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10. März 2005, 12:58 Uhr

US-Klamauk

Der verschrobene Humor der College-Boys

Von Martina Rampas

Unter US-Studenten hat eine Webseite Kult-Status erreicht: Dort können hauptsächlich delirierende Kommilitonen in peinlichen Posen beobacht werden. Die Betreiber der Seite, vier Hochschulabgänger, verdienen mit dem groben Unfug gutes Geld.

Die vier von der Humor-Stelle: Ricky Van Veen, Josh Abramson, Zach Klein, Jakob Lodwick, von links oben, im Uhrzeigersinn
CollegeHumor

Die vier von der Humor-Stelle: Ricky Van Veen, Josh Abramson, Zach Klein, Jakob Lodwick, von links oben, im Uhrzeigersinn

Langsam taucht ein Kran ins Wasser, um ein Auto aus dem Bach zu hieven. Für einen Augenblick ist die Schnauze des Wagens zu sehen, dann fällt er wieder zurück in die Tiefe. Der Kran schwankt kurz und kippt dann in voller Länge hinterher. Finden Sie das lustig? Nein? Wie wär's dann damit: Eine Gruppe von Freunden steht im Kreis und versucht, sich unter großem Gelächter eine Heftklammer in den Unterarm zu rammen.

Lustig finden das zumindest die Betreiber der Webseite www.collegehumor.com, die groben Unfug dieser Art, durch Videos und Photos ins Bild gesetzt, im Internet veröffentlichen. Die Seite wird von vier amerikanischen Studienabgängern betrieben, alle Anfang 20, die mit ihrer Geschäftsidee im vergangenen Jahr rund zwei Millionen Dollar Umsatz erwirtschafteten. Die Zugriffszahlen, die die Betreiber melden, sind beachtlich: sechs Millionen Online-Nutzer und 150 Millionen Page Impressions pro Monat.

1999 wurde die Seite von den beiden Wirtschaftsstudenten Josh Abramson und Ricky Van Veen aus der Taufe gehoben. Sie sammelten Links und Witzchen, die sich Studenten gegenseitig zumailten. Das Material wuchs bald derart an, dass sie jemanden brauchten, der sich um die Technik kümmerte: Jakob Lodwick kam mit an Bord und etwas später der Kunststudent Zach Klein.

Alkoholgetränkte Videos

Als Josh, Ricky und Jakob vor anderthalb Jahren ihr Studium beendeten, fingen sie gar nicht erst an, Bewerbungen zu schreiben, sondern widmeten sich ihrem Gründerprojekt.

Screenshot der Webseite CollegeHumor: Unsinn-Sammlung
CollegeHumor

Screenshot der Webseite CollegeHumor: Unsinn-Sammlung

Der Stoff für ihre beliebte Seite droht ihnen nicht auszugehen: Ständig erhalten sie neue Beiträge: ein Überblick, mit welchen Späßen sich US-amerikanische College-Studenten ihre Freizeit vertreiben - obwohl diese alles andere als repräsentativ sind.

Ähnlich wie beim "Spring Break", dem alljährlichen exzessiven Party-Ritual von angehenden Akademikern, spielen erhöhte Promillezahlen eine wichtige Rolle: "Wir haben hier so restriktive Alkoholgesetze - man kommt ja unter 21 Jahren in keine Bar rein -, dass die Leute völlig ausflippen, wenn sie ins College kommen und Alkohol trinken können", erklärt Jakob. "Sie sind zum ersten Mal richtig frei, und das feiern sie wie die Verrückten."

Ein Loft in Tribeca

Im vergangenen Sommer wagten die vier Kalifornier den großten Sprung nach New York. "Hier ist das Lebenstempo schneller, alles viel aufregender, hier passen wir rein", bekunden sie einmütig, während sie entspannt auf einem großen Ecksofa in ihrem Loft im Viertel Tribeca lümmeln. Bisher läuft alles wie am Schnürchen. Während der Umsatz im Dezember 2003 rund 45.000 Dollar betrug, lag er im vergangenen Dezember schon bei über 400.000 Dollar.

Bei Frauen unbeliebt: "The shocker"
CollegeHumor

Bei Frauen unbeliebt: "The shocker"

Das macht die horrende Monatsmiete von 10.000 Dollar in Manhattan erträglich. Wer die Geschäftsräume betritt - das fünfte Schlafzimmer der Wohngemeinschaft dient als Büro - sucht Hinweise auf die Quelle des Geldsegens vergeblich: Bierdosen, anzügliche Fotos oder sonstige Anklänge an das Tagesgeschäft mit der Webseite sind nirgends zu sehen. Stattdessen adrette Ledermöbel, ein Piano und peinlichste Sauberkeit.

Der Geschäftserfolg enthält aber einen Wermutstropfen: Das weibliche Geschlecht zeigt sich zwar nicht zugeknöpft - die Webseite erhält viele Zusendungen von exhibitionistisch veranlagten Studentinnen - aber doch weniger zugänglich für derbe Späße als ihre männlichen Kommilitonen. Die Betreiber versuchten, den Frauenanteil unter den Lesern von rund 30 Prozent zu steigern, bislang ohne großen Erfolg.

T-Shirts und schlimme Finger

Das mag auch am Angebot liegen: T-Shirts mit Aufschriften wie "Sex: Do it for the kids", die die Hälfte des Umsatzes ausmachen, mögen Studentinnen noch ein Schmunzeln entlocken. Der Superseller "The shocker", einer Schaumhand mit spezieller Fingerstellung, deren Reiz laut Ricky darin liegt, dass keiner über 25 Jahren weiß, dass es sich hierbei um eine obszöne Geste handelt, findet dagegen wenig Käuferinnen.

Streetwear mit Slogan "Sex. Do it for the kids"
CollegeHumor

Streetwear mit Slogan "Sex. Do it for the kids"

Auch privat laufe es mit den Frauen "gar nicht gut", erzählt Josh. Die New Yorkerinnen sähen zwar super aus, wären aber ansonsten "eher uninteressant". Umso besser also, dass sich die Freunde und Geschäftskollegen selbst als Workaholics bezeichnen, die kaum Zeit für Privatleben haben.

Nach eigenen Angaben erreichen sie mit ihrem Collegehumor acht Millionen junge Leute, Konkurrenz fürchten sie keine, nicht nur weil "wir uns ja alle gegenseitig verlinken", sondern auch weil sie sich deutlich von anderen Webseiten unterscheiden. "The Onion" zum Beispiel, 1988 von Studenten gegründet, baut eher auf politische Satire und Schlagzeilen, die die Fixierung der US-Gesellschaft auf sich selbst auf die Schippe nimmt: "Tsunami-Opferzahl steigt auf 36 Amerikaner" ist da beispielsweise zu lesen.

Darüber kann auch das Quartett lachen, aber generell neigt ihr Humor zum gehobenen Schwachsinn: "Wenn ich eine Robbe sehe, muss ich lachen", sagt Ricky und bekommt allein von der Vorstellung einen Lachkrampf. Mit dieser ungewöhnlichen Form von Humor will die Klamauk-Company expandieren. Ein Buchprojekt ist in Arbeit, dann sollen Fernsehshows folgen. Und irgendwann, so die Pläne der vier, werden ihnen ihre bierseligen Fans auch in die Kinosäle folgen.

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