SPIEGEL ONLINE: Herr Weichbrodt, Herr Stanjek, Sie haben das komplette Finale der Pro7-Fernsehsendung "Germany's next Topmodel 2011" transkribiert. Warum nur?
Stanjek: Für eine Seminararbeit sollten wir ein Buch gestalten und benötigten dafür Text. Unsere Idee war es, die trivialen Gespräche einer Fernsehsendung in ein hochwertiges Printprodukt zu packen. Dann stellten wir fest, dass "Germany's next Topmodel" wie ein klassisches Drama aufgebaut ist - mit ständigen Wiederholungen. Darum haben wir uns auch für den Reclam-Stil bei der Gestaltung entschieden.
SPIEGEL ONLINE: Das Buch "Das ist der Tag, von dem ihr noch euern Enkeln erzählen werdet" hat 120 Seiten und ist in der Gestaltung wie ein Drama angelegt, inklusive aller Dialoge und Regieanweisungen. Sie müssen sich die Sendung unzählige Male angesehen haben.
Weichbrodt: Heidi Klum sagt zum Beispiel unaufhörlich: 'Auch wenn ich es schon ein paar Mal erwähnt habe: Es kann nur eine Germany's next Topmodel werden' - dieses Mantra hat sich bei mir festgefressen.
SPIEGEL ONLINE: Sind Sie nicht etwas fies zu den Kandidaten und zur Jury? Fast niemand spricht doch druckreif.
Weichbrodt: Es stimmt schon, wenn man jedes Wort abtippt, legt man es auf die Goldwaage. Aber wir wollten eben auch zeigen: Inhaltlich kommt da nicht viel. Das ist ein bisschen fies - aber auch ziemlich lustig.
Stanjek: Wir sind keine Heidi-Klum-Hasser. Wir wollten niemanden damit bloßstellen oder die Leute verteufeln, die sich die "Topmodel"-Show ansehen. Es ist einfach ein großes Spektakel, das sich gut in Dramenform abbilden lässt.
SPIEGEL ONLINE: Auf Ihrer Homepage schrieben Sie, die Sendung sei "Rotz", "menschen-verblödender Schund" und ein "sexistisches und von Maschen durchtränktes Blabla".
Weichbrodt: Das Statement ist etwas unglücklich. Ich hatte es auf mein Portfolio geschrieben, bevor das alles so bekannt wurde - das kommt jetzt natürlich etwas doof. Sagen wir es lieber so: Wir stehen der ganzen Sache kritisch gegenüber.
SPIEGEL ONLINE: Keine Angst, dass Heidi Klum klagen könnte?
Weichbrodt: Das wäre natürlich ärgerlich, aber noch ist es ja nur ein Uni-Projekt. Es gibt nur zwei Exemplare. Eines hat die Uni, das andere Buch haben wir. Wir würden es zwar gerne vervielfältigen, haben aber keine Ahnung, wie man so etwas macht.
SPIEGEL ONLINE: Immer wenn Werbung die Sendung unterbrach, zeigen Sie im Buch verwischte Schwarzweißbilder. Was war Ihr Gedanke dahinter?
Stanjek: Auch die Bilder sollen die Sendung unterbrechen. Im Gegensatz zu den konkreten und oberflächlichen Sätzen der Sendung sind die Fotografien abstrakt. Wir wollten damit etwas Abstand zwischen unser Buch und die "Topmodel"-Show bringen.
SPIEGEL ONLINE: Gibt es denn nichts, was Ihnen an der Sendung gefallen hat?
Weichbrodt: Die hübschen Frauen...
Stanjek: ...naja, es ist eine angenehme Berieselung. Aber meinem Schönheitsideal entspricht das "Topmodel"-Ideal nicht unbedingt.
SPIEGEL ONLINE: Wie waren die Reaktionen auf Ihr Buch?
Stanjek: Wir haben von unserem Dozenten eine 1,0 auf die Arbeit bekommen. Dann berichtete ein großes Blog über das Projekt und schließlich lief es über Twitter und Facebook. Wir haben viele Mails von Leuten bekommen, die das Buch zu Weihnachten verschenken wollen.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben sich jetzt so intensiv mit dem Finale von "Germany's next Topmodel" beschäftigt. Eine Frage zum Schluss: Hat Jana Beller damals zu Recht gewonnen?
Weichbrodt: Hören Sie auf! Ich bin noch immer kein Fan der Sendung.
Stanjek: Und ich hatte zumindest eine andere Favoritin.
Das Interview führte Jonas Leppin
Für die Leseprobe klicken Sie auf die Überschriften des Dramas "Das ist der Tag, von dem ihr noch euern Enkeln erzählen werdet" - hier als Leseprobe die Aufzüge eins, zwei, vier und sechs.
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