Uni-Bibliotheken: Wie am Pool von Mallorca
Sachen abwerfen, schönsten Platz reservieren, erstmal Kaffee trinken - was Hotelgästen das Handtuch auf der Liege, ist manchen Studenten der Bücherstapel auf dem Tisch. Die Bibliotheken setzen auf Erziehung: mit Parkscheiben als Anti-Blockier-System, "Homezones" und Lärm-Ampeln.
Der Student in seinem natürlichen Lebensraum, der Bibliothek, neigt zu fiesem, rüdem, egoistischem Verhalten. Da sind die BWLer, die kurz vor der Klausur die Kopiervorlage der Formelsammlung aus dem Semesterapparat verschwinden lassen. Oder Jura-Studenten, die voreinander die examensrelevanten Gesetzbücher verstecken. Schön ist das nicht und führt dazu, dass manche Bibliotheken inzwischen Büchersucher beschäftigen, die verschollene Literatur aufspüren.
Sicher, solche Rüpel sind die Ausnahme. Aber Unibibliotheken sehen sich genötigt, erzieherisch auf ihr Lese- und Ausleihpublikum einzuwirken. Längst haben sie sich gewandelt, vom verstaubten Bücherkeller zum modernen Dienstleister. Mit eBooks und Digitalisierung verhindern sie, dass sich Studenten mit geklautem Klausurmaterial einen Vorteil bei der Prüfung verschaffen. Und die Nutzer können per Mausklick viele Angebote vom heimischen Schreibtisch aus ansteuern.
Trotzdem pilgern zahlreiche Studenten aus Überzeugung in die Büchertempel. Denn im Lesesaal können sie sich besser konzentrieren. Und zu Hause dräut das studentische Trendleiden Prokrastination alias Aufschieberitis, schließlich sind dort Kühlschrank, Fernseher und Telefon stets in Reichweite.
Wirtschaftsinformatikstudent Carsten Bubbich, 23, verbringt wegen seiner Bachelorarbeit an manchen Tagen acht bis zehn Stunden in der Bibliothek. Hier ist er nicht so abgelenkt und findet es gut, seine Lebensbereiche klar zu trennen: "Zuhause ist Freizeit, in der Bibliothek ist Arbeitszeit."
Die vollgepackten Stundenpläne der Generation Bologna lassen es oft nicht zu, zwischen zwei Vorlesungen nach Hause zu fahren. "Für manche Studenten werden die Hochschulbibliotheken zu primären Lebensräumen, in denen sie in Prüfungsphasen zum Teil mehr Zeit als in ihrem Wohnheim verbringen", sagt Steffen Wawra vom Deutschen Bibliotheksverband und schwärmt: "Bibliotheken werden zu lebendigen Lernorten, zu Orten der Kommunikation."
Die meisten treibt der Wunsch nach einem festen Arbeitsplatz, für manche ist die Bibliothek die ideale Flirtbörse. Zu viel Kommunikation ist aber auch nicht gut: Die Lautstärke im Lesesaal kann zum Problem werden, der Platzmangel ohnehin. Beides versuchen die Bibliotheksleitungen in den Griff zu bekommen und setzen mitunter auf sonderbare Ideen, um den Wohlfühlfaktor zu erhöhen - ein kleiner Rundflug durch Deutschlands Unibibliotheken.
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- Dienstag, 04.01.2011 – 08:50 Uhr
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