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Studenten als Gründer: Flügel für Flüchtlinge

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DPA

Flüchtlinge im Mittelmeer: Lost in Bürokratie

Eine Online-Uni für Papierlose, Seenotkreuzer mit medizinischer Ausrüstung: Studenten haben hoffnungsvolle Ideen für Flüchtlings-Probleme. Die Frage ist nur: Wie finanziert man diese Projekte?

Sie kommen mit Booten und versteckt in Lastwagen, hoffen auf eine Zukunft in Deutschland und brauchen unsere Hilfe - das dachte sich auch der Berliner Psychologiestudent Markus Kreßler, als er von den Flüchtlingsmassen aus Syrien, Eritrea und anderen Krisenstaaten hörte. Nach etlichen Gesprächen mit jungen Asylbewerbern hat er nun einen großen Plan: die Gründung und Leitung der weltweit ersten Hochschule, die extra für Flüchtlinge geschaffen wurde.

Bei seinen Besuchen in Berliner Wohnheimen traf der 25-Jährige auf viele junge Asylbewerber, die schon in ihrer Heimat ein Studium aufgenommen hatten und sich nun danach sehnen, ihre Ausbildung fortzusetzen. Das ist für die meisten Flüchtlinge allerdings unmöglich: Entweder fehlen ihnen die nötigen Zertifikate - oder sie können sich die Gebühren nicht leisten. Kreßler wollte, dass sich das ändert. Nach vielen Monaten ehrenamtlicher Arbeit ist es nun bald so weit: Im Herbst sollen die ersten Kurse an der Wings University starten. Die Wahl fiel auf diesen Namen, weil die neue Hochschule den Studenten "Flügel" für den Start in ein anderes Leben verleihen soll.

Die Nachfrage ist jetzt schon riesig

Kreßler, sein Freund Vincent Zimmer und einige andere Mitstreiter haben ein Konzept erarbeitet, das auf die Bedürfnisse von Flüchtlingen zugeschnitten ist. Egal ob sich die Studenten noch auf dem Weg befinden oder schon in einem Wohnheim sind - sie sollen Vorlesungen belegen können. Weil die Flucht vieler Menschen aus Afrika oder Arabien oft mehrere Jahre dauere, würden alle Kurse online verfügbar sein, sagt Kreßler. Die meisten Flüchtlinge hätten Zugang zum Internet, und in den Heimen gebe es ohnehin Computerräume.

Den Gründern kommt entgegen, dass viele US-Elite-Unis ihre Vorlesungen zur freien Verfügung ins Netz übertragen. Aus diesen und später auch aus selbst organisierten Veranstaltungen konzipiert ein Team von acht Dozenten nun komplette Studiengänge für die Flüchtlings-Uni - von BWL über Architektur bis zu Literaturwissenschaften. Nach und nach wollen Kreßler und sein Team diese Studiengänge akkreditieren lassen, damit sie später auch von Arbeitgebern anerkannt werden.

Weil sich sein Plan übers Internet herumgesprochen habe, sei die Nachfrage schon jetzt riesig, sagt Kreßler. Über 3000 Flüchtlinge hätten sich bereits beworben. "Mich rufen wildfremde Syrer an, die erzählen, dass sie vom 'Islamischen Staat' vertrieben wurden, und fragen, wann es endlich losgeht mit unserer Uni." Viele der Anrufer hätten in ihrem Heimatland zur Bildungselite gehört, ihr Studium dann aber abrupt abbrechen müssen. "Diese Leute sollen bei uns ihre fehlenden Scheine machen können", sagt Kreßler.

Wie finanziert man solche Projekte?

Die Zahl der Studenten, die sich für Flüchtlinge ins Zeug legen, wächst von Woche zu Woche. Der AStA der Universität Lüneburg hat ein Projekt gestartet, das Flüchtlingen eine Gasthörerschaft an der Hochschule ermöglicht. Einige Asylbewerber können so immerhin im Stoff bleiben - auch, wenn sie nicht zu Prüfungen zugelassen werden. Schon lange geben Studenten ehrenamtlich Sprachkurse oder helfen Flüchtlingen bei Behördengängen. Und an der Hochschule Bremen haben sich junge Schiffbauer dem Problem gewidmet, dass viele Flüchtlingsboote im Mittelmeer kentern und die Rettung gar nicht oder viel zu spät kommt: Die Masterstudenten entwarfen einen Seenotkreuzer, auf dem es medizinische Ausrüstung inklusive eines Operationssaals geben soll, dazu drei kleinere Tochterboote, um Flüchtlinge an Bord zu holen.

Die Frage ist: Wie finanziert man solche Projekte? Das Rettungsschiff würde etwa 30 Millionen Euro kosten. Bislang, heißt es aus Bremen, habe noch niemand Unterstützung angeboten. Auch bei der Wings University ist die dauerhafte Finanzierung noch offen. Kreßler und seine Mitstreiter hoffen darauf, wie andere private Hochschulen staatliche Kompensationszahlungen pro Student zu bekommen. So ließe sich das Projekt finanzieren. Zudem laufen schon Gespräche mit den Vereinten Nationen und Geldgebern aus dem Ausland, zum Beispiel aus der Türkei. Noch fielen keine laufenden Kosten für die Flüchtlings-Uni an, weil alle Organisatoren unentgeltlich arbeiteten. Klar, sagt Kreßler, sein eigenes Studium leide - aber es gebe eben Wichtigeres. Und eine Finanzierung finde sich am Ende schon.

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