Party-Logbuch Frankfurt: "Work hard, play hard"

Wie feiern neureiche schnöselige Banker? Das fragte sich Maximilian Popp - und tauchte ein ins Nachtleben von Frankfurt am Main. Zwischen Gesprächen über Rindercarpaccio und Goldman Sachs lernte er, Deichkind grölend, das Motto der jungen Anzugträger kennen: "Man muss auch stilvoll feiern können."

Frankfurt mit Anzugträgern: Junge Banker wollen stilvoll feiern Fotos
Bostelmann / Bildfolio

10.00 Uhr Frankfurt? Andy schüttelt den Kopf. "Was willst du bei den Bonzen?" Ich weiß nicht, sage ich. Ich möchte wissen, wie Banker feiern. Andy ist in Frankfurt am Main aufgewachsen. Nach dem Abi floh er nach Berlin. Zu bieder sei ihm Frankfurt gewesen. Zu glatt. Andy zieht einen Stift aus der Hosentasche. Er kritzelt Namen von Straßen und Kneipen auf die Serviette: Freßgass, Euro Deli, BB Bar. "Keine Ahnung, ob da was geht", sagt er.

19.15 Uhr Wer zum ersten Mal am Hauptbahnhof in Frankfurt ankommt, ist überrascht, wie kaputt die Stadt ist. Und das ist durchaus positiv gemeint. Frankfurt hat ja ein lausiges Image: Bankenstadt. Reichenghetto. Um den Bahnhof aber: Döner-Buden, Spielcasinos, sogar ein Irish Pub. Im Rotlichtviertel in der Taunusstraße lehnen Jugendliche mit Goldketten und Jogginghosen an den Straßenlaternen. Man könnte nun mit der S-Bahn ins hippe, alternative Frankfurt fahren: nach Bornheim oder ins Nordend. Aber das ist nicht der Plan. Der Plan ist, mit den Bankern auszugehen. Eine Nacht unter Reichen. "Zu den Anzugträgern?" Die Literaturstudentin mit den blonden Locken im Irish Pub zuckt mit den Schultern. "Immer den Türmen nach. Irgendwann stehst du auf der Freßgass."

20.00 Uhr Im Tower der Deutschen Bank springen die Lichter an, als Daniel und seine Kumpels im fiftyfour die Nacht eröffnen. Daniel stellt eine Flasche Prosecco auf den Tisch. "Work hard, play hard", sagt er. "Yeah, man", sagen die anderen. Männer mit blau-weiß gestreiften Hemden und Frauen mit blondierten Haaren sitzen an der Bar. Manche von ihnen rauchen Zigarillo oder checken E-Mails auf ihrem BlackBerry. Ich bestelle einen Gin Tonic und versuche nicht aufzufallen. Das ist gar nicht so einfach, denn ich trage einen Kapuzenpullover. "Du bist das erste Mal in Frankfurt, was?", fragt Daniel. Ich nicke. Daniel studiert Betriebswirtschaft in Mannheim und ist seit zwei Monaten für ein Praktikum bei einer Bank in Frankfurt. Er trägt Krawatte, Guttenberg-Frisur. "Man muss auch stilvoll feiern können", sagt er.

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Studentenstädte im Nachttest: Abfeiern von Passau bis St. Pauli
21.45 Uhr "Where are you from?", fragt der Mittdreißiger am Tisch neben mir. Das verwundert nicht, denn Frankfurt ist neben Berlin die internationalste deutsche Stadt. Was verwundert: Er kaut Kaugummi. Ich habe nicht mehr so viele Kaugummi-Kauer gesehen, seit ich vor neun Jahren auf einem Konzert von Grandmaster Flash war. Daniel und seine Freunde unterhalten sich jetzt über Rindercarpaccio und die Jobaussichten bei Großbanken. Es fallen Worte wie "leadership skills" und "business excellence". "Ich habe das commitment, auch 20 Stunden am Tag zu arbeiten", sagt Daniel. Sein Kumpel Lars sagt, er wolle sich im Sommer "mal Goldman geben". Frage in die Runde: Nervt es euch eigentlich, dass Banker so ein grauenhaftes Image haben? Dass alle Welt über ruchlose Spekulanten und unverdiente Boni spricht? "Das ist ein Witz. Plötzlich sollen Banker dafür verantwortlich sein, wenn Länder wie Griechenland schlecht wirtschaften", sagt Daniel. Sicher, es gebe Exzesse, meint Lars, und einige Banker hätten unlautere Geschäfte gemacht. "Aber man darf doch nicht eine ganze Branche in Sippenhaft nehmen." Christoph, der seit einem Jahr bei einem internationalen Finanzinstitut in Frankfurt arbeitet, bekennt, dass es ihm zu denken gebe, wenn er auf Familienfesten gefragt wird, ob er seinen Beruf noch guten Gewissens ausüben könne. Die Krise beschäftigt alle drei. "Die guten Jobs werden weniger. Man muss sich ranhalten", sagt Daniel. Er habe gehört, in Frankfurt stehe eine neue Entlassungswelle bevor, sagt Christoph. "Da schaltest du auch beim Feiern einen Gang zurück."

23.30 Uhr Vor der Europäischen Zentralbank in der Innenstadt kampieren nach wie vor zwei Dutzend Anhänger der Occupy-Bewegung in Zelten. Sie haben ein Lagerfeuer angezündet, trinken Bier. "Banken enteignen" steht auf den Bannern. "Wir geben erst auf, wenn sich an diesem kranken System etwas ändert", sagt einer der Demonstranten. In der Living XXL Bar gleich nebenan sitzt eine Gruppe englischer Investmentbanker auf hellen Ledersofas, sie bestellen Wodka-Red-Bull. An der Wand hängen Flachbild-Fernseher. Es läuft monotone Chillout-Musik. Brandon ist vor wenigen Monaten aus London nach Deutschland gezogen. Er sagt, die Frankfurter Partys seien "lahm". In London und New York werde viel exzessiver gefeiert. Dort leben die jungen, hungrigen Zocker. In Frankfurt die Beamten.

2.00 Uhr In der Zar Vodkabar riecht die Luft nach Alkohol und Schweiß. Frauen in kurzen Röcken und Männer mit halb offenem Hemd tanzen um eine Metallstange. Daniel lockert seine Krawatte. Die Vodkabar sei Bankertreff nach Mitternacht. "Leider geil", ruft er. Seine Freunde grölen. In Frankfurt hören gerade alle das neue Lied von Deichkind. Die Jungs liegen sich in den Armen und beginnen zu singen: "Hör auf zu denken, schalt dein Gehirn aus, follow your instincts - leider geil."

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1. Mal 'ne Frage
Paul Panda 18.04.2012
Zitat von sysopWie feiern neureiche schnöselige Banker? Das fragte sich Maximilian Popp - und tauchte ein ins Nachtleben von Frankfurt am Main. Zwischen Gesprächen über Rindercarpaccio und Goldman Sachs lernte er, Deichkind grölend, das Motto der jungen Anzugträger kennen: "Man muss auch stilvoll feiern können." Party-Logbuch Frankfurt: "Work hard, play hard" - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,827348,00.html)
Eines habe ich nicht verstanden: Warum grölte der Autor denn dauernd "Deichkind"? Ist das ein neuer Schlachtruf der SPON-Redakteuere, der Name eines Getränks, das gerade in Mode ist, oder ein Codewort für "Es lebe der Profit"?
2.
spon-facebook-1499472381 18.04.2012
Warum erscheint dieser Artikel im Uni-Spiegel, wenn es überhaupt nicht um die Studenten-Party-Szene in Frankfurt geht? Die Bildunterschrift des ersten Bildes suggeriert etwas anderes, als im anschließenden Artikel beschrieben wird: "Bonzen unter sich: Im Auftrag des UniSPIEGEL testet Maximilian Popp das Nachtleben in Deutschlands Studentenstädten. Diesmal: Frankfurt am Main. Nach Mitternacht wird die Zar Vodkabar zum Bankertreff." Wirklich gute Studentenpartys findet man sicher nicht auf der Fressgass.
3.
catdoe123 18.04.2012
Frankfurt hat glücklicherweise mehr zu bieten als die paar Bänker. Trotzdem so aufregend wie London, Berlin oder Köln ist die "Partystadt" Frankfurt sicher nicht. Die oben genannten Locations sind vielleicht bei Bänkern und Aufschneidern beliebt abr ganz bestimmt nicht repräsentativ für Frankfurt. Wer richtig gut feiern will muss sich schon etwas genauer infomieren.
4. "Arbeit", daß ich nicht lache!
SpieFo 18.04.2012
Zitat von sysopWie feiern neureiche schnöselige Banker? Das fragte sich Maximilian Popp - und tauchte ein ins Nachtleben von Frankfurt am Main. Zwischen Gesprächen über Rindercarpaccio und Goldman Sachs lernte er, Deichkind grölend, das Motto der jungen Anzugträger kennen: "Man muss auch stilvoll feiern können." Party-Logbuch Frankfurt: "Work hard, play hard" - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,827348,00.html)
Tja, was Bankster so als "Arbeit" betrachten. Auf Kunden einreden, bis sie den Mist glauben, was man denen verzapft und sie endlich die Paiere kaufen, die die eigene Firma loswerden will; sie weiss schliesslich besser als Omma, warum... Oder stundenlang vor 4 bis 6 Monitoren sitzen, vier Telefone vor sich, und dann Kurven beobachten, um dann reflexartig auf die richtige Taste hauen. Zusehen zu müssen, wie gerade 1000, nein 2000, nein 10000 den Bach runtergehen (was wird da der Chef wieder sagen), oder vom Adrenalin überschüttet zu werden, wenn der Trade aufgegangen ist un der Gewinn gerade die 3000 überschritten hat, 4000, 5000. Und das alles in wenigen Minuten, und viele Male am Tag. Das ist wirklich hart. Naja, wenn man's dann "Arbeit" nennt. Das ist eher Daddeln auf hohem Niveau, mit hohen Einsätzen. Ahem, was ist das Ergebnis seit 8h: 4 Deals, 36 Punkte, Hebel 100: Danke.
5.
frankfurter 18.04.2012
Leute - soll das ein Witz sein. Da schickt Ihr irgendnen Milchbubi durch Frankfurter Touri-Schuppen und lasst ihn dann ueber das Nachtleben schreiben... Seriously?? Frankfurt hat exzellente Clubs und Bars fuer jeden Geldbeutel. Hier gibts naemlich nicht nur Reiche... OK, New York ist es nicht, aber was ist schon wie NY. Und da gibts auch nicht nur Reiche. Also, wie seit Jahrhunderten fuer die Journaille ueblich: erst richtig recherchieren, dann Klappe auf. Vielleicht ists aber auch gut so, weil uns der Artikel nicht die 10,000 Sachbearbeiterin aus Wanne-Eickel in die Clubs spuelt - wie das heute in Berlin ist.
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Heft 2/2012 Wie junge Philosophen über Gott, das Böse und die Liebe denken

Zum Autor
Maximilian Popp 25, ist SPIEGEL-Redakteur. Für diese UniSPIEGEL-Serie übers Feiern in deutschen Studienstädten hat er sich freiwillig gemeldet.
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