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Twittern als Hausaufgabe: Australische Dozentin lässt Studenten zwitschern

Twitter-Pflicht im Seminar - eine Dozentin an einer australischen Uni hielt das für eine prima Idee, um ihre Journalismusstudenten fit für die Zukunft zu machen. Die aber waren eher genervt als begeistert: Manche halten das Gezwitscher im Netz für pure Zeitverschwendung.

Tweet der Studentin Samantha: Hurra, ich hab ne These! Zur Großansicht

Tweet der Studentin Samantha: Hurra, ich hab ne These!

Twitter ist eine ganz große Sache und wird die Medienwelt nachhaltig verändern, sagen die einen. Das Geschnatter im Netz ist Spielkram für im Job gelangweilte Insbürogeher jenseits der 30, sagen die anderen - und eher nichts für junge Leute, die im Web gut zu Fuß sind und soziale Netzwerke sonst so selbstverständlich nutzen.

Eine Uni-Dozentin im australischen Brisbane wollte experimentieren: Jacqui Ewart, 41, von der Griffith University trug ihren Studenten im Journalismusseminar Twittern als Hausaufgabe auf. Sie sollten, während sie Nachrichtentexte schrieben, ihren Arbeitsprozess per 140-Zeichen-Kurznachrichten dokumentieren. "Wir dachten, es wäre nützlich, Twitter einzuführen, weil Arbeitgeber doch heutzutage darauf Wert legen, dass ihre Angestellten soziale Netzwerke und Marketing-Werkzeuge einsetzen", sagte die Dozentin, die selbst begeistert Twitter nutzt, der Tageszeitung "mX".

So konnte man Anfang Oktober etwa der Studentin Samantha Rigby indirekt dabei zusehen und mitlesen, wie sie über ihrem Text brütete. Sie feilte an der These und wurde schließlich nach zwei Tagen fertig, mit dem Ergebnis, dass sie sich von einigen lieb gewonnenen Zitaten habe trennen müssen, wie sie bei Twitter schrieb. Eine Erkenntnis zur Arbeit an einem guten Text lautete: "Drüber schlafen lohnt sich!"

"Sie konnten nicht glauben, dass wir uns damit beschäftigen"

Das gilt womöglich auch für den Twitter-Versuch insgesamt. Die Hauptkritik an diesem Dienst lautet ja, dass die Teilnehmer der Welt da draußen allerlei läppische Statusmeldungen zumuten, à la "Bin gerade lecker essen gewesen" oder auch "Hatte Probleme, die richtigen Zitate für die Hausarbeit auszuwählen".

An dieser Banalitäten-Überschwemmung hat sich die Journalismusdozentin sozusagen mitschuldig gemacht. Einem Drittel der Studenten war die Übung eher lästig, sagte Ewart der "mX". "Ich war überrascht, weil ich davon ausgegangen war, dass alle Schulabsolventen wüssten, wie man Twitter bedient." Doch im Gegenteil: "Viele wussten gar nicht, was es ist. Einige wurden laut und sagten, sie könnten nicht glauben, dass wir uns damit beschäftigen", so Ewart zur Nachrichtenagentur Reuters - "sie fanden, es sei Zeitverschwendung".

Nicht nur Down Under scheint die Jugend vom Kurznachrichtendienst wenig angetan. Im Sommer hatte ein 15-jähriger Teenager in England Twitterfreunde mit einem schriftlichen Aufsatz über die Mediennutzung Jugendlicher für die US-Bank Morgan Stanley irritiert. Sein Fazit: Meine Freunde twittern nicht - für Teenager sei das nichts. Wer Twitter nutzt, wer nicht und ob Jugendliche eine Rolle spielen, ist ein Mysterium, für das sich vor allem Medienkonzerne und Internetberater stark interessieren - und auf das sie bislang keine richtige Antwort haben.

In Australien ist Twitter ein großes Thema, auch weil der Premierminister des Landes, Kevin Rudd, ein erklärter Fan des Kurznachrichtendienst ist. Er hat fast 700.000 Follower, also Leser, die seine Kurzmitteilungen abonniert haben. Rudd twittert allerorten, informiert seine Gefolgschaft allerdings nicht nur über die Regierungsarbeit, sondern auch darüber, wie gut ihm und seiner Bildungsministerin Julia Gillard Hüte stehen: "Julia sah großartig aus, ich bleibe in Sachen Mode eine echte Herausforderung." Das schöne an Twitter: Jeder kann Rudd beim munteren Regieren zusehen.

cht

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Twitter
Prinzip
zu Deutsch zwitschern oder schnattern, ermöglicht es, kurze Textnachrichten als Mikroblog per SMS, Instant Messaging oder Web-Oberfläche zu veröffentlichen. Andere Nutzer können diese Meldung beispielsweise mit ihrem Mobiltelefon oder RSS-Reader verfogen. Der Dienst heißt Twitter, die SMS-ähnlichen Nachrichten Tweets. mehr zu Twitter auf der Themenseite
Geschäft
Twitter hat bislang kein Erlösmodell. Im Gespräch sind Werbung oder kostenpflichtige Twitter-Accounts für Unternehmen. Ende 2008 lehnte CEO Evan Williams ein Übernahmeangebot über 500 Millionen Dollar von Facebook ab. Akute Geldsorgen hat die Firma dennoch nicht - 55 Millionen US-Dollar Risikokapital hat das Unternehmen seit Gründung erhalten, zuletzt brachte eine Finanzierungsrunde noch einmal 35 Millionen US-Dollar.
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