Uni-"Tatort": Mord & Totschlag in Münster

Von Norbert Robers

Zankt das kultige Duo Thiel und Prof. Boerne beim Münster-"Tatort", dient die Universität als Kulisse. Norbert Robers machte fürs Hochschulmagazin "duz" den Realitäts-Check: Passt der Krimi zur Hochschule? Passt sogar ziemlich gut, nur selten muss die Uni-Chefpathologin im Sektionssaal einschreiten.

"Tatort": Uni Münster als Kulisse Fotos
WDR/ Trambow

Eine Moorleiche, die nach 20 Jahren wieder auftaucht, eine junge Studentin auf der Suche nach ihrer mutmaßlich toten Mutter, dazu ein übles Familiengeheimnis, das zwei sympathisch schräge Ermittler zielstrebig lüften: Konnte es einen besseren Auftakt für den ersten Münster-"Tatort" geben als jene 511. Folge des deutschen Krimiklassikers vom 20. Oktober 2002 mit dem Titel "Der dunkle Fleck"?

Im Gegenteil. Ein Hauch von Francis Durbridge, dem berühmten britischen Krimiautor, wehte an diesem Abend durch die westfälische Uni-Stadt - der Prinzipalmarkt, die Kinos und Straßen waren ab 20.15 Uhr zugunsten der heimischen Wohnzimmer praktisch entvölkert. Knapp neun Millionen Zuschauer verfolgten damals die etwas andere Verbrecherjagd von Frank Thiel und Prof. Dr. Karl-Friedrich Boerne. Nach nur 90 Minuten hatten sich der bullige Kommissar und der eloquente Rechtsmediziner, eine eher ungewöhnliche Aufklärerkonstellation, bereits in die Herzen vieler Krimifans und fast aller Münsteraner ermittelt.

16 Mal scheuchte Boerne seitdem seine kleinwüchsige Assistentin, die er nach dem Nibelungenzwerg Alberich nennt, mit feinem Humor und spitzen Bemerkungen durch die Räume der Pathologie, während sich Thiel ebenso häufig seines Taxi fahrenden Vaters annehmen musste. Nur selten fiel ein Schuss, in der Bundeshochburg der Fahrrad-Diebstähle wird eben meist anders gemeuchelt und aufgeklärt.

"Ein toter Priester zählt so viel wie zwei tote Bürgermeister"

Und es gilt offenbar eine spezielle Zählweise. "In Münster", brummte Staatsanwältin Wilhelmine Klemm einst mit ihrer dunkelrauchigen Stimme ins Mikro, "zählt ein toter Priester so viel wie zwei tote Bürgermeister."

Ein Klischee, logisch, wie vieles andere auch. Auch in Münster scheint gar nicht so selten die Sonne, und nicht jedem Münsteraner ist von Geburt an das Fahrrad an den Allerwertesten angewachsen. Womit wir erstens bei Deutschlands echten Ordnungshütern wären, von denen einer Umfrage zufolge fast 20 Prozent Thiel und Boerne "umwerfend komisch" finden und deshalb zu ihren "Tatort"-Favoriten erklärt haben. Und womit zweitens ganz automatisch die alles überragende münstersche Institution ins Blickfeld gerät - die Universität.

Mal liegt eine professionell präparierte Leiche in einem Uni-Institut, mal offenbart ein überheblicher Dozent sein zweites, sprich kriminelles Gesicht, und in der "Wolfsstunde" macht ein würgender Mörder einer Jurastudentin den Garaus.

Uni als Titel-, Themen- und Thesenfundus

Wilsberg, der zweite (ZDF-)Krimistar aus Münster, weiß es bereits seit 1995: Die Westfälische Wilhelms-Universität eignet sich hervorragend als Titel-, Themen- und Thesenfundus. Denn in Münster ist die Uni nicht einfach nur ein Teil der Stadt, in Münster ist die Stadt der Campus. Seit Jahren schon sind die universitären "Tatort"- und "Wilsberg"-Schauplätze ein ebenso fester wie beliebter Bestandteil von Stadtführungen. Und bisweilen inspirieren die "Tatorte" auch die Wissenschaftler.

Als Dr. Angelika Lohwasser, Professorin am WWU-Institut für Ägyptologie und Koptologie, unlängst erfuhr, dass Mitte Mai der 17. Münster-"Tatort" mit dem Titel "Der Fluch der Mumie" im Ersten läuft, beschloss sie spontan, "die Sendung produktiv für uns zu nutzen": Die Archäologen werden pünktlich zum Filmstart eine Mumien-Ausstellung eröffnen.

Doch was wäre der feinsinnige Leichensezierer Boerne ohne die Profis aus der Domagkstraße 17, dem Institut für Pathologie der Universitätsklinik? Meist beschränkte sich die Leitende Oberärztin Gabriele Köhler ab 2002 darauf, dem 50-köpfigen Colonia-Film-Team die passende "Location" freizugeben und herrichten zu lassen: den mit vier Tischen bestückten Sektionssaal, Raum 230 als Prof. Boernes Büro, die angrenzenden Flure als Cateringstation und einen Großteil des Parkplatzes für das Filmteam - Kostümwagen, Garderobe mit Schminkplatz sowie Wohnwagen für die Stars.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 14 Beiträge
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1. Prof. Boerne
cymbidium 16.05.2010
Das ist jetzt nicht die Antwort auf die Fragestellung, (Ich war noch nie in Münster) aber was mir beim Lesen des Beitrags sofort einfiel: Wie wäre es, wenn Wilsberg beim "schnüffeln" auf Boerne stößt? Ich finde, das wäre die Show. Gruß Michael
2. ...
SIBO 16.05.2010
Ich finde die beiden unschlagbar. Der Tatort, woe Boerne sich beide Hände gebrochen hatte, und wie Jan Josef Liefers das spielte, das war einfach zum Brüllen komisch. Da war die Aufklärung fast Nebensache.
3. Mal ehrlich
pulegon 16.05.2010
Zitat von SIBODa war die Aufklärung fast Nebensache.
Guckt irgendwer den Tatort Münster wegen der Krimihandlung? Sie könnten die beiden auch an einen Tisch setzen und ihre Dialoge bei einem Glas Wein führen lassen. Es würde funktionieren ;-)
4. ...
SIBO 16.05.2010
Zitat von pulegonGuckt irgendwer den Tatort Münster wegen der Krimihandlung? Sie könnten die beiden auch an einen Tisch setzen und ihre Dialoge bei einem Glas Wein führen lassen. Es würde funktionieren ;-)
Das unterschreibe ich sofort ;-)
5. Pathologie und Gerichtsmedizin ...
docbayern 16.05.2010
Nochmal für alle - auch für die Macher des Tatorts: Pathologie und Gerichtsmedizin haben NICHTS miteinander zu tun. Das sind zwei völlig unterschiedliche Disziplinen mit völlig unterschiedlichen Zielsetzungen. Boerne und Thiel sind jedesmal zum Brüllen komisch, aber Boerne ist nunmal kein Pathologe und wird es auch nie sein.
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duz - Deutsche Univeristätszeitung
Magazin für Forscher und Wissenschaftsmanager
Heft 5/2010

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Zum Autor

Norbert Robers, 47, hat von den seit dem 29. November 1970 rund 750 ausgestrahlten "Tatort"-Folgen einen großen Teil allsonntäglich verfolgt. Der Pressesprecher der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster ist bekennender Fan der ARD-Serie. Abgesehen von den Kriminalfällen im heimischen Münster hegt Robers für keins der Ermittlerpärchen besondere Sympathie. Ob Batic, Blum oder Ballauf: Die Akteure und der Ort der Tat sind für ihn zweitrangig. Entscheidend ist die Geschichte. Wie sich das für einen gelernten Journalisten gehört.

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