Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Tramp-Team Baltikum: Ferien auf dem Reiterhof

Nachdem Jeffrey Weiß und Timo Gramer den estnischen Ministerpräsidenten bei der Arbeit gestört hatten, wollten sie es ein bisschen ruhiger angehen lassen. Da kam die Einladung von Uta Wohlrab gerade recht - die SPIEGEL-ONLINE-Leserin hat eine Farm für Tori-Pferde.

Mittwoch, 2. Juni
Kurzfristige Planänderung

8.30 Uhr. Wir wachen in unserer Besenkammer auf. Endlich mal mehr als zwei bis drei Stunden Schlaf. Wir sind wieder fit, die Akkus sind geladen. Schnell verabschieden wir uns von Eerki und gehen frühstücken - im 24-Stunden-Laden, wie am Tag zuvor auch.

Will im Ausland studieren: Iris aus Tallinn

Will im Ausland studieren: Iris aus Tallinn

Hinter der Theke steht eine junge Estin, die uns die ganze Zeit beobachtet. Sie schenkt uns zwei Blaubeermuffins, umkreist mehrmals unseren Tisch und beäugt unsere technische Ausrüstung. Fünf Minuten später fragt sie nach unserer Herkunft und wir kommen ins Gespräch. Iris ist 20 Jahre alt und studiert Kunst in Tallinn. Ihr Abitur hat sie auf einer der wenigen rein estnischen Schulen in Tallinn gemacht. Dort spricht man kein Russisch. "Die Russen sind so ganz anders als wir Esten", erzählt Iris. "Wir sind eher ruhig, ein bisschen stur und zeigen selten Emotionen. Die Russen dagegen wollen häufig auffallen. Die jungen Frauen laufen in kurzen, bunten Röcken durch die Stadt - immer mit einer modernen Sonnenbrille auf der Nase."

Probleme habe sie mit der russischen Bevölkerung bisher nicht gehabt, aber sie wisse von einigen Bandenkriegen zwischen russischen und estnischen Gangs in Tallinn. Sie selbst habe ihr ganzes Leben in der Stadt verbracht und wolle ihr Studium bald im Ausland fortsetzen. "England oder Deutschland wären toll", meint Iris, "die verstehen wenigstens was von Kunst und interessieren sich auch dafür. Als Malerin kann ich hier in Tallinn sowieso nichts machen!"

Die Studentin ist aufgeschlossen, spricht viel über sich und ihr Land. Und erkundigt sich viel nach Deutschland. Den EU- Beitritt ihres Landes sieht sie kritisch: "Gut, man kann nun problemlos durch die Länder reisen und bald mit einer Währung bezahlen, aber sonst hat sich doch nichts verändert. Die EU ist mir auch egal. Nur die Bananen, die sind jetzt teurer - und auch der Zucker. Der wird jetzt nicht mehr vom Staat subventioniert."

Team Baltikum: Jeffrey Weiß (links) und Timo Gramer
Juliane Schönherr

Team Baltikum: Jeffrey Weiß (links) und Timo Gramer

Wir plaudern eine ganze Weile. Zwischendurch muss Iris die Gäste bedienen. Zum Abschied schenken wir ihr die eigens für die Tour zusammengestellte Musikkassette unseres Radiosenders mephisto 97.6. Iris ist begeistert, denn sie hört gerne deutsche und englische Musik.

Dann bekommen wir einen Anruf aus Leipzig: Uta Wohlrab, eine in Estland lebende Deutsche, hat sich per Lesermail bei SPIEGEL ONLINE gemeldet. Sie rette die seltenen estnischen Tori-Pferde vor dem Aussterben - auf ihrer kleinen Farm, 60 Kilometer südöstlich von Tartu, der zweitgrößten Stadt des Landes. Wir sollten sie doch besuchen kommen.

Wir verabreden uns mit Frau Wohlrab und stehen bald an der Straße nach Tartu. Nach knapp 45 Minuten hält ein topmoderner blauer Alfa Romeo. Alle unsere Versuche, während der Fahrt ein Gespräch zu beginnen, bleiben erfolglos - unser Fahrer verzieht keine Miene. Wir schließen Wetten ab: Wer den Esten als Erster zum Lachen bringen kann, bekommt einen Kasten Bier. Der ausgelobte Preis bleibt aber ohne Gewinner.

DER SPIEGEL
In der Stadt Tartu angekommen, holt uns wenig später eine Deutsch sprechende Frau ab: Ines macht Urlaub auf der Tori-Pferdefarm von Uta Wohlrab. Die beiden haben sich zufällig über das Internet kennen gelernt, seit sieben Monaten verbindet sie eine Art Internetfreundschaft. Seit einer Woche wohnt Ines auf der Pferdefarm. "Um Uta zu helfen, denn immerhin hat sie 17 Pferde, dazu Hunde, Hühner, Katzen und Ziegen zu betreuen."

Eine wellige Straße führt zum Hof Hargo-Talu. Aus dem Haus tritt eine zierliche, lachende Frau, die sich uns sogleich als Uta vorstellt. Die Pferdezüchterin führt uns über den Hof, erzählt zu jedem Pferd dessen Lebensgeschichte und spendiert uns einen Begrüßungscocktail: Euterwarme Ziegenmilch, frisch gemolken. Sieht irgendwie aus wie Cappuccinoschaum - und schmeckt verdammt gut.

Am Abend gibt es ein zünftiges Abendbrot. Wir sitzen gemeinsam mit vier Hunden und mehreren Katzen im Wohnzimmer des Hauses. Bis tief in die Nacht wird gescherzt, über Estland philosophiert und über Pferde gesprochen - Tori-Pferde natürlich. Wir spendieren unseren Eesti-Viin-Wodka und lassen es uns gut gehen. Nebenbei erfahren wir, dass Uta die Verlobte des deutschen Vize-Botschafters von Estland ist.

Um halb vier Uhr nachts gehen wir in unser Bett, in einem alten Holzschuppen direkt neben der Pferdeweide. Draußen ist es schon wieder taghell. Die Nachtigall singt, viele andere Vögel stimmen ein, Grilllen zirpen und die Toris schnaufen leise. Und drum herum nichts als sattes Grün. Müde fallen wir ins Bett. Timo schickt einen Kuss an seine Liebste daheim - knapp 2000 km entfernt.

Was bisher geschah:
Einmal Estlands Regierungschef bei der Arbeit stören
Verzwickte Anreise - wie Timo und Jeffrey beinahe die Fähre verpassten und dann gastfreundliche Letten treffen

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH