Typologie der Festivalgäste: Vandalen, Jünger und Choleriker
Der Neunziger-Jahre-Kinnbart: Es sollte immer NOFX da sein
Man hört es, wenn der Neunziger-Jahre-Kinnbart auf den Campingplatz kommt. Man hört es am Rumpeln des alten VW-Busses und des kalifornischen Punkrocks, der blechern aus seinem Fenster plärrt. Der Punkrock eiert, weil der Kinnbart in seinem Bus immer noch Kassetten abspielt. Die beschriftet er liebevoll per Hand, zeichnet sogar für die Millencolin- Kassette das tote Küken auf dem Tellerchen nach. Er nimmt sich alle Zeit der Welt für diese Spielerei, denn der Neunziger-Jahre-Kinnbart lebt ein wunderschönes Paradox: Seine Musik ist schnell, aber er selbst lässt sich niemals hetzen.
Der Neunziger-Jahre-Kinnbart reist niemals allein, denn er ist gesellig. Feuchtfröhlich winken die Arme seiner Kumpane aus der offenen Schiebetür. In ihren Händen: Spritzende Bierdosen der Marken Hansa Export oder Paderborner, denen die Generation des Kinnbarts die Treue hält. Als sie Teenager waren, gab es noch nicht einmal Dosenpfand.
Wie ein Eichhörnchen legt der Neunziger-Jahre-Kinnbart einfache, gleichförmige Vorräte an. Das gilt für die Getränke genauso wie fürs Essen oder die Musik. Ganz egal, ob er auf ein Festival oder einen Campingplatz am Veluwemeer reist, immer kauft er am Morgen der Abfahrt fünfzehn Paletten Dosenbier, zwei Paletten Ravioli, zehn Packungen Toast sowie zehn Kartons stilles Wasser im Tetrapak und löslichen Kaffee in Gläsern.
Kann er wirklich surfen? Hang Loose
Der Neunziger-Jahre-Kinnbart isst hastig und scheinbar lustlos, und während die Nase eng über dem Weißblech klebt, tasten die Augen das Gelände ab, als suchten sie nach Feinden. Das erstaunt, denn er kennt weder Futterneid noch Geiz.
Gäste, die sein Lager kreuzen, lädt er ohne Zögern ein. Dann schaut er gemeinsam mit ihnen versonnen über die Wiese, während in seinem Bus Sublime zum Reggae, Liberator zum Ska oder No Fun At All zum Melodycore aufspielen. Heiter ist sein Musikgeschmack und nur ein bisschen wolkig, denn obwohl er ein Kind der Neunziger ist, sind ihm der Selbsthass Kurt Cobains, der Größenwahn Billy Corgans oder der Pathos Eddie Vedders fremd.
Der Neunziger-Jahre-Kinnbart geht einem geregelten, handwerklichen Beruf nach, Karriere kommt für ihn nicht infrage; sämtliche Mehrstunden, die er dafür einsetzen müsste, verbringt er lieber an und in seinem Bus. Diesen hat er mit großflächigen Aufklebern namhafter Surf- und Skateboardfirmen bestückt.
Ob er tatsächlich surft und skatet, ist selbst nach längeren Gesprächen im Klappstuhl nicht herauszufinden. Auf Fragen dazu antwortet der Neunziger-Jahre-Kinnbart stets, indem er die Augenbrauen hochzieht, Daumen und kleinen Finger zum "Hang Loose"-Zeichen formt und so verschmitzt lächelt, dass man ihm auch für den Fall, dass er noch niemals auf einem Surfbrett stand, nicht böse sein könnte.
Lieder für Neunziger-Jahre-Kinnbärte:
"Morgen ist auch noch ein Tag."
Was tun, wenn du einem Neunziger-Jahre-Kinnbart begegnest?
Entspannen. Ausspannen. Dich in den Klappstuhl setzen. Hansa trinken. In die Sonne blinzeln. Gemeinsam schweigen und sich doch behaglich fühlen.
Die Vandalen: Nachts wird es gefährlich
Der Jünger: Es gibt nur diese eine Band
Der Kümmerer: Immer helfen, weil es sonst niemand tut
Der Flirter: Hauptsache er riecht gut
Die Statue: Wann steht der Mann vom Stuhl auf?
Der Choleriker: Endlich ein Grund zu zetern
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
- alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
- Twitter | RSS
- alles aus der Rubrik WunderBAR
- RSS
- alles zum Thema Jugendszenen
- RSS
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
- Freitag, 01.06.2012 – 08:53 Uhr
- Drucken Versenden
- Nutzungsrechte Feedback
- Kommentieren | 35 Kommentare
- Oliver Uschmann, 34, besucht seit Jahren Festivals im ganzen Land - früher als Fan und nun als Journalist und Schriftsteller. Er hat mehrere Jugendbücher und einen satirischen Männerratgeber geschrieben. Außerdem schuf er gemeinsam mit seiner Frau Sylvia Witt die Romanserie "Hartmut und ich". Das Künstlerpaar wohnt in Herbern in Nordrhein-Westfalen.
Sylvia Witt
- Oliver Uschmann:

Überleben auf Festivals
Expedition ins Rockreich.Heyne Verlag
368 Seiten; 12,99 Euro. - Einfach und bequem: Direkt bei Amazon bestellen.
- Du schwitzt jeden Tag mit deiner Band im Proberaum? Oder hältst du Tokio Hotel noch für einen asiatischen Gasthof? Dieses Quiz sagt dir, ob du dich auskennst in Sachen junger Musik.
REUTERS - Teste hier, ob du reif für die Bühne bist...
- Fotostrecke: Flirter, Jünger, Vandale - was für Typen!
- Jodel-Studenten: "Sex, Drugs and Volxmusik" (26.03.2012)
- Deutschlands beste Schülerband: Tag für Sieger (25.03.2012)
- Schülerbands: Leg meinen Verstand in Trümmer (25.11.2011)
- Studentinnen singen Eurotrash: Der Hügel-Hype von Tübingen (15.08.2011)
- Tanzkurs für die schwarze Szene: Eins, zwei, Gothictanz (03.05.2011)
- Jugendkulturen: "Wir lassen uns nichts vorschreiben" (04.10.2010)
- Typologie der Festivalgäste: Vandalen, Jünger und Choleriker (01.06.2012)
- Die Vandalen: Nachts wird es gefährlich
- Der Jünger: Es gibt nur diese eine Band
- Der Neunziger-Jahre-Kinnbart: Es sollte immer NOFX da sein
- Der Kümmerer: Weil es sonst niemand tut
- Der Flirter: Hauptsache er riecht gut
- Die Statue: Wann steht der Mann vom Stuhl auf?
- Der Choleriker: Endlich ein Grund zu zetern
MEHR AUS DEM RESSORT UNISPIEGEL
-
Wissenstest
Allgemeinbildung: Der große Check auf SPIEGEL ONLINE - wie gut sind Sie? -
Querweltein
Auslandsstudium: Hochschulen von exotisch bis arktisch - nichts wie weg -
Abbrecher
Prominente erzählen: Es gibt ein Leben ohne Uni-Abschluss -
Tools
Studienplätze, wohnen, Hausarbeiten, reisen: Alle UniSPIEGEL-Tools -
IQ-Test
Gehören Sie zur Grips-Elite? Superhirn-Suche auf SPIEGEL ONLINE
