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01. Juni 2012, 08:53 Uhr

Typologie der Festivalgäste

Vandalen, Jünger und Choleriker

Jeden Sommer das gleiche, schmutzige Spiel: Auf alten Flugfeldern und riesigen Weiden werden Festival-Bühnen aufgestellt, wachsen Zeltdörfer, zischt das Dosenbier. Autor Oliver Uschmann skizziert sieben seltsame Gestalten, die man bei Festivals trifft - eine Besucher-Typologie.

Vorfreude ist die schönste Freude - und das gilt ganz besonders für Festivals, findet Oliver Uschmann. Der Musikfanatiker und Autor pilgerte Ende der Neunziger mit 19 Jahren zu seinem ersten Festival. "Ich war der Typ Weltverbesserer und durchaus anstrengend für meine Mitmenschen", sagt er.

Inzwischen ist Uschmann 34 und nicht mehr nur als Fan, sondern auch als Berichterstatter auf Festivals unterwegs. In seinem Buch "Überleben auf Festivals - Expeditionen ins Rockreich" hat er für die Saison 2012 aufgeschrieben, was Novizen über die musikalische Großveranstaltung Festival wissen sollten.

Denn Festivalbesucher sind, sobald sie das Auto abgestellt und die erste Palette Dosenbier ausgeladen haben, nicht mehr sie selbst. Sie mutieren zu ganz bestimmten Typen, denen man auf einem langen Musikwochenende irgendwo im nirgendwo (Wacken, Neuhausen ob Eck, Haldern, Scheeßel und viele mehr) immer wieder begegnet:

Einer kümmert sich rührend um seine Mitzelter. Ein anderer sitzt wie eine Sphinx inmitten des Chaos und man weiß nicht, was er hier eigentlich will. Und der Fahrer des alten VW-Busses ist zwar bald Mitte-Dreißig, hat aber trotzdem seinen Punkrockgeschmack aus den Neunzigern beibehalten.

Ihnen allen hat Uschmann je ein liebevolles Kapitel in seinem Buch gewidmet. Teil 1 aus "Überleben auf Festivals" - die Typologie der anstrengendsten Festivalbesucher, vom Neunziger-Jahre-Kinnbart bis zum Vandalen:

Die Vandalen: Nachts wird es gefährlich

Der Jünger: Es gibt nur diese eine Band

Der Neunziger-Jahre-Kinnbart: Es sollte immer NOFX da sein

Der Kümmerer: Immer helfen, weil es sonst niemand tut

Der Flirter: Hauptsache er riecht gut

Die Statue: Wann steht der Mann vom Stuhl auf?

Der Choleriker: Endlich ein Grund zu zetern

Die Vandalen sind der gefährlichste Stamm des Festival-Reservats. Sie reisen in Gruppen von fünf bis fünfzehn Personen an und verbünden sich vor Ort gerne mit ihresgleichen. Ihre Stärke ist die Tarnung. Am Tag sind sie nicht zu erkennen. Ihre direkten Zeltnachbarn Judith und Rüdiger zum Beispiel bemerken gar nicht, dass sie neben Vandalen wohnen.

Selten verrät sich ein Grünschnabel unter ihnen, indem er aus einem harmlosen Saufspiel heraus urplötzlich losläuft, sich Judiths und Rüdigers Bank-Tisch-Kombination aus Plastik greift, die Ravioli-Dosen, Pappteller und Erdnüsse herunterschüttelt, den Tisch dann auf seinem Schädel zerschmettert, so dass der Rest um seinen Hals hängt wie eine Kloschüssel in miesen Komödien. Judith keift Tischzerstörer empört in Grund und Boden. Die Vandalen holen ihren Grünschnabel mit entschuldigenden Blicken zurück zu ihrem Gelände.

Die meiste Zeit des Tages hat sich der Vandale im Griff, denn seine Aktivität beginnt in der Nacht. Besser gesagt: in der letzten Nacht. Dann ist die Security müde und die Polizei mit den Gedanken schon daheim. Vom Gelände verwiesen zu werden, ist jetzt egal, und eine echte Verhaftung nähme der Vandale als Kompliment. Wo andere Bändchen sammeln, sammelt er die Kabelbinder, mit denen er von Beamten gefesselt wurde.

In der letzten Nacht also blasen die Vandalen zu ihrer Schlacht. Sie beginnen meist mit einem "harmlosen" Lagerfeuer, das sie schnell mit alten Klappstühlen, leeren Zelten und dem zertrümmerten Plastiktisch füttern, den sie am Nachmittag übrig gelassen haben.

Lust an der Zerstörung

Haben sie alle leeren Zelte verbrannt, schnappen sie sich die vollen. Die Vandalen fragen die Bewohner der Zelte sogar vorher, ob sie ihr lustiges Spiel nicht mitmachen wollen. Weigern die sich und finden es unverständlicherweise sogar seltsam, dass sie ihr ganzes Hab und Gut verbrennen sollen, werden die Vandalen richtig ungemütlich. Meistens aber müssen sie das nicht: Sie überzeugen die Anwohner von der Lust an der Zerstörung.

Das absolute Lebensglück ereilt den Vandalen, wenn die Polizei endlich angerückt ist und er im Licht von Flammen und Scheinwerfern den Bussen und Wannen gegenübersteht. Nun werfen nur noch die Vandalen selbst Flaschen und Stühle Richtung Staatsmacht, während die Zivilisten sich verschüchtert an den Rand des großen Kreises zurückziehen. Da stehen sie herum und warten darauf, dass jemand ihnen sagt, was sie nun tun sollen. Die Polizei, Judith oder wenigstens die Vandalen selbst, unter deren Obhut sie doch gerade noch standen.

Aber die Vandalen haben genug damit zu tun, sich zu wehren, "Faschoschweine!" zu schreien, mit der Wange aufs Pflaster gedrückt zu werden und daran zu denken, die Beamten später, wenn der Staub sich gelegt hat, zu fragen, ob sie die Kabelbinder behalten dürfen.

Lieder für Vandalen:

Was tun, wenn du Vandalen begegnest?

Dich aufregen. Die Masse gegen sie mobilisieren. Den Frieden preisen. Die Atzen beschimpfen. Das eigene Hab und Gut retten. Die Security holen. Keinen "Spaß" verstehen.

Das Motto der Vandalen:

"In der Zerstörung liegt die Kraft."

Der Jünger: Es gibt nur diese eine Band

Der Neunziger-Jahre-Kinnbart: Es sollte immer NOFX da sein

Der Kümmerer: Immer helfen, weil es sonst niemand tut

Der Flirter: Hauptsache er riecht gut

Die Statue: Wann steht der Mann vom Stuhl auf?

Der Choleriker: Endlich ein Grund zu zetern

Sein Blick ist verengt, seine Wahrnehmung ein Tunnel. Freundlich denkende Zeitgenossen sagen, er sei spezialisiert. Realisten sagen, er sei beschränkt. Von allen Bands auf dem Festival interessiert ihn nur die eine. Der Campingplatz ist für ihn lediglich ein Wartezimmer, in dem er Tage verbringt, bis endlich die Stunde seiner Götter anbricht. Ein Wartezimmer, in welchem er allen anderen Patienten ohne Unterlass mit Lobpreisungen seiner Idole in den Ohren hängt.

"Ist er nicht der Geilste?"

Es ist sehr anstrengend, einen Jünger in der Gruppe zu haben. Der Jünger ist humorlos und völlig frei von Sachverstand. Nur ein Jünger kann behaupten, der Schlagzeuger seiner Lieblingsband sei automatisch auch der beste Schlagzeuger der ganzen Welt. Aber von einem Jünger kann man auch lernen: Er erinnert einen daran, wie es ist, so begeistert zu sein wie ein Kind, das seine Hörspielkassetten zwanzigmal hintereinander abspielt.

Man bekommt Lust, von seiner Lieblingsband auch einfach mal alles zu sammeln. Jedes Album in jedem Format. Soloalben der Musiker. Sogar alle Platten von anderen, auf denen sie jemals mitgespielt haben. Das wäre doch ein handfestes Sammelkonzept, ein Stammbaum von Musik mit einer fünfköpfigen Band als Quelle, sich verzweigend in unendlich feine Verästelungen.

Der Jünger ist nur wegen einer Band hier, heute Nacht um 23.30 Uhr und dann grölt er vor der Hauptbühne "Zehn kleine Jägermeister" mit, stupst seinen Nachbarn an, zeigt auf Breiti und sagt: "Ist er nicht der Geilste?"

Lieder für Jünger:

Was tun, wenn du einem Jünger begegnest?

Widersprich ihm nicht in seinem Wahn. Lass dich zum Spaß darauf ein. Geh mit zu Konzerten, die du dir sonst nicht ansehen würdest, und versuche, genauso begeistert zu sein wie er. Es ist eine Erfahrung.

Das Motto des Jüngers:

"Meine Jungs sind meine Religion."

Die Vandalen: Nachts wird es gefährlich

Der Neunziger-Jahre-Kinnbart: Es sollte immer NOFX da sein

Der Kümmerer: Immer helfen, weil es sonst niemand tut

Der Flirter: Hauptsache er riecht gut

Die Statue: Wann steht der Mann vom Stuhl auf?

Der Choleriker: Endlich ein Grund zu zetern

Man hört es, wenn der Neunziger-Jahre-Kinnbart auf den Campingplatz kommt. Man hört es am Rumpeln des alten VW-Busses und des kalifornischen Punkrocks, der blechern aus seinem Fenster plärrt. Der Punkrock eiert, weil der Kinnbart in seinem Bus immer noch Kassetten abspielt. Die beschriftet er liebevoll per Hand, zeichnet sogar für die Millencolin- Kassette das tote Küken auf dem Tellerchen nach. Er nimmt sich alle Zeit der Welt für diese Spielerei, denn der Neunziger-Jahre-Kinnbart lebt ein wunderschönes Paradox: Seine Musik ist schnell, aber er selbst lässt sich niemals hetzen.

Der Neunziger-Jahre-Kinnbart reist niemals allein, denn er ist gesellig. Feuchtfröhlich winken die Arme seiner Kumpane aus der offenen Schiebetür. In ihren Händen: Spritzende Bierdosen der Marken Hansa Export oder Paderborner, denen die Generation des Kinnbarts die Treue hält. Als sie Teenager waren, gab es noch nicht einmal Dosenpfand.

Wie ein Eichhörnchen legt der Neunziger-Jahre-Kinnbart einfache, gleichförmige Vorräte an. Das gilt für die Getränke genauso wie fürs Essen oder die Musik. Ganz egal, ob er auf ein Festival oder einen Campingplatz am Veluwemeer reist, immer kauft er am Morgen der Abfahrt fünfzehn Paletten Dosenbier, zwei Paletten Ravioli, zehn Packungen Toast sowie zehn Kartons stilles Wasser im Tetrapak und löslichen Kaffee in Gläsern.

Kann er wirklich surfen? Hang Loose

Der Neunziger-Jahre-Kinnbart isst hastig und scheinbar lustlos, und während die Nase eng über dem Weißblech klebt, tasten die Augen das Gelände ab, als suchten sie nach Feinden. Das erstaunt, denn er kennt weder Futterneid noch Geiz.

Gäste, die sein Lager kreuzen, lädt er ohne Zögern ein. Dann schaut er gemeinsam mit ihnen versonnen über die Wiese, während in seinem Bus Sublime zum Reggae, Liberator zum Ska oder No Fun At All zum Melodycore aufspielen. Heiter ist sein Musikgeschmack und nur ein bisschen wolkig, denn obwohl er ein Kind der Neunziger ist, sind ihm der Selbsthass Kurt Cobains, der Größenwahn Billy Corgans oder der Pathos Eddie Vedders fremd.

Der Neunziger-Jahre-Kinnbart geht einem geregelten, handwerklichen Beruf nach, Karriere kommt für ihn nicht infrage; sämtliche Mehrstunden, die er dafür einsetzen müsste, verbringt er lieber an und in seinem Bus. Diesen hat er mit großflächigen Aufklebern namhafter Surf- und Skateboardfirmen bestückt.

Ob er tatsächlich surft und skatet, ist selbst nach längeren Gesprächen im Klappstuhl nicht herauszufinden. Auf Fragen dazu antwortet der Neunziger-Jahre-Kinnbart stets, indem er die Augenbrauen hochzieht, Daumen und kleinen Finger zum "Hang Loose"-Zeichen formt und so verschmitzt lächelt, dass man ihm auch für den Fall, dass er noch niemals auf einem Surfbrett stand, nicht böse sein könnte.

Lieder für Neunziger-Jahre-Kinnbärte:

Das Motto des Neunziger-Jahre-Kinnbarts:

"Morgen ist auch noch ein Tag."

Was tun, wenn du einem Neunziger-Jahre-Kinnbart begegnest?

Entspannen. Ausspannen. Dich in den Klappstuhl setzen. Hansa trinken. In die Sonne blinzeln. Gemeinsam schweigen und sich doch behaglich fühlen.

Die Vandalen: Nachts wird es gefährlich

Der Jünger: Es gibt nur diese eine Band

Der Kümmerer: Immer helfen, weil es sonst niemand tut

Der Flirter: Hauptsache er riecht gut

Die Statue: Wann steht der Mann vom Stuhl auf?

Der Choleriker: Endlich ein Grund zu zetern

Der Kümmerer zwingt seine Fürsorge den Menschen auf. Er ist süchtig danach, ihnen Dinge abzunehmen, von denen sie nicht wussten, dass sie sie überhaupt tun wollten. Seine Arbeit beginnt Monate vor dem Festival, wenn er für alle seine Freunde Tickets kauft. Sie selbst haben keine Zeit dafür, denn sie gehören, wie sie betonen, "zur arbeitenden Bevölkerung". Das heißt, sie haben Chefs.

Der Kümmerer ist sein eigener Chef, meistens Student im fünften Semester, oder er ist Selbstständiger mit kleiner Firma im Bereich Design, Medien oder Kultur, rund um die Uhr am Schreibtisch oder am Handy. Der Kümmerer macht grundsätzlich alles selbst und er ist gut zu seinen Kunden. Seine Freunde sind noch unentschlossen, ob sie in acht Monaten überhaupt zum Festival gehen sollen, doch der Kümmerer streckt beherzt 350 Euro vor.

Neun Einzelfahrten von zwölf Uhr mittags bis elf Uhr abends

Natürlich wird seine Sucht ausgenutzt. Eine Woche vor Veranstaltungsbeginn bringen seine Freunde ihm Zelte, Taschen, Grills und Bierdosenpaletten vorbei, da nur er allein Zeit hat, bereits am Donnerstagabend anzureisen - mit sieben Zelten, elf Taschen, zwanzig Paletten Bier und einem Pavillon.

Ist es dem Kümmerer schließlich bis elf Uhr abends gelungen, alle Sachen zur Zeltwiese zu schaffen, beginnt er auf der Stelle, das Lager aufzubauen. Dabei stellt er fest, dass kein einziges der ihm mitgegebenen Zelte vollständig ist. Bei dem einen fehlt die Stange, das andere ist völlig ohne Heringstüte und beim dritten findet sich nicht einmal ein Zelt in der Zelttasche, sondern ein zusammengeknüllter Regenparka inklusive sieben Kugelschreibern und einem Notizzettel. Der Kümmerer versucht dennoch sein Glück und fällt gegen fünf Uhr morgens erschöpft in sein eigenes Zelt.

Um zwölf Uhr mittags wecken ihn schließlich die Stimmen seiner angereisten Freunde, die feixend zwischen den Torsi stehen und ihm mit der Fußspitze gegen die Hacken stupsen. "Hey!", rufen sie, grinsen ihm in das zerknautschte Gesicht, deuten mit der Bierdose in der Hand zu den schrumpeligen Zelten und fügen hinzu: "Was ist das denn? Moderne Kunst?" Der ehemalige Sitznachbar von der Uni berührt ein Zelt mit der Fingerspitze, es bricht in sich zusammen, er sieht ihm auf seinem Weg gen Boden nach wie einem schnurrenden Ballon, aus dem die Luft entweicht, und sagt: "Wenn man dir mal was überlässt, ehrlich!"

Lieder für Kümmerer:

Das Motto des Kümmerers:

"Es macht ja sonst keiner."

Was tun, wenn du einem Kümmerer begegnest?

Bekräftige ihn darin, wie tragisch es ist, dass er grundsätzlich alles alleine machen muss... und dann lass ihn dein Zelt aufbauen!

Die Vandalen: Nachts wird es gefährlich

Der Jünger: Es gibt nur diese eine Band

Der Neunziger-Jahre-Kinnbart: Es sollte immer NOFX da sein

Der Flirter: Hauptsache er riecht gut

Die Statue: Wann steht der Mann vom Stuhl auf?

Der Choleriker: Endlich ein Grund zu zetern

Es gibt auf dem Festivalgelände sogar Charmeure. Wo die Mehrzahl der Männer lallende Lärmdrohnen oder vergebene feste Freunde sind, stechen sie als gut duftende Diamanten mit wachem Blick aus der Menge hervor. Jedes paarungswillige Weibchen reagiert auf ihre Präsenz. Sie fallen auf wie Vampire, die im Sonnenlicht zu glitzern beginnen.

Ähnlich wie ein guter Musiker plant der Flirter seinen Auftritt minutiös, lässt ihn aber so wirken, als schüttele er ihn spontan aus dem Handgelenk. Für die geplanten Affären hat er ein Zelt abseits aller Barbaren, Vandalen und Kegelclubs errichtet. Für den Fall, dass er keinen Fang macht, übernachtet er heimlich in einem nahe gelegenen Hotel, um am nächsten Tag im Vergleich zu allen anderen wieder geheimnisvoll gut zu riechen.

Der Flirter lebt nicht von seinem Aussehen, sondern von seiner Erfahrung, seinem Selbstbewusstsein und seiner Fähigkeit, mit den Frauen echte Gespräche zu führen. Optisch ist er meistens eine Mischung aus Justin Timberlake, Matt Damon und Eminem, also ein Hybride aus Coolness, Hundeblick und Dreistigkeit.

Er tastet die Vorlieben der Frauen ab

Der Drink, den er mit der auserkorenen Dame am Cocktailstand nimmt, ist meistens sein erster. Ist er nach mehreren erfolglosen Versuchen zu betrunken, um weiterzumachen, bricht er die Aktion ab. Das kommt allerdings nie vor. Die Frauen schätzen an ihm seine erwachsene Überlegenheit gegenüber all den mentalen Fünfzehnjährigen um sie herum.

Geschmacklich legt sich der Flirter nicht fest, hat aber sichere Kenntnisse aller Bands aus dem Programm. Er tastet die Vorlieben der Frau, die er verführen will, ab, lobt ihren Geschmack und bekennt sich selbst zu coolen Soulklassikern wie Marvin Gaye, Curtis Mayfield und Sly & The Family Stone oder persönlichkeitsstarken Sängerinnen wie Lauryn Hill und Erykah Badu.

Die Frauen, die sich auf ihn einlassen, spüren, dass es für ihn Wichtigeres gibt als stilistische Grabenkämpfe. Er hat eine Meinung, aber er zieht seine Identität nicht daraus, lieber verwendet er seine Energien auf knisternde Momente und guten Sex. Ist er besonders gut drauf, spannt er den Kerlen vom Zeltplatz sogar ihre Freundinnen aus.

Lieder für Flirter:

Was tun, wenn du einem Flirter begegnest?

Wenn du alleine da bist - beobachten und lernen. Wenn du mit Freundin da bist - ganz schnell die Achseln pudern und den eigenen Charme hinter dem Sodbrennen wiederfinden.

Das Motto des Flirters:

"Wer vorher sündigt, schläft nachher besser."

Die Vandalen: Nachts wird es gefährlich

Der Jünger: Es gibt nur diese eine Band

Der Neunziger-Jahre-Kinnbart: Es sollte immer NOFX da sein

Der Kümmerer: Immer helfen, weil es sonst niemand tut

Die Statue: Wann steht der Mann vom Stuhl auf?

Der Choleriker: Endlich ein Grund zu zetern

Die Statue sitzt. Und sitzt. Und sitzt. Die Statue ist immer ein Mann. Schweigend hockt er in seinem Klappstuhl aus Kunststoff, links und rechts zwei Dosen in den Haltern, und beobachtet das Geschehen. Er bewegt sich nie. Wenn der Wind leise durch seine buschigen Brauen zieht, wehen die Härchen wie Herbstlaub an einem alten Baum. Nur ganz selten greift seine Hand zur Dose und führt sie in einer knorrigen Bewegung zum Mund, die so langsam ist, dass beim Zusehen die Jahre vergehen.

Die Generationen ziehen durchs Land und in der postnuklearen Landschaft außerhalb des Campingplatzes suchen Hyänen und Haudegen nach den letzten Konserven. Da die Statue meistens eine Sonnenbrille trägt oder das lange Haar wie einen Vorhang komplett über das Gesicht fallen lässt, weiß man nie, ob der zeitlose Mann einen gerade im Visier hat. Was geht in diesem Kopf vor? Denkt er überhaupt? Wo kommt er her? Und wer ernährt ihn?

Selten macht sich jemand die Mühe, die Statue länger zu beobachten, um diese Fragen beantworten zu können. Allein - sie sind unlösbar. Nie sieht man jemanden die Dosen auswechseln, doch immer sind sie voll. Liegt es daran, dass ein Schluck bei ihm so viele Jahre dauert? Er hat keine Vasallen, die vor ihm einen Grill aufbauen und ihm auf Papptellern das Bauchfleisch reichen. Er gehört nirgendwo hin. Dennoch sitzt er nicht am Rand des Platzes nahe den Kiefern, die ihre Arme über die Begrenzungszäune strecken, sondern mittendrin.

Eine schwarze Silhouette im Abendlicht

Erhebt man sich zu Forschungszwecken mit einem Helikopter über den Platz, stellt man fest, dass er sogar exakt das Zentrum des gesamten Geländes bildet. Es wirkt, als sitze er schon immer da und als würde das

Festival um ihn herumgebaut, so wie schon Kriege um ihn herum geführt, Dörfer errichtet und wieder abgebrannt und ganze Städte gegründet und dem Erdboden gleichgemacht wurden. Die Bauern der Umgebung behaupten, den Mann im Stuhl manchmal auf der Wiese zu sehen, eine schwarze Silhouette im Zwielicht des Abends, ein Schatten des ewigen Seins.

Das Verhältnis der Statue zur Musik ist schwer zu klären. Nie steht der Mann vom Stuhl auf, um sich ein Konzert anzusehen. So wenig wie er Nahrung braucht, braucht er Neuerscheinungen. Die Zeit ist durch ihn hindurchgeweht, und sein Schweigen gründet sich in seiner ewigen Weisheit. Er hat erkannt: Es bringt doch alles nichts. Bleiben wir einfach sitzen.

"Lieder" für Statuen:

Das Motto der Statue:

"..."

Was tun, wenn du einer Statue begegnest?

Respektvoll beobachten. Den Schritt verlangsamen. Dich inspirieren lassen vom Atem der Welt und der Gelassenheit angesichts des Untergangs.

Die Vandalen: Nachts wird es gefährlich

Der Jünger: Es gibt nur diese eine Band

Der Neunziger-Jahre-Kinnbart: Es sollte immer NOFX da sein

Der Kümmerer: Immer helfen, weil es sonst niemand tut

Der Flirter: Hauptsache er riecht gut

Der Choleriker: Endlich ein Grund zu zetern

Dort, wo noch um zwei Uhr nachts ein unablässiges Gezeter ertönt, ist ein Choleriker zu Haus. Dieser kleine Mann hält die ganze Truppe auf Trab, denn er liebt es, sich über Nichtigkeiten aufzuregen. Im Schnitt benötigt der Choleriker von der Ankunft bis zum ersten Anfall knappe zwei Stunden. Spannt etwa ein Nachbar sein Zeltseil so, dass er seinen Hering hinter der gedachten Heringlinie des Cholerikers in den Boden sticht, sieht er das als Angriff auf seine Privatsphäre an.

Der naive Nachbar prostet ihm beim Aufbau zu, doch statt einer heiteren Verbrüderung fängt er sich vom Choleriker eine kurz angebundene Bemerkung ein wie: "Das kann man auch anders machen." Der Nachbar versteht da noch nicht, was der Choleriker meint. Spätestens aber, wenn er dem Choleriker abends beim Heimkommen das erste Mal stolpernd sein Zeltseil rausreißt, weiß er, mit wem er es zu tun hat. Schnell wie eine Tarantel aus ihrem Erdloch stößt der Choleriker hervor und stößt unkontrolliert Vorwürfe aus, als habe er sein ganzes Leben lang nur darauf gewartet, dass man ihm einen Grund gibt.

Logorrhö, also Sprechdurchfall

Auf dem Konzertgelände ist mit dem Choleriker nicht nur nicht gut Kirschen, sondern auch sonst kaum etwas zu essen. Da er nicht wie alle anderen, die an den Imbissständen etwas gegen Vorlage von Ausweisen und Essensmarken bekommen, auf der Gästeliste steht, müsste er die ausgewiesenen Preise zahlen. Das bedeutete natürlich, für eine Pizzazunge sein Auto und für ein Schälchen Curryreis seine Lebensversicherung zu verpfänden.

Stattdessen nutzt der Choleriker die Chance und beginnt vor jedem Stand eine Diskussion mit den Betreibern. Wie nasse Lappen schlägt er ihnen Beschimpfungen um die Ohren. Die Betreiber wehren sich, und der Choleriker ist in seinem Element. Mit roten Augen steht er im staubigen Sand vor der Bude und stößt immer wieder mit dem Zeigefinger in die Luft.

Im Umgang mit seinen Freunden bricht der Choleriker keinen Streit vom Zaun, leidet aber unter Logorrhö, also Sprechdurchfall. Der Choleriker redet ununterbrochen, denn er kommentiert alles, was er tut, und sei es nur, dass er eine Packung Milchbrötchen aufreißt. Wacht er auf, redet er. Schläft er ein, erfolgt dies lediglich aufgrund massiver Erschöpfung der Stimmbänder und Atemwege.

Lieder für Choleriker:

Das Motto des Cholerikers:

"Nur weil du paranoid bist, heißt das nicht, dass sie nicht hinter dir her sind."

Was tun, wenn du einem Choleriker begegnest?

Niemals auf Diskussionen einlassen. Sie sind wie Treibsand - mit jedem Wort sinkst du tiefer in sein Reich. Geh ihm aus dem Weg. Oder hol einen Barbaren zu Hilfe.

Die Vandalen: Nachts wird es gefährlich

Der Jünger: Es gibt nur diese eine Band

Der Neunziger-Jahre-Kinnbart: Es sollte immer NOFX da sein

Der Kümmerer: Immer helfen, weil es sonst niemand tut

Der Flirter: Hauptsache er riecht gut

Die Statue: Wann steht der Mann vom Stuhl auf?

Der Beitrag ist ein gekürzter und redaktionell bearbeiteter Auszug aus Oliver Uschmanns Buch "Überleben auf Festivals - Expedition ins Rockreich", erschienen beim Wilhelm Heyne Verlag München.

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