Titelverliebtes Österreich: Küss die Hand, Frau Magister!

Von Benedikt Mandl

Die Donaumonarchie ist seit 85 Jahren tot, der Titelwahn lebt. In Österreich erfahren Jungakademiker den sozialen Aufstieg noch am eigenen Leib: Ob Frau Doktor oder Herr Diplompädagoge - kaum trägt man einen schmucken Titel, klappt's auch mit den Nachbarn.

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Nachdem Monika Roithmayr drei Jahre lang an einer irischen Universität für ihre Promotion geforscht und in einem beengten Studentenwohnheim gewohnt hatte, freute sie sich über den Umzug in ihre Heimatstadt Graz - und auf ihre erste eigene Wohnung.

Zwei Tage lang schleppte sie mit Freunden aus ihrer Grundstudienzeit schwere Umzugskartons, am Ende montierte sie feierlich ein Schild an die Tür: "Hier wohnt Moni." Die Housewarming-Party wurde zur Wiedersehensfeier, die zahlreichen Gäste, zumeist selbst noch Studenten, freuten sich über die Heimkehr.

Am nächsten Tag lag ein Zettel vor der Tür, von den neuen Nachbarn. Die, so die griesgrämige Botschaft, verbäten sich jeglichen Lärm durch studentische Besucher. Moni verstand das, läutete an der Tür, bat um Entschuldigung. Und hoffte für die Zukunft auf gutnachbarschaftliche Beziehungen.

Die Hoffnung sollte sich nicht erfüllen: Ob angeblich zu laute Musik, Schuhe im Stiegenhaus oder Hängeblumen am Balkon - kein Grund schien den Nachbarn zu nichtig, um sich zu beschweren. Und stets garnierten sie die Sticheleien mit dem Hinweis, in einem Studentenwohnheim könne man so etwas vielleicht machen. Aber nicht in diesem ehrenwerten Haus.

Von der Lotterstudentin zur Frau Doktor

Irgendwann reichte es Moni dann. Sie ersetzte ihr Türschild durch ein schlichtes "Dr. M. Roithmayr". Und löste damit - auch zum eigenen Erstaunen - eine Verwandlung bei ihren Nachbarn aus: Sobald sie verstanden hatten, dass unter ihnen keine lotterhafte Studentin wohnte, sondern eine waschechte "Frau Doktor", hörten schlagartig alle Beschwerden auf. Die grantelnden Nachbarn wurden zuckersüß.

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In der österreichischen Titelverliebtheit spiegelt sich das Erbe der Donaumonarchie: Stolze 869 Titel gibt es in der Republik Österreich zu erlangen. Das Online-Lexikon aeiou.at unterscheidet zwischen Amtstiteln und Berufstiteln. Letztere werden auch Teil der Anrede: Herr Konsul trifft Frau Universitätsprofessor.

Wer in einem Cafè beim Kellner um beide Zeitungen "Standard" und "Presse" zugleich bittet, der erhalte nicht nur die Tageszeitungen, sondern werde fortan auch mit "Herr Professor" angesprochen, so witzelt man jedenfalls. In einem Land, in dem "Professor" als Ehrentitel nicht nur durch Universitäten, sondern auch vom Bundespräsidenten verliehen wird, adelt der schon mal Persönlichkeiten wie Prof. Udo Jürgens oder Prof. Karl Moik - keine Einzelfälle, von solchen vermeintlichen Hochschullehrern gibt es Hundertschaften.

Obendrein tragen auch Gymnasiallehrer den Berufstitel eines "Professors". Indessen sind Lehrende an Hochschulen mit "Universitätsassistent", "Universitätsdozent" oder eben "Universitätsprofessor" als solche deklariert und anzusprechen.

Für geistes-, sozial- und naturwissenschaftliche Fächer verleihen Universitäten meistens den "Magister", Frauen können aber auch zur "Magistra" werden. Fachhochschulen geben ihren Absolventen oft einen "Magister (FH)" mit auf den Weg. Und ehemalige Studenten der Wirtschaftswissenschaften oder technischer Fächer sind heute Herr Diplomkaufmann oder Frau Diplomingenieur. Solche akademischen Grade sind in Österreich Teil des Namens und müssen in offiziellen Dokumenten auch angeführt werden.

Leben wie Gott in Wien

Noch kurioser wird es bei weniger offiziellen Anreden. Wer es altmodisch liebt, nennt den Rektor einer Universität "Eure Magnifizenz". Doch selbst in Österreich wäre es ein Anachronismus, einen Dekan als "Eure Spektabilität" anzureden.

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John ist Amerikaner, frisch promoviert und derzeit auf Jobsuche. Unter anderem in Wien, einem Hot-Spot für Biologen, die wie er in die aufstrebende Pharma- und Bioindustrie drängen. "Wer sich in den USA online bewirbt, der kann bei Formularen zwischen den Anreden 'Mr', 'Ms' oder 'Dr' wählen", erzählt John. Anders in Österreich. "Als ich die erste Bewerbung bei einem Wiener Pharmaunternehmen ausfüllen wollte, klickte ich auf die Anredefunktion und sah mich mit über einem Dutzend Anreden und Titel zur Auswahl konfrontiert. This country is insane - and I'm loving it!"

John ist begeistert. Amerikaner seien nüchterne Technokraten, die von imperialem Pomp nichts hielten und selbst Akademiker konsequent mit dem Vornamen anredeten. "Ich aber will in einem Land leben, in dem ich mit meinem Doktor wie eine Gottheit behandelt werde!", strahlt John und sieht sich schon im Cafe Hawelka bei einer Melange sitzen.

Dass er seinen Titel, den angloamerikanischen "PhD", erst anerkennen lassen muss, ist ihm egal. Die nötigen Gebühren, so John, werde er dafür liebend gerne entrichten. Bis es soweit ist, übt er schon mal fleißig den korrekten Handkuss - die Lippen dürfen den Handrücken nicht berühren! - und plant für den Sommer eine Wandertour in Tirol zur Einstimmung.

Zwischen Bergräten und Magistern

Titelreiches Oesterreich. Außerordentlicher Universitätsprofessor, Kommerzialrat, Kammerschauspieler, Hofrat und - besonders schick im alpinen Terrain - "Bergrat" sind durchaus keine Arbeitsbezeichnungen oder gar schlechte Kalauer, sondern echte Berufstitel.

"Seit ich 'Diplompädagoge' auf meinem Postkasten stehen habe, grüßt mich der Briefträger viel freundlicher. Arzttermine bekomme ich neuerdings auch immer ganz einfach", erzählt ein junger Lehrer aus Tirol. Die Sache ist bloß: Der Herr Diplompädagoge hat gar nie an einer Universität studiert. Denn seit 2004 wird dieser Titel Absolventen der "Pädagogischen Akademien" verliehen, die eine dreijährige Ausbildung zum Volks- oder Hauptschullehrer anbieten. Studenten der Pädagogik graduieren auch weiterhin mit einer "Sponsion" zum Magister in diesem Fach.

Die Verleihung des "Diplompädagogen" sollte laut Bildungs- und Wissenschaftsministerin Elisabeth Gehrer "einen Beitrag zur Bewusstseinsänderung in der Öffentlichkeit leisten". Veränderungen an der Ausbildung selbst waren mit der Titelvergabe freilich nicht verbunden.

Gehrer selbst ist übrigens auch Lehrerin. Sie hat aber keine "Pädagogische Akademie" absolviert, sondern eine "Lehrerbildungsanstalt". Dafür gab es leider selbst in der Alpenrepublik keinen Titel. Macht aber nichts. Denn schließlich ist sie jetzt eine "Frau Bundesministerin".

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