Umsonst wohnen in Holland: "Notfalls lasst euch verhaften"

Von Benjamin Dürr, Amsterdam

Tür aufbrechen, Möbel rein, fertig ist die neue WG: In den Niederlanden besetzen Tausende "Squatter" leerstehende Wohnungen. Bislang ist das legal, doch ab Oktober drohen Haft und Rauswurf. Ausziehen wollen die jungen Häuserkämpfer trotzdem nicht.

Studenten als Hausbesetzer: Gekommen, um zu bleiben Fotos
Benjamin Dürr

In einer grünen Sporttasche kommen die Werkzeuge, gleich soll es losgehen. Mit jedem, der zur Tür hereinkommt, wird die Luft feuchter und wärmer. In einer Amsterdamer Wohnung trifft sich an einem Sonntagnachmittag eine kleine Gruppe, Studenten und Schüler. Auch Wessel, 23, ist dabei, er lehnt lässig an der Wand. Gleich um die Ecke, eine Querstraße weiter, wird er in wenigen Minuten ein Haus einnehmen, gemeinsam mit zwei Dutzend weiteren Hausbesetzern. Eigentlich nichts Besonderes, sagt Wessel.

Wahrscheinlich wird es eines der letzten Male sein. Denn im Oktober greift ein neues Gesetz, das Hausbesetzungen in den Niederlanden unter Strafe stellt. Und niemand weiß, wie es danach weitergeht. Bisher durfte jedes Gebäude, das mindestens ein Jahr leerstand, übernommen werden - ganz legal. "Kraken" wird das Hausbesetzen in Holland genannt. Das einzig Illegale war bisher das Aufbrechen der Tür. Aber dabei müsste man auf frischer Tat ertappt werden.

Besonders Studenten verstanden es, die Regelung für sich zu nutzen, denn günstige Zimmer sind knapp. Obwohl das Semester schon begonnen hat, suchen derzeit noch Tausende eine Bleibe. Die Studenten-Union der Niederlande (LSVb) hat ausgerechnet, dass allein dieses Jahr über zwanzigtausend Studentenwohnungen fehlen. Und besonders groß ist die Wohnungsnot in Amsterdam.

Mit der Volljährigkeit zum Hausbesetzer geworden

Aus diesem Grund "kraakt" auch Wessel. Er trägt Hemd, Sakko und Lederschuhe - keinen schwarzen Kapuzenpulli wie die anderen hier. Mit 18 hat er das erste Haus eingenommen. "Ich wollte mit meinen Freunden zusammenwohnen, so eine große Wohnung ist in Amsterdam unbezahlbar." Neun Jungs waren sie. Heute hat er sein Studium der Geowissenschaften abgeschlossen, wohnt noch immer in einem "gekraakten" Haus, unter dem Dach, und ist in der Szene aktiv.

An die zwei- bis dreitausend "Squatter" gibt es in den Niederlanden, also Menschen, die eine Wohnung besetzt haben. Sie organisieren sich in Vereinigungen wie der SKSU, in den Städten gibt es Sprechstunden für Interessierte.

"Kraken" ist eine organisierte Tat - aber kein Verbrechen. Jedenfalls bislang. Ein Besetzer übernimmt das Kommando, zwei andere sollen mit der Polizei verhandeln, zwei Dutzend weitere für Deckung sorgen. Der mit der grünen Sporttasche wird die Tür aufbrechen.

Um kurz nach fünf an diesem Sonntagmittag wird es ruhig in der Wohnung, der Anführer gibt letzte Hinweise. "Gleiche Choreografie wie letztes Mal", ist zu hören. "Der Polizei keine Ausweise zeigen." "Notfalls lasst ihr euch verhaften." Dann zieht die Gruppe los. Einer sagt, er studiere Architektur, ein anderer Sozialpädagogik. Einmal abbiegen, dann geht alles schnell. Der Mann mit der grünen Sporttasche schwingt sich die Treppen zur Tür nach oben, auf den Stufen drücken sich die anderen aneinander. Bei manchen verdecken schwarze Tücher das Gesicht, ihre Kapuzen haben sie tief in die Stirn gezogen.

Der Bohrer surrt. "Irgendwas klemmt", raunt jemand. Dann drei Tritte. Die Tür geht auf. Sieben Leute rein, die anderen geben von unten drei Matratzen, drei Stühle und drei Tische durch. Von innen wird die Tür verbarrikadiert.

Meistens rufen wir die Polizei selbst

Tisch, Stuhl, Bett für jeden Raum: Das soll das Zeichen für die Polizei sein, dass hier jemand wohnen wird. Manchmal, wie jetzt, rufen aufgeschreckte Nachbarn die Polizei. "Meistens rufen wir aber selber an", sagt Wessel. Die Beamten überprüfen dann, wie lange die Wohnung schon leersteht. Sind es mehr als zwölf Monate, wiegt das Recht auf Wohnung schwerer als das Eigentumsrecht. Bis der Eigentümer eine neue Nutzung nachgewiesen hat, dürfen die Studenten dann bleiben.

Das ändert sich zum 1. Oktober. Seit Jahren versucht die liberale Partei, Hausbesetzungen zu verbieten - jetzt ist es so weit. Bis zu zwei Jahre und acht Monate Haft drohen nun für das "Kraken" einer Wohnung. Außerdem müssen die Studenten damit rechnen, sofort hinausgeworfen zu werden.

Gibt es ab Oktober also keine besetzten Häuser mehr? "Das wäre schade", sagt Wessel; die anderen sehen es ähnlich. Hausbesetzungen gelten als Symbol für das liberale Holland. In den vergangenen Jahrzehnten hat die "Squatter"-Szene Amsterdam und die Niederlande auch kulturell geprägt. Denn aus "gekraakten" Häusern sind nicht nur Wohnungen für Studenten geworden, sondern auch alternative Kulturzentren.

Trotzig sagt Wessel: "Wir bleiben auf jeden Fall in unserer Wohnung." In der Szene munkelt man außerdem, dass die Polizei gar nicht genug Kapazität habe, tatsächlich die Hausbesetzer zu verfolgen. Noch scheint unklar, wie hart wirklich durchgegriffen wird. Eine Mitarbeiterin der Stadtverwaltung von Amsterdam sagte SPIEGEL ONLINE: "Wenn das neue Gesetz in Kraft tritt, wird die Verwaltung einen Vorschlag machen, wie man die Sache handhabt." Andere Städte haben bereits angekündigt, nicht gleich die volle Härte des Gesetzes einzusetzen.

Angst, auf der Straße zu landen, haben die Studenten in Amsterdam nicht: "Wir sind bereit, zu kämpfen", meint Rud. Auch er, ein 22-jähriger Geografiestudent, ist seit Jahren dabei und hat irgendwann aufgehört mit dem Zählen der Häuser, die er schon eingenommen hat. "Es ist immer ein Abenteuer", sagt Rud. Damals hat er "gekraakt", weil er kein Zimmer gefunden hat. "Heute hat es für mich auch einen politischen Grund". Man wolle sich gegen die großen Immobilienkonzerne wehren, die mit Wohnraum spekulieren und hohe Mieten verlangen.

Als erstes hissen die Hausbesetzer an ihrer neuen Wohnung im Amsterdamer Südosten ein Transparent mit Parolen gegen die Wohnungsbau-Gesellschaft. Drinnen, in der "gekraakten" Wohnung liegen noch die Papp-Abdeckungen auf dem Boden, es riecht nach Farbe. Alles ist frisch gestrichen. "Das Haus", sagt "Squatter" Rud, "war ein Gewinn."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 35 Beiträge
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1. Leerstand
Sonntagskind 27.09.2010
Wohnung voll wärme isoliert und renoviert, kinder- und katzenfreundlich, Erdgeschoss, 98 Quadratmeter, Grundschule nebenan, mit Garten incl. Obstbäume , 6 Euro Kaltmiete. Nachteile : Gartenpflege ( 680 qm)mit Rasen und Winterdienst des Bürgersteig. Junge Mieter wollen das nicht und ältere Mieter können das nicht pflegen, also Leerstand.
2. Deutsches Recht
seine_unermesslichkeit 27.09.2010
Wer in Deutschland gewaltlos an die Schlüssel einer leerstehenden Mietwohnung kommt, der kann mindestens ein Jahr umsonst drinn wohnen. Das ist deutsches Recht! Der überaus freundliche und ordentlich gekleidete Wohnungssuchende sucht den Vermieter auf und bekundet sein Interesse an seiner Mietwohnung. Der hoch erfreute Vermieter, der gerade keine Zeit hat, händigt ihm schon mal den Schlüssel aus und sagt dem Interessenten, dass er 20 Minuten später nachkommt. Ab diesem Zeitpunkt gehört dem Mietnomaden die Mietwohnung für mindestens ein Jahr. Er stellt schnell ein Bett und ein paar persönliche Sachen rein und behauptet gegenüber der Polizei, dass der Mietvertrag schon vor Wochen mündlich zustande gekommen ist. Das Gewaltmonopol liegt beim Staat. Nur die Polizei darf den Mietnomaden nach richterlichem Urteil rausschmeissen. Das Prozessieren dauert in Deutschland mindestens 1 Jahr. Prozesskosten, Wohnungs-Nebenkosten etc. trägt der Vermieter!
3. Interessante...
sappelkopp 27.09.2010
...Rechtsauffassung der Holländer, schade, dass es damit ein Ende hat. Aber schließlich ist das Recht an einer Sache eh wichtiger als das Recht auf Wohnen; ist ja in Deutschland nicht anders.
4. schade
gilowyn 27.09.2010
a) Heißt der zweite Junge im Artikel wahrscheinlich Ruud und nicht Rud. b) Finde ich die Handhabe völlig legitim - und sie funktioniert in Holland. Viele meiner Freude wohnen in gekraakten Häusern. Warum stehen Gebäude mehr als ein Jahr leer? Gerade in A'dam liegt es sicher nicht an der Unvermietbarkeit von nicht-sanierten Wohnungen... denn es wird wirklich alles vermietet, egal welcher Zustand. Mir wurden schon Wohnungen ohne Badezimmer angeboten, mit Metall-Dusch-Ei in der Küche - laut Anzeige WG-geeignet. Vielmehr sind es Anlageobjekte, die gekraakt werden, oder Bürogebäude. Während Studenten sich nicht einmal ein WG-Zimmer leisten können, stehen diese leer... das ist nicht rechtens. Ich hoffe, dass das Anti-Kraak-Gesetz demnach nicht durchgesetzt wird.
5. Jura novit curia
SNA 27.09.2010
Zitat von seine_unermesslichkeitWer in Deutschland gewaltlos an die Schlüssel einer leerstehenden Mietwohnung kommt, der kann mindestens ein Jahr umsonst drinn wohnen. Das ist deutsches Recht! Der überaus freundliche und.....
Ah, schon wieder ein Nicht-Jurist, der sich als Fachmann ausgibt. RIchtig ist, dass der Vermieter die Kosten v o r l ä u f i g tragen muss. Er hat nicht nur was die Prozesskosten und Wohnungskosten angeht einen Erstattungsanspruch gegen den Besetzer, sondern er kann sogar Nutzungsentschädigung verlangen. Dass der Besetzer kein Geld hat, kann man dem Rechtsstaat nun nicht anlasten, oder? Im Übrigen sollte derjenige, der vermietet, rechtlich doch mindestens so bewandert sein, dass er einen Schlüssel nicht einfach so herausgibt.
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Rang Standort Ausgaben für Miete*
1 Köln 359
2 München 358
3 Hamburg (ohne Uni Hamburg) 351
4 Düsseldorf 338
5 Frankfurt-a.M. 337
6 Mainz 327
7 Konstanz 327
8 Darmstadt 322
9 Berlin 321
10 Wuppertal 318
11 Heidelberg 314
12 Ulm 313
13 Duisburg 311
14 Bonn 309
15 Bremen 308
16 Freiburg 307
17 Stuttgart 306
18 Münster 305
19 Tübingen 304
20 Aachen 304
21 Mannheim 302
22 Braunschweig 302
23 Potsdam 301
24 Karlsruhe 300
25 Hannover 299
26 Regensburg 295
27 Marburg 294
Gilt für Standorte, für die Angaben von mindestens 50 Studierenden vorliegen; *einschließlich Nebenkosten (Bezugsgruppe "Normalstudent", arithm. Mittelwert in Euro)

Quelle: DSW/HIS 20. Sozialerhebung

...und die Plätze 28 bis 54
Rangfolge der Hochschulstädte nach der Höhe der monatlichen Ausgaben für Miete und Nebenkosten
Rang Standort Ausgaben für Miete*
28 Oldenburg 292
29 Bochum 290
30 Kiel 290
31 Siegen 289
32 Augsburg 289
33 Trier 289
34 Saarbrücken 288
35 Passau 288
36 Bamberg 286
37 Rostock 282
38 Greifswald 281
39 Osnabrück 280
40 Gießen 279
41 Göttingen 277
42 Würzburg 277
43 Kassel 277
44 Bayreuth 275
45 Bielefeld 274
46 Kaiserslautern 268
47 Hildesheim 262
48 Jena 260
49 Magdeburg 253
50 Leipzig 251
51 Halle 249
52 Erfurt 248
53 Dresden 247
54 Chemnitz 211
Gilt für Standorte, für die Angaben von mindestens 50 Studierenden vorliegen; *einschließlich Nebenkosten (Bezugsgruppe "Normalstudent", arithm. Mittelwert in Euro)

Quelle: DSW/HIS 20. Sozialerhebung


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