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Rassismus in USA: Armer weißer Mann?

Von , New York

Rassismus-Streit in den USA: Du schwarz, ich weiß? Fotos
FOX NEWS

Die USA führen eine neue, leidenschaftliche Rassismusdebatte, dabei sorgt ein weißer Elitestudent für Furore: Er sei es leid, sich ständig seine Privilegien vorwerfen zu lassen. Seine These kommt an - viele weiße Amerikaner sehen ihre Dominanz gefährdet.

So hatte sich Tal Fortgang das wohl kaum vorgestellt. Der Student an der Elite-Uni Princeton wollte mit einem Essay für ein obskures konservatives Blättchen höchstens ein paar Kommilitonen erreichen. Stattdessen scheint er nun die gesamten USA aufgebracht zu haben - für sich oder gegen sich, je nachdem.

Er sei ganz "ausgebrannt von all der Aufmerksamkeit", beklagt sich der 20-Jährige jetzt in einer E-Mail an "Newsweek": "Ich möchte wirklich, dass sich dieser Wirbel legt."

Ein frommer Wunsch. Der Princeton-Novize, der Geschichte oder Politik studieren will, hat nämlich in Amerikas wildestes Wespennest gegriffen - die neue, stürmische Debatte um Rassismus, "Affirmative Action" und den demografischen Wandel in der USA, wo die historische Mehrheit der Weißen unaufhaltsam schmilzt.

Alles begann im April mit einem Aufsatz in der rechten Studentenpostille "Princeton Tory". Damit mischte sich Fortgang in die laufende Rassismus-Debatte ein, indem er sich selbst zum Opfer stilisierte und so einen alten Mythos neu belebte - den der unterdrückten Weißen.

Er schrieb darin, Weiße seien zwar meist die "Strippenzieher der Welt". Doch habe er es satt, dass das als "weißes Privileg" abgetan werde und er sich dafür auch noch schämen müsse. "Check your privilege", so laute ein populärer Slogan an "linken" Unis wie Princeton: Vergiss nie, dass du es als Weißer stets einfacher hast.

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Rassismus im Alltag: "Monica - nicht My Nigga"
Dem widersprach Fortgang: Seine Erfolge erklärten sich "nicht immer durch Geschlecht oder Hautfarbe" - sondern durch "all die harte Arbeit, die ich in meinem Leben geleistet habe". Das zu "schmälern", indem man den USA weiterhin latenten Rassismus vorwerfe, sei eine "Phrase", die auf Weiße abgeschossen werde "wie eine Obama-sanktionierte Drohne".

Um seine These zu untermauern, berichtete Fortgang von seinen gar nicht privilegierten weißen Vorfahren. Von seiner Großmutter, die das KZ Bergen-Belsen überlebt habe. Von seiner Urgroßmutter und ihren fünf Kindern, die erschossen und ins Massengrab geworfen worden seien. Von seinem Großvater, der später als "mittelloser jüdischer Immigrant" in den USA ein neues Leben begonnen habe.

"Ich habe mein Privileg gecheckt", schloss Fortgang, "und ich entschuldige mich für nichts."

Starker Tobak - und doch im Trend: Amerikas schwindende weiße Mehrheit begehrt auf gegen die gesellschaftlichen Umwälzungen, die sich nicht zuletzt in den Ergebnissen der vergangenen Präsidentschaftswahlen offenbart haben. Denn bei denen bestimmten erstmals die Noch-Minderheiten den Ausgang.*

Fortgangs Abhandlung wäre eigentlich untergegangen. Doch dann druckte "Time" den Aufsatz diese Woche nach - mit scharf zugespitztem Titel: "Warum ich mich nie für mein weißes, männliches Privileg entschuldigen werde."

Fortgangs Argument: Diskriminierung nach Hautfarbe oder Herkunft kann sich andersrum auch gegen Weiße richten. Der Umstand, "dass ich, nur weil ich einer bestimmten ethnischen Gruppe angehöre, mit ihr kollektiv abgeurteilt werde", sei fast so rassistisch wie Rassismus.

Es ist ein Argument, das Weiße neuerdings wieder gern bemühen: Sie gerieren sich als Opfer eines umgekehrten Rassismus - etwa der Quoten für Minderheiten ("Affirmative Action"), die das Ungleichgewicht an den Universitäten ausbalancieren sollten, jetzt aber politisch langsam aus der Mode kommen.

"Tal Fortgang ist ein Idiot", schreibt Katie McDonough - eine Weiße - in einer Replik im Online-Magazin "Salon", "aber beim Thema Rassismus in Amerika ist er kein Einzelfall."

Entsprechend die Reaktionen. Beide Seiten heben Fortgang auf den Schild. "Student stutzt Linke zurecht", jubelte der konservative Kabelkanal "Fox News". Fortgangs "Privileg", schrieb dagegen seine schwarze Kommilitonin Briana Payton, bestehe aus der prinzipiellen "Unfähigkeit", Rassismus zu verstehen, da er ihn als verwöhnten Weißen "nicht betrifft".

Fortgang: "Keine rassistische Ader"

In der Tat macht Fortgang den gleichen Fehler wie so viele: Kein Weißer kann sich ins Dasein eines Schwarzen hineindenken, geboren mit dem Bewusstsein, anders gesehen zu werden - oder gar nicht, so der schwarze Autor Ralph Ellison schon 1952 in seinem Schlüsselroman "Der unsichtbare Mann".

Auch ignoriert Fortgang den oft noch fest institutionalisierten Rassismus in Wirtschaft, Gesellschaft und Justiz. "Ertappte" oder offene Rassisten dienen da nur als groteske Medien-Sideshows: NBA-Teamchef Donald Sterling, Südstaaten-Starköchin Paula Deen, der von "Negern" faselnde Rancher Cliven Bundy.

Im Alltag zeigt sich Rassismus überall. Nur ein Bruchteil des Gesamtvermögens der US-Bürger besitzen die Schwarzen, Reichtum ist in den USA überproportional weiß. Ihre Arbeitslosenquote ist fast doppelt so hoch wie die der Weißen, ihre Schulen sind schlechter, ihre Gehälter niedriger, ihre Haftstrafen länger, Todeszellen sind überdurchschnittlich mit Schwarzen besetzt.

Auch der Supreme Court (sieben Weiße, eine Latina, ein Schwarzer) als letzte Instanz hilft da wenig. Kürzlich kippte er die "Affirmative Action" in Michigan, voriges Jahr höhlte er den Voting Rights Act von 1965 aus, mit der Begründung, Diskriminierung und Rassismus seien in den USA passé - ein typisch weißes Argument.

"Ich habe keine rassistische Ader", versicherte Fortgang der "New York Times". Aber, so gab er zu, auch kein Gespür für die Nuancen eines solch pikanten Themas: "Ich lerne, dass ich lernen muss."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 54 Beiträge
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1. Differenzierung tut auf beiden Seiten not!
analyse 09.05.2014
Die Wahrheit muß ermittelt ,und darf dann auch ausgesprochen werden -egal welche Ideologie dagegen steht !
2.
peter234 09.05.2014
Benachteiligungen aufgrund von Hautfarbe sind Rassismus, egal welche. Benachteiligungen aufgrund von Geschlecht sind Sexismus, egal welches. Diejenigen, die auszogen diesen Rassismus und Sexismus zu beenden, haben nur die Opfer ausgetauscht.
3.
gfh9889d3de 09.05.2014
Zitat von sysopFOX NEWSDie USA führen eine neue, leidenschaftliche Rassismus-Debatte, dabei sorgt ein weißer Elite-Student für Furore: Er sei es leid, sich ständig seine Privilegien vorwerfen zu lassen. Seine These kommt an - viele weiße Amerikaner sehen ihre Mehrheit bedroht. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/usa-rassismus-debatte-durch-aufsatz-von-student-tal-fortgang-befeuert-a-968434.html
Mit diesem Satz ist jede Diskussion beendet. Ein Gruß an Michael Jordan.
4.
Olaf 09.05.2014
Zitat von sysopFOX NEWSDie USA führen eine neue, leidenschaftliche Rassismus-Debatte, dabei sorgt ein weißer Elite-Student für Furore: Er sei es leid, sich ständig seine Privilegien vorwerfen zu lassen. Seine These kommt an - viele weiße Amerikaner sehen ihre Mehrheit bedroht. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/usa-rassismus-debatte-durch-aufsatz-von-student-tal-fortgang-befeuert-a-968434.html
Ja, unerhört.
5. Typisch weiße Argumente
FocusTurnier 09.05.2014
Weiße Männer sind mittlerweile an Hochschulen in der Minderheit. An den amerikanischen Unis sind ca. 70% der Studierenden weiße Frauen. Das Ganze wird auch noch deutlicher wenn man sich diesen Artikel durchliest: "“Hey, where are all the college guys?” inquired USA Today in 2001; “Gender imbalance in college applications: Does it lead to a preference for men in the admissions process?” asked the Economics of Education Review journal in 2005; and Shirley Wilcher, executive director of the American Association for Affirmative Action, proposed in Diverse in 2010 that “Affirmative Action May be Needed — for Men.”" http://diverseeducation.com/article/61276/ Das passt auch zu einem Bericht von Christina Hoff Sommers im TIME Magazine. Dort schrieb sie vor einiger Zeit: "School Has Become Too Hostile to Boys And efforts to re-engineer the young-male imagination are doomed to fail" http://ideas.time.com/2013/08/19/school-has-become-too-hostile-to-boys/ Das was in den USA gerade passiert, ist auch eine Folge der dortigen Männerrechtsbewegung. Das es dabei nicht nur um Weiße geht, sondern der Rassismus eher von (weißen) Frauen AUSGEHT, wird in sehr wenigen Artikeln dargestellt. Dieser Artikel zeigt die Misandrie, die sich in Amerika und Kanada bereits ausgebreitet hat. Betroffen davon sind (schwarze, weiße, gelbe usw) MÄNNER: "The Face of Misandry in Academia: A Collection of Banners, Posters and Other Visual Aids" http://www.avoiceformalestudents.com/banners-and-posters-of-misandry/ "The Language of Misandry in Academia: a Collection of Quotes by Faculty Members, Students, and Administrators" http://www.avoiceformalestudents.com/the-language-of-misandry-in-academia-faculty-students-administrators/ Schulen in den USA sind eine jungenfeindliche Umgebung.
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