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US-Studenten am Online-Pranger: Kifferjagd mit Kopfgeld

Ganz entspannt lassen tausende von Studenten der Universität Colorado einmal im Jahr den Joint kreisen - bei einer Art "Kiff-in" auf einem Acker nahe Boulder. Diesmal hat's die Polizei fotografiert und fahndet nach den Teilnehmern: mit Steckbriefen im Internet.

Es ist eine Tradition, eine zweifellos umstrittene. Und dennoch treffen sich tausende von Studenten jedes Jahr am 20. April auf einem Feld in der Nähe der Stadt Boulder zum gemeinsamen Kiffen. Die festival-artige Zusammenkunft im Dunstkreis der University of Colorado ist seit 1970 so beliebt wie verboten. Hart eingeschritten ist die Polizei allerdings bisher nicht.

Web-Fahndung: Fotos der Hasch-Freunde auf der Homepage der Uni

Web-Fahndung: Fotos der Hasch-Freunde auf der Homepage der Uni

In diesem Jahr aber will sie offenbar all das nachholen, was sie zuvor versäumt hat. An der Universität gibt es eine eigene Polizeidienststelle, die sowohl an die staatlichen Gesetzen als auch an die Regeln der Universität gebunden ist. Am letzten Donnerstag stellte die Hochschule 150 Fotos von Studenten, die sich auf dem Gelände befanden, auf ihre Homepage. Gestern legte sie nach - mit weiteren 50 Fotos. Und wie es sich für einen richtigen Steckbrief gehört, gibt es auch eine Belohnung: 50 Dollar für jede identifizierte Person.

Ein regelrechtes Kopfgeld, Studenten am Internet-Pranger - richtig überraschen sollte das die Teilnehmer des "Kiff-ins" eigentlich nicht. Dass Kiffen verboten ist, wissen sie. Und immerhin hatte die Universität, wie sie betont, mit fast 40 Schildern rund um das Feld darauf hingewiesen, dass das Betreten verboten sei und dass es eine Überwachung durch Videos und Fotos gebe.

Die Fotoausstellung auf der Webseite zeigte Wirkung: "Das Telefon stand nicht mehr still", sagte Polizeisprecher Tim McGraw der Zeitung "Colorado Daily". Bereits drei Stunden, nachdem die Bilder online waren, seien 50 Hinweise eingegangen. Auf etlichen Bildern steht inzwischen "Identified". Die meisten Fotos zeigten eindeutig, wie Teilnehmer Pfeife rauchen, Joints rollen oder an der Bong ziehen, so McGraw. Um in jedem Fall dagegen vorgehen zu können, hatten die Ordnungshüter den Versammlungsplatz in diesem Jahr vorsorglich gesperrt: "Wenn wir ihnen keinen Marihuana-Konsum nachweisen können, müssen die Personen immer noch mit Geldstrafen wegen unbefugten Betretens rechnen", erklärt McGraw.

Die Kiffer-Gemeinde verliert ihre Gelassenheit

Andrea Hansen, 19, war eine von den fast 2500 Studenten, die auf dem so genannten Smoke-Out dabei waren. Sie selbst sei nicht fotografiert worden, "aber meine Freundin zweimal. Sie ist jetzt total verängstigt." Als Hansen hörte, dass hunderte Anrufe bei der Polizei eingingen, sei sie sehr überrascht gewesen. "Allerdings sind 50 Dollar auch kein Pappenstiel", sagte die Studentin "Colorado Daily" und wies auf die Marihuana-Preise hin: "Da ist also der Anreiz."

"Man behandele die Studenten fast wie Kinderschänder", schimpfte Mason Tvert, Direktor von "Safer Alternative for Enjoyable Recreation". Die Gruppe mit dem kuriosen Namen aus Boulder vertritt die Ansicht, dass Kiffen ungefährlicher als Alkoholkonsum sei. "Sie versuchen, mit Geld eine Spitzelkultur auf dem Campus zu etablieren. Bei Steckbriefen zu Alkoholmissbrauch würden sie in arge Schwierigkeiten geraten", so Tvert in der Zeitung "Summit Daily News". Jeder, der fotografiert wurde, könne sich bei seiner Organisation melden und Unterstützung erwarten.

Während die Kiffer-Gemeinde sich empört, stellte Polizeisprecher McGraw klar, dass das Problem Alkoholmissbrauch weiter die oberste Priorität behalte. Allerdings müsse gegen den offenen Marihuanakonsum auf dem Acker entschieden vorgegangen werden. Bei nachgewiesenem Konsum werde die Polizei rechtliche Schritte einleiten.

Universitätssprecher Barrie Hartmann erklärte, er wisse nicht, wie lange die Identifizierung laufe. Von der Hochschule erwarteten die Teilnehmer des Treffens 100 Dollar Strafe (damit wäre das Kopfgeld gleich doppelt refinanziert) und einen Eintrag wegen des Verstoßes gegen Uni-Regeln. "Wir stehen unter Druck und fühlen uns zur Kooperation gezwungen", sagt Hartmann. "Wenn die Gesetzgeber wollen, finden sie einen Weg, um die Gelder für die Universität zu kürzen." Er sieht das strikte Vorgehen in diesem Jahr als Exempel, damit die Studenten im nächsten Jahr ruhiger werden.

Marc Muniz indes ist sicher, dass niemand etwas zu befürchten habe: "Das ist bloßer Aktionismus der Polizei, damit es so aussieht, als würden sie etwas tun", sagte der Student der "Summit Daily News", "hinbekommen werden die nichts."

ded

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