ausländischen Kommilitonen Mut macht, sich unter die Leute zu mischen und dabei die Stadt zu erkunden", sagt der Herausgeber James Martin, "dann haben wir erreicht, was wir wollten." Die Idee zu dem Heft kam dem 23-Jährigen in der südaustralischen Stadt Adelaide, als er selbst noch studierte und nebenbei in einer Bar arbeitete. "Dort sah ich zwar viele ausländische Studenten reinkommen, aber fast nie zusammen mit Einheimischen", sagt er.
Als er mit ihnen ins Gespräch kam und sie fragte, wie sie Adelaide finden, kam heraus, dass sie eigentlich kaum etwas von der Stadt wussten. "Obwohl einige von denen schon monatelang dort lebten", sagt Martin. Also trommelte er eine Gruppe von einheimischen und internationalen Autoren zusammen, suchte Anzeigenkunden und veröffentlichte vor zwei Jahren das erste Heft. Mittlerweile erscheint "The Insider" in Adelaide mit einer Auflage von 12.500, in Melbourne mit 20.000 und in Brisbane mit 15.000 Exemplaren - kostenlos.
Das Heft finanziert sich hauptsächlich über Anzeigen. In Brisbane, dem australischen Surferparadies an der Ostküste, unterstützt die lokale Politik das Projekt - wohl wissend, dass die rund 80.000 ausländischen Studenten in der Region eine erhebliche Wirtschaftskraft sind. "Mit dem Heft haben wir einen idealen Draht zu ihnen gefunden", sagt Gordon Scott, Direktor von Brisbanes Behörde für wirtschaftliche Entwicklung.
Eine Marktlücke, die Herausgeber James Martin erkannt hat: "Was bisher fehlte, ist die Unterstützung durch die Einheimischen", sagt er. "Internationale Studenten sind am Anfang oft eingeschüchtert und suchen lieber nach einem vertrauten Gesicht."
Vorsicht Knutscher! Küsschen unerwünscht
Um Integration ist auch die australische Regierung bemüht, denn immerhin bringen die internationalen Studenten dem Fiskus umgerechnet mehr als 10,5 Milliarden Euro im Jahr ein. Bisher zumindest.
Denn obwohl Australien für sein gutes Bildungssystem und die hohe Lebensqualität bekannt und beliebt ist, haben in den vergangenen Monaten Meldungen über rassistisch motivierte Übergriffe auf ausländische Studenten und strengere Einreisebestimmungen das Image beschädigt. Das ist ein Problem für ein Land, das unter ausländischen Studenten ein beliebtes Ziel ist: Immerhin rund vier Prozent der deutschen Studenten, die im Ausland studieren, entscheiden sich für Australien. Nach Angaben der Unesco waren 2008 rund 2000 deutsche Studenten in Australien.
Doch nun geistern Hochrechnungen von 20 Prozent weniger neu eingeschriebenen Studenten aus dem Ausland durch die australische Presse.
Auch David Gong kennt das Problem: "Einige jungen Australier benehmen sich ziemlich schlecht gegenüber Ausländern, werfen zum Beispiel Bierflaschen auf sie", sagt er. "Rassismus ist nichts Neues in Australien." Dennoch sieht er auch eine Mitschuld bei den Neuankömmlingen: "Viele ausländische Studenten respektieren die australische Kultur und Tradition nicht. Sie leben in ihrer eigenen Welt", sagt er.
Manchmal sind es aber auch nur Kleinigkeiten, die einen Neuankömmling dennoch ziemlich verwirren können. Ricardo Carlos erinnert sich: "Bei der Begrüßung einfach nur ein kaltes ,Hi' zu sagen statt eines Küsschens oder einem Handschlag kam mir am Anfang ziemlich befremdlich vor. Für mich war das, als würde der andere meine Anwesenheit gar nicht richtig wert schätzen. Erst nach einiger habe ich verstanden, dass das überhaupt nicht stimmt, sondern einfach nur ein kultureller Unterschied ist."
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik UniSPIEGEL | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik WunderBAR | RSS |
| alles zum Thema Auslandsstudium Australien | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH