Typologie der Festivalgäste: Vandalen, Jünger und Choleriker

Der Neunziger-Jahre-Kinnbart: Es sollte immer NOFX da sein

Kinnbart-Träger, Bart nicht im Bild: Einen Sohn zeugen, wenn Brian Molko singt Zur Großansicht
dapd

Kinnbart-Träger, Bart nicht im Bild: Einen Sohn zeugen, wenn Brian Molko singt

Man hört es, wenn der Neunziger-Jahre-Kinnbart auf den Campingplatz kommt. Man hört es am Rumpeln des alten VW-Busses und des kalifornischen Punkrocks, der blechern aus seinem Fenster plärrt. Der Punkrock eiert, weil der Kinnbart in seinem Bus immer noch Kassetten abspielt. Die beschriftet er liebevoll per Hand, zeichnet sogar für die Millencolin- Kassette das tote Küken auf dem Tellerchen nach. Er nimmt sich alle Zeit der Welt für diese Spielerei, denn der Neunziger-Jahre-Kinnbart lebt ein wunderschönes Paradox: Seine Musik ist schnell, aber er selbst lässt sich niemals hetzen.

Der Neunziger-Jahre-Kinnbart reist niemals allein, denn er ist gesellig. Feuchtfröhlich winken die Arme seiner Kumpane aus der offenen Schiebetür. In ihren Händen: Spritzende Bierdosen der Marken Hansa Export oder Paderborner, denen die Generation des Kinnbarts die Treue hält. Als sie Teenager waren, gab es noch nicht einmal Dosenpfand.

Wie ein Eichhörnchen legt der Neunziger-Jahre-Kinnbart einfache, gleichförmige Vorräte an. Das gilt für die Getränke genauso wie fürs Essen oder die Musik. Ganz egal, ob er auf ein Festival oder einen Campingplatz am Veluwemeer reist, immer kauft er am Morgen der Abfahrt fünfzehn Paletten Dosenbier, zwei Paletten Ravioli, zehn Packungen Toast sowie zehn Kartons stilles Wasser im Tetrapak und löslichen Kaffee in Gläsern.

Kann er wirklich surfen? Hang Loose

Der Neunziger-Jahre-Kinnbart isst hastig und scheinbar lustlos, und während die Nase eng über dem Weißblech klebt, tasten die Augen das Gelände ab, als suchten sie nach Feinden. Das erstaunt, denn er kennt weder Futterneid noch Geiz.

Gäste, die sein Lager kreuzen, lädt er ohne Zögern ein. Dann schaut er gemeinsam mit ihnen versonnen über die Wiese, während in seinem Bus Sublime zum Reggae, Liberator zum Ska oder No Fun At All zum Melodycore aufspielen. Heiter ist sein Musikgeschmack und nur ein bisschen wolkig, denn obwohl er ein Kind der Neunziger ist, sind ihm der Selbsthass Kurt Cobains, der Größenwahn Billy Corgans oder der Pathos Eddie Vedders fremd.

Der Neunziger-Jahre-Kinnbart geht einem geregelten, handwerklichen Beruf nach, Karriere kommt für ihn nicht infrage; sämtliche Mehrstunden, die er dafür einsetzen müsste, verbringt er lieber an und in seinem Bus. Diesen hat er mit großflächigen Aufklebern namhafter Surf- und Skateboardfirmen bestückt.

Ob er tatsächlich surft und skatet, ist selbst nach längeren Gesprächen im Klappstuhl nicht herauszufinden. Auf Fragen dazu antwortet der Neunziger-Jahre-Kinnbart stets, indem er die Augenbrauen hochzieht, Daumen und kleinen Finger zum "Hang Loose"-Zeichen formt und so verschmitzt lächelt, dass man ihm auch für den Fall, dass er noch niemals auf einem Surfbrett stand, nicht böse sein könnte.

Lieder für Neunziger-Jahre-Kinnbärte:

Das Motto des Neunziger-Jahre-Kinnbarts:

"Morgen ist auch noch ein Tag."

Was tun, wenn du einem Neunziger-Jahre-Kinnbart begegnest?

Entspannen. Ausspannen. Dich in den Klappstuhl setzen. Hansa trinken. In die Sonne blinzeln. Gemeinsam schweigen und sich doch behaglich fühlen.

Die Vandalen: Nachts wird es gefährlich

Der Jünger: Es gibt nur diese eine Band

Der Kümmerer: Immer helfen, weil es sonst niemand tut

Der Flirter: Hauptsache er riecht gut

Die Statue: Wann steht der Mann vom Stuhl auf?

Der Choleriker: Endlich ein Grund zu zetern

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insgesamt 35 Beiträge
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    Seite 1    
1. es fehlt ein Typ
steintor 01.06.2012
es fehlt noch ein Typ: der alte Sack, der nicht alt werden und weiter rocken will....der bin ich...und ich gehe heute zu Rock im Park, mein Bus steht schon drin :-)
2. Blödsinn
bösergutmensch 01.06.2012
selten so einen Blödsinn über Festivals gelesen. ich glaube der Autor war noch nie auf einem...
3.
Lexington67 01.06.2012
Zitat von steintores fehlt noch ein Typ: der alte Sack, der nicht alt werden und weiter rocken will....der bin ich...und ich gehe heute zu Rock im Park, mein Bus steht schon drin :-)
me too... See you in Wacken, Rain or shine
4. optional
philbird 01.06.2012
Ich wette, dass der Autor noch nie auf einem Festival war oder zumindest nicht freiwillig. Peinliche Ansammlung von Klischés die von aussen so wirken mögen, aber dem Realitätstest in keinster Weise stand halten.
5. wieder mal
Christofkehr 01.06.2012
so ein richtiges Party-Geschenk-Mitbringsel-Buch. Macht sich gut in der WC-Bibliothek.
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Zur Person
  • Sylvia Witt
    Oliver Uschmann, 34, besucht seit Jahren Festivals im ganzen Land - früher als Fan und nun als Journalist und Schriftsteller. Er hat mehrere Jugendbücher und einen satirischen Männerratgeber geschrieben. Außerdem schuf er gemeinsam mit seiner Frau Sylvia Witt die Romanserie "Hartmut und ich". Das Künstlerpaar wohnt in Herbern in Nordrhein-Westfalen.
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