Toiletten-Prosa: Ich sitze, also kritzle ich

Von Jasper Tjaden

Wo könnten Studenten sich authentischer ausdrücken, wo könnten sie befreiter texten als auf dem Uni-WC? Bestimmt kann man an den Wandsprüchen leicht die Fakultät erkennen. Die Hypothese bedarf einer Überprüfung - ein Rundgang durch die Kabinen der FU Berlin.

Juristen sind steif, Historiker faul, Wirtschaftsstudenten oberflächlich und Informatiker sozialscheu - jeder Uni-Fakultät schleicht ein passendes Vorurteil nach. Ob's stimmt, müsste eigentlich eine bisher wenig beachtete studentische Ausdrucksform beweisen oder widerlegen: die WC-Prosa.

Klotür auf, dann zu und, klack, den Riegel umgedreht: Weg ist die feindselige äußere Uniwelt. Und wo ist der Student ehrlicher als in der Anonymität einer Toilettenkabine? Hier kann er, fernab der Konventionen der eigenen Akademikerzunft, spontan und ohne Zeitdruck der Menschheit mitteilen, was ihn im Innersten beschäftigt.

Zeit für eine Entdeckungsreise durch die Universitätstoiletten der Freien Universität Berlin. In die Hauptmensa gehen Studenten aller Fächer. Das größte Herren-WC der Uni befindet sich unterhalb des Eingangsfoyers und eröffnet mit zehn einladenden Toilettentüren viel Platz für Sprüche oder ganze Geschichten. Und was hat der Student von heute zu sagen? Nichts. Jede Tür zwei Quadratmeter großes weißes Schweigen.

Woran es liegt - Andrea Spieker von der Hochbauverwaltung kennt die Antwort: Wird ein neuer Spruch im Hauptgebäude entdeckt, kommt binnen einer Woche der Maler. Jede größere Schmiererei werde fotografiert und angezeigt, sagt Spieker. Hier wird jeder Spruch in der Behördensprache zur "Schmiererei". Und es sind ja nicht nur Weisheiten und Witze, es sind auch widerliche rassistische und sexistische Parolen.

Andrea Spieker bestätigt, dass es heute weniger "Schmierer" gebe als früher: "Die Klientel hat sich verändert." Das Übermalen von Sprüchen komme bei den Studenten an, denn es "studiert sich einfach besser, wenn es sauber ist". An den Wänden der einzelnen Fakultäten geht es allerdings nicht ganz so sauber zu.

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