Öko-Kurs für bewusstes Leben: Das Löwenzahn-Experiment

Von Birk Grüling

An der Uni Göttingen probieren Jurastudent Niklas Richelshagen und Kommilitonen ein Leben aus, das streng ökologischen Regeln folgt. Fürs Gemüsepflanzen und Liegen in der Hängematte gibt es hier sogar Credit Points. Rückbesinnung aufs Wesentliche oder träumerischer Fluchtversuch?

Studenten und ihr Garten: Wir sind dann mal öko Fotos

Niklas Richelshagen hat sein Leben umgekrempelt. Zwar stammt der Göttinger Student aus einer Bauernfamilie, aber zu Schulzeiten habe er mit ökologischer Lebensweise nichts am Hut gehabt.

Heute ist er Vegetarier und lebt auf dem Land in einer kleinen Kommune mit seiner Freundin, seinem Bruder und dessen Freundin. Und ein- bis zweimal in der Woche verlässt der Student Uni und Kommune und übernachtet in einem Bauwagen. Der steht auf dem Permakulturraum-Gelände, einer Art Ökogarten und zugleich ein interdisziplinäres Forschungsprojekt vor den Toren der Uni-Stadt Göttingen.

Eine Reise in die kanadische Wildnis habe ihn geprägt, ebenso sein Bachelor-Studium in Ökosystemmanagement - und natürlich der Permakulturraum, sagt Richelshagen, der im vierten Semester Jura studiert. "Für mich war die intensive Beschäftigung mit der Natur ein Wendepunkt."

Eine kleine Wildnis, wie bei Peter Lustig

Öko ist in Deutschland schon lange Trend, und gerade unter Akademikern gehören Mülltrennung, Strom- und Wassersparen seit Jahrzehnten zum kleinen Einmaleins der umweltfreundlichen Lebensführung. Seit einiger Zeit aber errechnen besonders umsichtige Mensch auch noch ihren ökologischen Fußabdruck, also einen Wert, der greifbar macht, wie sehr der private Konsum die Umwelt durch Ressourcenverbrauch belastet.

"Schon kleine Maßnahmen reduzieren den Fußabdruck", sagt Richelshagen. Zuerst hätten er und einige Mitstudenten ein Semester lang ausprobiert, was ohne große Einschränkungen im Alltag möglich ist. Aber das war ihnen nicht genug. Sie fragten den Landschaftsarchitekten und Umweltaktivisten Uwe Scheibler nach einer Experimentierfläche, um die Möglichkeiten eines nachhaltigen Lebenswandels zu erforschen. So entstand der Permakulturraum.

Akkurat, fast wie mit einem Lineal gezeichnet, schmiegen sich ringsum Raps- und Getreidefelder aneinander. Inmitten dieser Versuchsflächen der Fakultät für Agrarwissenschaften bricht ein kleines Stückchen Hippie-Garten die Geometrie auf. Hinter Maschendrahtzaun wachsen wilde Büsche, die Beete sind mit Feldsteinen abgegrenzt und mit dem roten Bauwagen erinnert die kleine Wildnis ein wenig an Peter Lustigs Garten aus der Kinderserie "Löwenzahn".

"Die Universität hat uns den alten Pflanzgarten überlassen", sagt Landschaftsarchitekt Scheibler. Der drahtige Mitfünfziger trägt Outdoor-Kleidung. Während er sein Fahrrad auf das Gelände schiebt, deutet er mit ausgestrecktem Arm über eine Wiese und auf die schnurgerade gesetzten Pflanzen hinter dem Zaun. Im Gegensatz zu den Nachbarn aus der konventionellen Landwirtschaft gehe es ihm "nicht um kurzfristige Erträge aus Monokulturen", sondern darum, die "natürlichen Ökokreisläufe komplett und nachhaltig zu nutzen", erklärt er.

Der Permakulturraum sei "ein Labor für ein bewussteres Leben", allerdings unter wissenschaftlichen Rahmenbedingungen. Akribisch würden die Erträge der Pflanzen bestimmt, jeder Versuch dokumentiert. Ein Student etwa schlief während des Winters mehrere Tage in einer Hängematte und führte dazu ein Forschungstagebuch. Inzwischen ist die Arbeit im Permakulturraum auch Teil eines Studienmoduls, das allen Fachbereichen offensteht. Einen Leistungsnachweis bekommt, wer sich insgesamt acht Stunden im Semester einbringt.

"Für Außenstehende mag das verschroben wirken"

"Wir setzen dabei auf Freiraum beim Lernen", sagt Schreibler. Es gebe einzelne Zielvorgaben, aber in erster Linie gehe es ums Ausprobieren. So hat sich auch Jurastudent Richelshagen sein gärtnerisches Wissen nach dem Trial-und-Error-Verfahren angeeignet. "Obwohl ich aus einer bäuerlichen Umgebung komme, wusste ich nicht viel übers Pflanzen oder das richtige Saatgut. Natürlich scheitern wir auch mal, aber das gehört zum Forschen dazu."

Freies Lernen und persönliche Erfahrungen klingen schön - aber kann ein Bauwagenplatz mit hohen Brennnesseln und Naturtoilette wirklich einen akademischen Beitrag für eine hochindustrialisierte Gesellschaft leisten? Skepsis gegenüber seinem kleinen Ökodorf pariert Scheibler routiniert. "Für Außenstehende mag das manchmal etwas verschroben wirken", sagt er. Aber Alternativen seien eben dringend nötig, denn die konventionelle Landwirtschaft habe auf zu viele Fragen keine befriedigenden Antworten.

Dass die industrielle Landwirtschaft dazulernen kann findet auch Achim Spiller, Professor für Agrarwissenschaften und Marketing an der Uni Göttingen. Seiner Fakultät gehören die konventionellen Felder, die Scheiblers Permakulturraum umschließen. Das Projekt sei "eine nette und ungewöhnliche Idee", den Hunger auf der Welt werde man damit aber nicht besiegen. Der Garten könne jedoch Impulse geben, gerade was die Vermarktung angeht. Der konventionellen Landwirtschaft werde mehr und mehr misstraut, in Sachen Verbrauchernähe sei der Permakulturraum daher ein Vorbild.

Für Niklas Richelshagen ist das Gartenexperiment vor allem der Einstieg in ein Leben, wie er es sich für seine Zukunft ausmalt. "Später möchte ich nicht mit Frau und Kindern abgeschottet in einer Stadtwohnung leben, sondern gemeinsam in einer Kommune." 20 Stunden pro Woche will er dann als Umweltanwalt arbeiten und sich ansonsten lieber um Familie und Garten kümmern. Dass das utopisch klingt, ist ihm egal. Er ist schon jetzt sehr zufrieden mit seinem Landleben, missionarisch wirken will er nicht. "Jeder sollte selbst einen Weg finden, etwas für unsere Zukunft zu tun."

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insgesamt 13 Beiträge
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1.
meinmein 20.08.2012
Muss denn jede Generation alles von neuem ausprobieren? Diese hier haben wir doch schon in den Siebzigern vergeblich gemacht und dann richtige Arbeit gefunden und richtig Geld verdient.
2.
+.+ 20.08.2012
---Zitat--- Ein Student etwa schlief während des Winters mehrere Tage in einer Hängematte und führte dazu ein Forschungstagebuch. ---Zitatende--- Durch meinen Kopf rauscht gerade ein Bildersturm zum Thema faule Studenten...
3. kollektives Gehirn
easylivin_1 20.08.2012
Zitat von meinmeinMuss denn jede Generation alles von neuem ausprobieren? Diese hier haben wir doch schon in den Siebzigern vergeblich gemacht und dann richtige Arbeit gefunden und richtig Geld verdient.
Wie gut, dass wir kein kollektiv gleichgesachaltetes Gehirn haben. Die Freiheit ist uneffizient. Aber was soll´s - Am Ende landen wir eh alle bei 0.
4. Ich wollte m,ich schon schulterzuckend
SpieFo 20.08.2012
Zitat von sysopAn der Uni Göttingen probieren Jurastudent Niklas Richelshagen und Kommilitonen ein Leben aus, das streng ökologischen Regeln folgt. Fürs Gemüsepflanzen und Liegen in der Hängematte gibt es hier sogar Creditpoints. Rückbesinnung aufs Wesentliche oder träumerischer Fluchtversuch? Universität Göttingen: Studenten testen Öko-Leben im Permakulturraum - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,849811,00.html)
abwenden, dann schaute ich mir doch noch die Bilder an. Genau: Den alten Krempel untern Wohnwagen geschmissen, Plastikfass als Wasserbehälter, das Zelt sieht eher nach Hightech-Gewebe aus.... Naturnah ist eben schwierig, das mit dem Fußabdruck. Wenn wir alle mal so leben müßten, wer produziert dann noch Kunststoffe und Kunstfasern, wer verzinkt das Eisenblech, und vor allen Dingen, wer kann das dann noch bezahlen? Und womit? Smile, nettes wissenschaftlich verbrämtes Freizeitvergnügen, fast schon Kunst.
5. ...
litholas 20.08.2012
Zitat von +.+Durch meinen Kopf rauscht gerade ein Bildersturm zum Thema faule Studenten...
Muss hart trainieren um mehrere Tage schlafen zu können...
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