Uni-Kultfilm "Feuerzangenbowle": Jeder nor einen wönzigen Schlock

Von Britta Mersch

Über 60 Jahre ist die "Feuerzangenbowle" alt - und an den Unis ungemein populär. 2000 Besucher in Münster, gar 10.000 in Göttingen: Zu Weihnachtspartys im Hörsaal rücken Studenten mit Weckern, Wunderkerzen und Glühwein an und spielen die schönsten Filmszenen mit.

Gerade haben die letzten Jurastudenten ihre Strafrechtsklausur abgegeben, da wird es weihnachtlich im Hörsaal F1 des Fürstenberghauses der Uni Münster. Vier Mitarbeiter des Uni-Film-Teams in blau-gelben Nikolausmützen bauen eine Videoanlage auf und beschallen den kargen Hörsaal mit besinnlicher Musik: "We Are The World" oder einer Weihnachtsschnulze von Mariah Carey.

"Wir haben hier heute eine besondere Vorstellung", verkündet Marko Schäfer, einer der Organisatoren, feierlich. Auf dem Programm steht die "Feuerzangenbowle", Baujahr 1944, mit Heinz Rühmann, Baujahr 1902 – ein Film, der in Münster schon seit Jahren zum festen Repertoire der Vorweihnachtszeit gehört.

Die Besucher sind in festlicher Stimmung. Sie haben Glühwein in Thermoskannen, Lebkuchen und Teelichter dabei. "Die Atmosphäre hier ist einfach toll", schwärmt Lehramtsstudentin Johanna Schubert, die in diesem Jahr zum zweiten Mal zur Uni-Aufführung kommt, "wir treffen uns vorher mit ganz vielen Leuten und machen uns einen schönen Abend."

Mega-Party in Göttingen

Kurz vor dem Filmstart wird die Eingangstür sachte geöffnet. Da steht er, der Nikolaus - Jubel und Applaus. Geschenke gibt es aber nur für ein Weihnachtslied. Also schmettern die Studenten die "O Tannenbaum"-Strophen mit einer Inbrunst, die sich so mancher Professor in diesem Hörsaal wohl auch mal wünschen würde.

Dann aber endlich die gute alte "Feuerzangenbowle". Für einige Szenen haben die Studenten feste Rituale. Wenn sich die alten Freunde von Johannes Pfeiffer (nur echt mit drei f) ihre Schulstreiche erzählen und mit der Feuerzangenbowle anstoßen, stehen die Studenten im Hörsaal auf und prosten sich zu. Wenn an Pfeiffers erstem Schultag morgens um sieben sein Wecker läutet, rattern auch im Hörsaal um die 50 Wecker los. Und in der Szene, in der der Pennäler für seinen Tischnachbarn mit einem Spiegel die Wanderung der Goten auf einer Landkarte nachzeichnet, gehen im Hörsaal die Taschenlampen an und verfolgen den Weg mit. Die Stimmung im Saal ist ausgelassen. Die Studenten unterhalten sich, trinken, feiern.

Die Münsteraner widmen der "Feuerzangenbowle" eine ganze Woche. Fünf bis sechs Termine gibt es jedes Jahr. Die Hörsäle, zum Teil mit 500 Plätzen, sind meist restlos ausverkauft. Die größte Feuerzangenbowle-Party allerdings findet jedes Jahr in Göttingen statt: ein Abend, fünf Kino-Hörsäle, 20 Vorstellungen, rund 10.000 Besucher.

"Die Stimmung ist anders als im Kino", beschreibt Veranstalter Georg Schneider die Party, "die Leute feiern schon während des Films und sprechen die bekanntesten Szenen mit." Zum Beispiel, wenn Lehrer Schnauz seinen Schülern im Chemieunterricht "einen wönzigen Schlock" Heidelbeerwein aus dem Reagenzglas gibt.

7500 Karten an einem Morgen verkauft

Die Göttinger sind die Pioniere des "Feuerzangenbowle"-Kults. Die Party gibt es schon seit 20 Jahren, mit nahezu gleichem Programm: "Wir haben damals etwas ganz neues auf die Beine gestellt", erinnert sich Karsten Leffers von der Göttinger Uni-Film-Agentur in Göttingen. Sie koordiniert die Verteilung der Komödie an die Hochschulen. "Wir waren total verrückt und haben ein Symphonieorchester gebucht", erzählt der Agenturgründer, "dabei hatten wir keinen Schimmer, wie wir das bezahlen sollen."

Ein Zufall rettete die riskante Kalkulation. Heinz Rühmann höchstpersönlich hatte von den Filmvorführungen in Göttingen gehört: "Wir haben schon vorher die Filme gezeigt und ihn in Briefen dazu eingeladen", erinnert sich Karsten Leffers. Gekommen ist Rühmann zwar nicht, plauderte aber in einer "Wetten dass…?" - Sendung er über Göttinger Veranstaltungen. Keine fünf Stunden später, um drei Uhr morgens, kamen dann Hunderte von Studenten zur Vorverkaufsstelle der Uni: "Jemand hat die Polizei gerufen, weil er dachte, da ist eine Demo", so Leffers, "wir sind hingestürzt und haben bis zum nächsten Mittag 7500 Karten verkauft."

Freiburg, Mannheim, München, Hamburg, Essen, Hannover, Kiel - der Klassiker läuft an etlichen Hochschulen. In Münster sehen jedes Jahr zwischen 1500 und 2000 Studenten die "Feuerzangenbowle". Das Highlight im Hörsaal ist das Ende, wenn Johannes Pfeiffer in seiner Verkleidung als Lehrer Schnauz das Radium sprühen lässt. Im Hörsaal zünden dann alle ihre Wunderkerzen an. Die Studenten schmelzen dahin, wenn Pfeiffer endlich das Herz seiner Eva, der Tochter des Direktors, erobert. Sie seufzen und bekommen einen sentimental-verklärten Blick. Beschwingt von Film und Glühwein verlassen die Studenten an diesem Abend die Uni. Zu Ende ist das Feiern noch lange nicht - traditionell geht es jetzt zum Tanzen in die Clubs. Und in dieser Nacht rocken 13 Dozenten bei der "Night of the Profs" Münsters Ausgehmeile.

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